Siegreiches Scheitern

Siegreiches Scheitern

In Venezuela begann Bolivars Freiheitskampf

In Venezuela begann Bolivars Freiheitskampf

Bl√§ttert man im Buch der Geschichte, entdeckt man Heerscharen gro√üer Kriegshelden und Eroberer. Gewaltige Reiche wurden innerhalb von Jahren oder Jahrzehnten gewonnen. Doch wieviele von ihnen hatten Bestand? Kaum eines, denn aus einem eroberten Land einen Landesteil zu formen, braucht mehr als strategisches Geschick. Der britische Milit√§rhistoriker John Keegan f√ľhrt gern die These der ‚Äěchronischen Ergebnislosigkeit des Krieges‚Äú an. Im Kern hat diese durchaus Bestand, allerdings nicht allumfassend. So vermochte Napoleon unterm Strich seinem Frankreich nicht ein einziges Land dauerhaft hinzuzuf√ľgen. Seine Kriege waren, gemessen am Ziel, ergebnislos. Dennoch hinterlie√ü er ein anderes Europa als er es vorgefunden hat.

Sim√≥n Jos√© Antonio de la Sant√≠sima Trinidad Bol√≠var Palacios y Blanco – besser bekannt als Simon Bolivar, der am 24. Juli 1783 in Caracas das Licht der Welt erblickt hatte, sollte die widerstreitenden Aspekte von Zerst√∂rung und Sch√∂pfung in aller Deutlichkeit erfahren. Er gilt in zahlreichen L√§ndern Lateinamerikas als Nationalheld. Man gab ihm den Namen ‚ÄěEl Libertador‚Äú – der Befreier – und doch wirkte er im Leben als Diktator und war vielen als solcher verhasst. Aber er ver√§nderte die Welt nachhaltig.

Nach der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus im Jahr 1492 hatte die spanische Krone sich bald den halben Kontinent unterworfen. Den von Blut- und Goldgier getriebenen Abenteurern folgten Gro√ügrundbesitzer, die mit gewaltigen Landg√ľtern Ertr√§ge f√ľr sich und die Krone erwirtschafteten und die reichen Bodensch√§tze ausbeuteten. Doch wie in Europa machten sich im 18. und fr√ľhen 19. Jahrhundert auch hier die Ideen des Nationalismus breit. Es galt das koloniale Joch abzusch√ľtteln und den Menschen eine unabh√§ngige Heimat zu schenken. Simon Bolivar, ein Kind aus wohlhabendem Hause, verschrieb sich der bereits 1810 der Unabh√§ngigkeitsbewegung. Nach ersten Aufst√§nden und R√ľckschl√§gen erwies er sich bald als die F√ľhrungspers√∂nlichkeit, die im Kampf gegen einen gemeinsamen Gegner die unterschiedlichsten Parteien zu einigen vermochte.

Auf Jamaika lebte Bolivar bis 1815 im Exil

Auf Jamaika lebte Bolivar bis 1815 im Exil

Ein wichtiger Verb√ľndeter wurde etwa Jos√© Antonio P√°ez, genannt ‚ÄěEl Borrachito‚Äú, also der S√§ufer. P√°ez war ein Hirte, der in den weiten Ebenen Venezuelas aus den Llaneros, den Viehtreibern, eine hervorragende leichte Kavallerie geformt hatte. Diese flinken Lanzenreiter hatten bereits etliche Gefechte gegen die Spanier gef√ľhrt, als sie sich Bolivar anschlossen und k√ľnftig ein wichtiger Bestandteil seiner Rebellenarmee wurden. Venezuela und das Vizek√∂nigreich Neu-Granada konnten den Spaniern abgenommen werden. Zur gleichen Zeit erhoben sich die Argentinier unter Jos√© de San Martin und die Chilenen unter Bernardo O‚ÄôHiggins. San Martin stie√ü weiter nach Norden vor, um Peru zu befreien, wo er bald den Pr√§sidenten der am 7. September 1821 gegr√ľndeten neuen Republik Gro√ü-Kolumbien traf. Bolivar und San Martin hatten √§hnliche Ziele, nur ihre Methoden unterschieden sich. Und wieder sprach man Bolivar das Vertrauen aus. San Martin, dessen Kraft sich in internen Streitereien und Widerst√§nden ersch√∂pft hatte, √ľbergab Bolivar seine Armee und seine Mission, sodass ‚ÄěEl Libertador‚Äú das gemeinsame Werk beenden konnte. Der Widerstand der spanischen Krone wurde endg√ľltig gebrochen.

Benannt nach seinem Befreier

Benannt nach seinem Befreier: Bolivien

Doch die Geschichte kennt kein ‚ÄěHappy End‚Äú, sie l√§uft einfach weiter. Bolivars Republik mangelte es an Stabilit√§t. Er lie√ü sich die Vollmachten eines Diktators √ľbertragen und bem√ľhte sich verzeifelt, die unterschiedlichen Interessen der Menschen unter einer nationalen Identit√§t zu einen. Doch daran sollte der gro√üe Stratege und Heerf√ľhrer scheitern. Gro√ü-Kolumbien brach langsam auseinander. Aufst√§nde mussten niedergeschlagen werden, 1828 wurde gar ein Anschlag auf den Diktator ausge√ľbt. 1830 entschied sich Bolivar, der keine gesamtstaatliche L√∂sung mehr sah, von allen politischen √Ąmtern zur√ľckzutreten und ins Exil zu gehen. Doch noch vor seiner Abreise verstarb er – wie es hie√ü – an Tuberkulose.

Geschichte ist Politik

Geschichte ist Politik

Simon Bolivar wird bis heute zu Recht als der Befreier S√ľdamerikas gefeiert. Aber eine politisch stabile Heimat vermochte er den Menschen nicht zu schenken. Wie in so vielen Gebieten, in denen die Kolonialm√§chte f√ľr lange Zeit geherrscht hatten, war der Aufbau rechtsstaatlicher Strukturen durch das autorit√§re Erbe in den K√∂pfen und die verbliebenen m√§chtigen Interessengruppen verhindert worden. Siegreiches Scheitern ist wohl einer der paradoxesten Aspekte der menschlichen Natur.

Authored by: Jan Sperhake

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