Festgeschnallt um die Erde

Valentina Tereschkova in der Raumkapsel, MiNr. 996 (alle Abb. Schwaneberger Verlag).

Valentina Tereschkova in der Raumkapsel, MiNr. 996 (alle Abb. Schwaneberger Verlag).

Was M√§nner k√∂nnen, k√∂nnen Frauen allemal. In gewissen Kreisen ruft die Aussage noch immer Erstaunen hervor. Sp√§testens seit den M√§nnern des FC Bayern M√ľnchen erst 2013 gelungen ist, was die Frauen des 1. FFC Frankfurt schon 2002 und 2008, die Frauen des VfL Wolfsburg dann 2013 geschafft haben, m√ľsste eigentlich jeder erkennen, dass Frauen den M√§nnern zumindest ebenb√ľrtig sind.
Daher verwundert es kaum, dass nach Jurij Aleksejevitsch Gagarins Weltraumflug bald die Frage im Raume stand, wann die erste Frau unseren Planeten zeitweise verlassen werde. Heute vor 50 Jahren war es soweit. An Bord von ‚ÄěWostok-6‚Äú startete Valentina Vladimirovna Tereschkova, geboren am 6. M√§rz 1937, um 9.30 Uhr Weltzeit (Universal Time) im Kosmodrom von Baikonur zu einer dreit√§gigen Erdumrundung in 168 bis 218 Kilometern H√∂he. Insgesamt 48-mal kreiste sie um die Erde, festgeschnallt in der Landekapsel, die einen Durchmesser von gerade einmal 2,3 Metern aufwies. Gleich am ersten Tag gelang die geplante Begegnung mit ‚ÄěWostok-5‚Äú, dem Raumschiff, mit dem Valerij Fedorowitsch Bykovskij zwei Tage zuvor gestartet war. Die √ľbrige Zeit fertigte Tereschkova Foto- und Filmaufnahmen von der Erde. Ein geplantes naturwissenschaftliches Experiment musste sie dagegen absagen, da sie die Ausr√ľstung daf√ľr nicht erreichen konnte. Am 19. Juni um 8.20 Uhr landete sie mit dem Fallschirm in der Kasachischen Sowjetrepublik, etwa 620 Kilometer nord√∂stlich von Karaganda. Kontrollierte Landungen der Raumkapseln gab es seinerzeit noch nicht. Tereschkova musste daher in gro√üer H√∂he den Schleudersitz bet√§tigen.

DDR 1963 Briefmarken Gruppenflug Wostok 5 und 6 MiNr. 970, 971

Wostock-5 und -6 n√§herten sich auf etwa f√ľnf Kilometer in der Erdumlaufbahn, MiNr. 970-971.

Anders als Gagarin war Tereschkova nicht zur Kampfpilotin ausgebildet worden, sondern hatte sich als Fallschirmspringerin f√ľr die Aufgabe qualifiziert. Nach der Schule hatte sie mehrere Jahre unter anderem als B√ľglerin in der Fabrik gearbeitet. Im Abendstudium erwarb sie das Technikerdiplom. Seit 1955 als Fallschirmspringerin aktiv, gelang es ihr nach mehreren Anl√§ufen, die Kosmonautenschule zu besuchen. Gemeinsam mit vier weiteren Bewerberinnen bildete sie die zweite Kosmonautengruppe, die f√ľr einen Raumflug ausgebildet wurde. Zwei Kandidatinnen schieden aus; eine hatte die theoretische Pr√ľfung nicht bestanden, andere musste der Gesundheit Tribut zollen. Als dann feststand, dass f√ľr die beiden letzten Wostok-Fl√ľge ‚Äď ‚ÄěWostok-5‚Äú und ‚ÄěWostock-6‚Äú ‚Äď ein Mann und eine Frau ber√ľcksichtigt werden sollten, stand bald Tereschkova als Kosmonautin fest.
Wie seinerzeit √ľblich, war der wissenschaftliche Ertrag gering, die propagandistische Wirkung gewaltig. Nach dem Start des Satelliten ‚ÄěSputnik‚Äú und Gagarins Flug hatte die Sowjetunion im Wettstreit mit den Vereinigten Staaten ein weiteres Mal die Nase vorn. Zugleich wollte sie demonstrieren, dass die Gleichberechtigung von Mann und Frau nicht nur auf dem Papier stand ‚Äď der Alltag sah, wie die geringe Zahl Frauen in F√ľhrungspositionen belegt, allerdings anders aus.

Wenige Wochen nach ihre Raumflug besuchte Valentina Tereschkova die DDR, MiNr. 974 (beide Abb. Schwaneberger Verlag).

Wenige Wochen nach ihre Raumflug besuchte Valentina Tereschkova die DDR, MiNr. 974.

Tereschkovas Popularit√§t √ľberdauerte die Sowjetunion, in der sie formal herausragende Positionen bekleidete: 1966 trat sie in den Obersten Sowjet ein, √ľbernahm 1968 die Leitung des Frauenkomitees, geh√∂rte ab 1971 dem Zentralkomitee der KPdSU an, gelangte 1974 in das Pr√§sidium des Oberstens Sowjets und war im Scheinparlament ab 1976 stellvertretende Vorsitzende der Kommission f√ľr Erziehung, Wissenschaft und Kultur. Ab 1994 leitete sie das Russische Zentrum f√ľr internationale kulturelle und wissenschaftliche Zusammenarbeit. Statt in der KPdSU ist sie Mitglied der Putin-Partei ‚ÄěEiniges Russland‚Äú, f√ľr die sie in der Duma der Oblast Jaroslawl sitzt. Ihre Ordenssammlung, zu der zwei Lenin-Orden diverse weitere Auszeichnungen der Sowjetunion und der Karl-Marx-Orden der DDR z√§hlen, wuchs um den russischen Verdienstorden f√ľr das Vaterland 3. und 2. Klasse.
Erst 1982 schickten die Sowjets erneut eine Frau ins All, Svetlana Jevgenjevna Savizkaja, die zwei Raumfl√ľge absolvierte. 1995 gelang dann Jelena Vladimirovna Kondakova der erste Langzeitraumflug.

Authored by: Torsten Berndt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert