Marke der Woche: Wahre Hauptstadt

Cork als Tourismuszentrum auf Briefmarke„The real Capital“, also die wahre Hauptstadt, so nennen die Einwohner der Hafenstadt Cork ihre Heimat. Cork ist die zweitgrĂ¶ĂŸte Stadt Irlands und einer der wichtigsten HĂ€fen, beides nach Dublin, der „offiziellen Hauptstadt“. Wie Dublin unterlag auch Cork dem historischen Gesetz, dass HafenstĂ€dte zwar Waren und Profit einbringen, gleichzeitig aber auch das Einfallstor fĂŒr unliebsame GĂ€ste sein können. Lange bevor die von den Iren wenig geliebten EnglĂ€nder ins Land kamen, hatten sich sowohl im Osten als auch im SĂŒden der grĂŒnen Insel normannische HĂ€ndler festgesetzt. Wie diese „Handelsreisenden“ es fast ĂŒberall zu tun pflegten, brachten sie vorsichtshalber die ganze Stadt unter ihre Kontrolle und betrachteten sie fortan als ihre eigene.

Das ist nicht sehr höflich, angesichts des exzellenten GeschĂ€ftsinn der nordischen Rauhbeine entwickelte sich die Hafenstadt aber zu einem florierenden Zentrum. Die EnglĂ€nder hatten spĂ€ter das fruchtbare Land vor Augen, als sie sich an die Eroberung machten. NatĂŒrlich wurden sie – wie auch heute noch gern in Ă€hnlichen FĂ€llen angefĂŒhrt – von Iren selbst um Hilfe gerufen. Der alte Trick CĂ€sars, einer unbedeutenden Minderheit als vermeintlich moralische Mehrheit auf den Thron zu helfen und anschließend im Land zu bleiben, ging allerdings nicht ganz auf. Mancher Lord mochte seine irischen Nachbarn gern und wurde am Ende einer von ihnen. Auch militĂ€risch war den Inselbewohnern schwer beizukommen. Zwar verloren sie fast jede Feldschlacht, aber sie wurden nicht mĂŒde, als Guerilla weiter zu agieren. Ende des 15. Jahrhunderts suchte einst ein englischer ThronprĂ€tendent die Hilfe der Stadt Cork beim Sturz des Königs. Das ging grĂŒndlich schief, doch erhielt Cork aus diesen Begebenheiten den Spitznamen „Rebel City“, dem die Stadt in den folgenden Jahrhunderten gerecht zu werden versuchte.

Wirtschaftlich ist Cork bedeutend fĂŒr IrlandMit dem Versuch, in Irland die Reformation durchzusetzen stachen die englischen Tudors in ein Wespennest. Etliche AufstĂ€nde von Katholiken erschĂŒtterten Irland. Eine Erhebung in Cork fĂŒhrte dazu, dass die englischen Truppen alle Katholiken aus der Stadt warfen. Fortan war Cork eine protestantische Insel inmitten katholischer Vororte. Doch als im 19. Jahrhundert die Zeit der Hungersnöte ĂŒber Irland hereinbrach korrigierte die Landflucht der notleidenden Bevölkerung dieses konfessionelle Ungleichgewicht. Zwar benutzten rund drei Millionen Iren den Hafen als Tor in die neue Welt, dennoch blieben viele Menschen dort und die Wirtschaft erlebte bis zur nĂ€chsten Jahrhundertwende einen großen Aufschwung.

Doch das 20. Jahrhundert verĂ€nderte alles. So wie ĂŒberall auf der Welt die ersten beiden Dekaden vom Streiten der Völker fĂŒr UnabhĂ€ngigkeit und Nationalstaaten geprĂ€gt waren, so machte sich auch Irland auf den Weg, ein souverĂ€nder Staat zu werden. Anti-britische AufstĂ€nde, BĂŒrgerkrieg und Befreiungskampf forderten viele Opfer. Ein Unruhezentrum war stets: Cork! Als im Norden die modernen Konflikte zwischen britischer Armee und IRA eskalierten, fand die Republikanische Armee im SĂŒden einen sicheren RĂŒckzugsraum. Als der Verfasser vor zehn Jahren die Waldgebiete nördlich Corks durchquerte, betonte der irische Begleiter nachdrĂŒcklich, dass es bis heute Gebiete gĂ€be, die fĂŒr „Zivilisten“ gesperrt wĂ€ren. Das sei IRA-Gebiet und wer keine Kugel verpasst bekommen möchte, solle sich fernhalten.

Aber das berĂŒhrt die heutige Stadt nicht mehr so stark wie damals. Heute ist Cork eine ganz normale, von der Wirtschaftskrise gebeutelte Hafenstadt. Eine reichhaltige Kulturszene und buntes Nachtleben bieten Zerstreuung. Und ab dem 17. Juli gibt es sogar eine Sondermarkenserie zu Ehren der Stadt, unsere „Marke der Woche“. Aber wenn man einmal durch die ruhigen Vororte schlendert, kann man viel von dem aufschnappen, was Irland geprĂ€gt hat. Kleine HĂ€user zeugen von der fĂŒr Europa immer noch relativen Armut, die in manchen Teilen der Stadtbevölkerung herrscht. Aber vor allen Dingen spĂŒrt man den Stolz der Einwohner auf ihre Stadt und auf ihr katholisches Irland.

Ein alltÀgliches Bild in den Vororten Corks

Ein alltÀgliches Bild in den Vororten Corks: eine Marienstatue inmitten eines Wohnviertels (Foto: Sperhake).


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Authored by: Jan Sperhake

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