Der Vogel, den sein Nest beschmutzt

Der Vogel, den sein Nest beschmutzt

‚ÄěKeinen Gedanken haben und ihn ausdr√ľcken k√∂nnen ‚Äď das macht den Journalisten‚Äú

Karl Kraus

Was h√§tte er heutzutage f√ľr Unmengen an Material vorgefunden, und was h√§tte er sich dar√ľber aufregen k√∂nnen! In der heutigen Zeit, wo alle alles sagen k√∂nnen, und dies jederzeit und allen zug√§nglich und sei es noch so obsolet und unbeholfen, w√§re Karl Kraus wohl nie zur Ruhe gekommen. Eigentlich ein Liebhaber des Sch√∂nen, k√§mpfte er doch mit heiligem Zorn, gerechtem Hass und voller Wortgewalt gegen Dummheit, Intoleranz und Militarismus. Weit √ľber das kleine √Ėsterreich hinaus leuchtete seine ‚ÄěFackel‚Äú, die von ihm gegr√ľndete und sp√§ter ganz allein gef√ľllte Zeitschrift, die am Ende mehr als 20 000 Seiten Umfang besa√ü. Ein wortgewaltiger Verehrer und Verfechter der deutschen Sprache, rieb er sich mit Leidenschaft an der Journaille, an den sogenannten Literaten, und besonders gern an Buch- oder Theaterkritikern: ‚ÄěDabei macht der Zufallsruhm diese Leute, von denen jeder ganz dasselbe nicht kann wie der andere, aber nicht jeder es trifft, derart von sich besessen, dass es umso lauter schallt, je hohler der Raum ist, in dem so ein Ich wohnt.‚Äú Es schallte immer laut, wenn Kraus seine bitterb√∂sen, satirischen Pfeile verschoss und sein K√∂cher war stets gut gef√ľllt.

Zum 100. Geburtstag von Karl Kraus erschien 1974 in √Ėsterreich eine Briefmarke zu Ehren des Kritikers und Satirikers, MiNr.: 1448.
Zum 100. Geburtstag von Karl Kraus erschien 1974 in √Ėsterreich eine Briefmarke zu Ehren des Kritikers und Satirikers, MiNr.: 1448.

Geboren heute vor 140 Jahren als Sohn eines j√ľdischen Papierfabrikanten im b√∂hmischen Ji?√≠n, w√§chst Kraus in Wien auf, wohin die Familie zieht, als Karl drei Jahre alt ist. Nach der Matura beginnt er in Wien Jura zu studieren, danach Philosophie und Germanistik, schlie√üt sein Studium jedoch nie ab. Stattdessen versucht er sich als Schauspieler, Regisseur und Vortragsk√ľnstler und ist mit Literaten wie Arthur Schnitzler und Hugo von Hofmannsthal befreundet ‚Äď von denen er sich in der Satire ‚ÄěDie demolierte Literatur‚Äú sp√§ter wieder distanziert, was ihm die ersten Feinde einbringt. 1899 gr√ľndet er seine Zeitschrift ‚ÄěDie Fackel‚Äú, in der er seiner scharfen Kritik freien Lauf lassen kann, was in der Folge zu etlichen Gerichtsprozessen f√ľhrt, die einige der Angegriffenen, etwa der Theaterkritiker Hermann Bahr, gegen ihn anstrengen. Au√üerdem tritt er aus der j√ľdischen Glaubensgemeinschaft aus und l√§sst sich 1911 katholisch taufen, wobei der Architekt und Architekturkritiker Adolf Loos sein Taufpate ist. Vier Jahre sp√§ter tritt Kraus aber auch aus der katholischen Kirche wieder aus.

Ab 1909 erscheinen seine ersten Aphorismen auch in Buchform, ab 1910 beginnt Kraus zudem mit √∂ffentlichen Lesungen, von denen er im Lauf der Jahre 700 abhalten wird. In ‚ÄěHeine und die Folgen‚Äú kritisiert der Sprachkritiker entschieden das instrumentelle Verh√§ltnis der zeitgen√∂ssischen Literatur zur Sprache, was einige Wellen schl√§gt. Der Erste Weltkrieg erf√ľllt Kraus mit Entsetzen, mit aller Macht schreibt er gegen die Kriegstreiber und Kriegsgewinnler an ‚Äď was dazu f√ľhrt, dass ‚ÄěDie Fackel‚Äú mehrmals konfisziert wird. Dem Theaterkritiker Alfred Kerr, der unter Pseudonym kriegsverherrlichende Gedichte geschrieben hatte, wird Kraus in inniger Feindschaft verbunden bleiben.

Die gl√§nzenden Aphorismen von Karl Kraus haben alle Zeiten √ľberdauert und funkeln heute st√§rker denn je, auch wenn das ber√ľhmteste ihm zugeschriebene vermutlich gar nicht aus seiner Feder stammt: Denn das ‚ÄěWenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen auch Zwerge lange Schatten‚Äú klingt so gut, dass es eigentlich nur vom Meister selbst stammen k√∂nnte. Gegen das Aufkommen des Nationalsozialismus schreibt er scharfsichtig an, verstummt jedoch bald nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler. In der nur vierseitigen 888. Ausgabe der Fackel vom Oktober 1933 schreibt Kraus in einem Gedicht: ‚ÄěDas Wort entschlief, als jene Welt erwachte.‚Äú Das volle Erwachen jener Welt musste er nicht mehr erleben: Am 12. Juni 1936 starb Karl Kraus nahezu mittellos in Wien an den Folgen eines schweren Herzinfarkts, die meisten seiner Eink√ľnfte hatte er stets f√ľr gemeinn√ľtzige Zwecke gespendet. Zu seinem 100. Geburtstag 1974 gab die √Ėsterreichische Post eine Gedenkbriefmarke heraus.

Titelabbildung Karl Kraus: Foto von Charlotte Jo√ęl um 1930, wikimedia commons

Authored by: Udo Angerstein

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert