500 Jahre Luzerner Chronik

Schweiz 1989 Pro Patria Luzerner Chronik MiNr. 1396 Briefmarke

√úbergabe der Chronik auf Schweizer Briefmarke

Heute vor 500 Jahren √ľberreichte der Chronist Diebold Schilling der J√ľngere in Luzern dem Rat der Stadt seine Chronik. Auf 680 Seiten bietet dieses Meisterwerk der sp√§tmittelalterlichen Buchkunst ein farbenpr√§chtiges Panorama des zeitgen√∂ssischen Lebens. Die 443 detaillierten Bilderbogen vermitteln dem Betrachter einen wirklichkeitsnahen Einblick in Mode, Architektur und Geschichte der zentralschweizerischen Stadt und der eidgen√∂ssischen Lebenswelt. Das Werk wurde nicht gedruckt, sondern als echtes Manuskript handgeschrieben und illustriert.

Briefmarke_Luzern

Moderne Ansicht der Stadt Luzern auf Briefmarke

Derartige Chroniken hatten in der Schweiz eine langj√§hrige Tradition. Sie zeugten vom aufbl√ľhenden Reichtum und Selbstbewusstein des eidgen√∂ssischen B√ľrgertums. Bereits in der ersten H√§lfte des 14. Jahrhunderts hatte sich Luzern mit den drei benachbarten Waldst√§tten Uri, Schwyz und Unterwalden ‚Äď sie waren die Genossen des legend√§ren R√ľtlischwurs ‚Äď verb√ľndet, um sich gegen Einfluss und Anspr√ľche m√§chtiger Nachbarn zu behaupten. Die bis dahin im provinziellen Halbdunkel der Geschichte ruhenden Alpenbewohner sollten in den folgenden 150 Jahren ein ums andere Mal die europ√§ische Gro√ümachtpolitik durchkreuzen und selbst schlie√ülich zu einem wichtigen Machtfaktor Mitteleuropas werden.

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Bei Sempach schlugen die Eidgenossen die Habsburger zur√ľck

Nach erfolgreicher Verteidigung ihres Gebietes gegen die ‚Äěb√∂sen‚Äú V√∂gte der Habsburger hatte sich der Bund der Eidgenossen, um die gro√üen St√§dte Bern und Z√ľrich erweitert, zunehmend selbstbewusst gezeigt. Mit den f√ľr ihre Zeit spektakul√§ren Siegen der Schweizer Fu√üsoldaten gegen die hochger√ľsteten und modernen Armeen Karls des K√ľhnen in den sogenannten ‚ÄěBurgunderkriegen‚Äú von 1474 bis 1477 erlangten sie den Ruf der Unbesiegbarkeit. Nachdem auch die schw√§bischen Herren peinliche Niederlagen gegen sie erlitten hatten, wagte es so schnell kein F√ľrst mehr, den Schweizern die Stirn zu bieten. Vielmehr zog man es vor, eidgen√∂ssische ‚ÄěReisl√§ufer‚Äú gegen bare M√ľnze f√ľr das eigene Heer anzuwerben. Bald k√§mpften Schweizer Lanzen- und Helmbartentr√§ger in allen mitteleurop√§ischen Heeren. In den Heimatst√§dte florierte unterdessen der Handel und die heimkehrenden Kriegsknechte lie√üen einen steten Strom an Beute und Soldzahlungen in die Gemeinschaft einflie√üen. 1499 erkannte Kaiser Maximilian schlie√ülich die faktische Unabh√§ngigkeit der Eidgenossen an.

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Er geh√∂rt nat√ľrlich zum Mythos der Schweiz: Wilhelm Tell

Vor diesem Hintergrund waren Chroniken, welche den ruhmreichen Aufstieg der eigenen Stadt oder des Kantons herausstellten, in gewisser Hinsicht ein Statussymbol. Man spricht daher auch von den ‚ÄěSchweizer Bilderchroniken‚Äú als einen mehr oder weniger geschlossenen Korpus pr√§chtiger Bildb√§nde. Es gibt etwa die Eidgen√∂ssische Chronik, die in Z√ľrich verwahrte Tschachtlanchronik, die Berner Chronik und die inhaltlich recht spezifische Burgunderchronik, die sich mit jenen glorreichen f√ľnf Jahren im Kampf gegen Karl den K√ľhnen befasste. Sie und die Berner Chronik stammten aus der Hand Diebold Schillings des √Ąlteren, dem Onkel des Verfasser der Luzerner Chronik. W√§hrend das √§ltere Werk aus Bern noch Sympathien f√ľr die Franzosen zum Ausdruck brachte ‚Äď der Auftrag war 1474 erteilt worden, also im ersten Kriegsjahr gegen die auch mit Frankreich verfeindeten Burgunder, lie√ü die j√ľngere Luzerner Chronik einen Schwenk zugunsten des Kaisers erkennen. Somit schlugen sich auch aktuelle politische Wendungen in diesen Chroniken nieder. Ganz mittelalterlich, wurden bei der Erstellung der Werke in der Regel auch √§ltere Texte komplett in die Neufassung integriert, √ľberarbeitet oder dem eigenen Sinne angepasst. Das galt nicht als unschicklich, Urheberrechte waren unbekannt.

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Das Original der √úbergabe. Vergleichen Sie es mit der Marke

Diebold Schilling der J√ľngere bediente sich entsprechend bei der Zusammenstellung des Textk√∂rpers der Vorg√§ngerchronik Petermann Etterlins. Auch stammt ein Teil der Illustrationen aus der Hand eines unbekannten Partners. Doch mit der √úbergabe der Chronik am 15. Januar 1513 an den Rat der Stadt Luzerns wurden immerhin dessen Werke f√ľr nachfolgende Generationen bewahrt, auch wenn sein Name vergessen ist. Beim Vergleich der Schweizer Pro Patria-Marke von 1989 mit dem Originalbild kann man erkennen, dass der moderne Markengrafiker sich einige Freiheiten erlaubt hat. Die ver√§nderte Farbgebung ist sicherlich der Gestaltung der Serie (MiNr. 1393 bis 1396) geschuldet. Doch warum der K√ľnstler dem mittleren Ratsherren einen Fu√ü ‚Äěgeschenkt‚Äú hat, kann er vermutlich nur selbst erkl√§ren.

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Authored by: Jan Sperhake

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