Drei Tage am Eiger

Der Zusammendruck mit dem Dreigestirn aus Eiger, Mönch und Jungfrau zeigt eindrucksvoll, welche Anforderungen der Eiger stellt, der mit nur 3970 Metern nicht zu den Viertausendern zählt, MiNr. 1966-1968.

Der Zusammendruck von 2006 mit dem Dreigestirn aus Eiger, Mönch und Jungfrau zeigt eindrucksvoll, welche Anforderungen der Eiger stellt, der mit nur 3970 Metern nicht zu den Viertausendern zählt, MiNr. 1966-1968 (Abb. Schwaneberger Verlag).

Unglaublich steil, dunkel und stark vergletschert. Hohe Steinschlags- und Lawinengefahr, schnelle und drastische Wetterumschw√ľnge. Im Jahr 1938 galt die Nordwand des fast 4000 Meter hohen Eigers in den Schweizer Alpen als unberechenbar. Und als t√∂dlich, als ‚ÄěMordwand‚Äú. Erst zwei Jahre zuvor war dort die Vierer-Seilschaft um den deutschen Toni Kurz qualvoll zu Tode gekommen.
Wie jene M√§nner waren auch die √Ėsterreicher Heinrich Harrer und Fritz Kasparek und die beiden Deutschen Andreas ‚ÄěAnderl‚Äú Heckmair und Ludwig V√∂rg im Sommer 1938 nicht nur ehrgeizige Bergsteiger, die den vorl√§ufigen H√∂hepunkt ihrer Abenteuerlust erreichten. Sie waren es auch in einer Zeit, in der Hitlers Deutschland sich und den Anschluss √Ėsterreichs mit der Erschlie√üung alpinen Terrains durch seine unerschrockenen jungen M√§nner zu inszenieren suchte. Die Durchsteigung der Eiger-Nordwand hatte Hitler sp√§testens 1936 zur nationalsozialistischen Mission erkl√§rt.
Jenseits der nationalsozialistischen Propaganda war nach dem Ungl√ľck von 1936 und nicht nur den Toden der M√ľnchner Max Sedelmeyr und Karl Mehringer im Jahr davor allerdings schon diskutiert worden, ob weitere Versuche, die Wand zu bezwingen, nicht alpinistischer Verblendung entspr√§ngen und zum Scheitern verurteilt seien. Ob man sie nicht verbieten m√ľsse.
Nach der ununterbrochenen, drei Tage dauernden Anstrengung des Kletterns, Stufenschlagens und Biwakens bei eisigen Temperaturen hatten es V√∂rg und Heckmair, Kasparek und Harrer am 24. Juli 1938 aber tats√§chlich √ľber die 1650 Meter hohe Eiger-Nordwand auf den Gipfel geschafft. Begonnen hatten eigentlich Zweier-Teams, die sich dann zusammentaten, um Kraft und Arbeit zu teilen und von der unterschiedlichen Ausr√ľstung der anderen zu profitieren.
Die Entwicklungen im Bereich des alpinistischen Handwerkszeugs sorgten in den n√§chsten 75 Jahren im √úbrigen auch f√ľr eine heute v√∂llig ver√§nderte Situation an der Eiger-Nordwand. F√ľhrende Bergsteiger der Gegenwart sind durchaus nicht mehr damit besch√§ftigt, ob eine Durchsteigung der einst unbezwingbaren Nordseite m√∂glich ist, sondern eher damit, wie schnell sich eine solche mit modernster Ausr√ľstung bewerkstelligen l√§sst. Dabei liegt man mittlerweile bei zweieinhalb Stunden.
Auch nach 1938 kam es aber nat√ľrlich noch zu tragischen Unf√§llen. Und nach den Dramen der drei√üiger Jahre sorgten besonders die Todesf√§lle zweier deutscher und eines italienischen Bergsteigers im Jahr 1957 daf√ľr, dass die Eiger-Nordwand ihren Schrecken nie verlor. Der einzige √úberlebende, der Italiener Claudio Corti, wurde dabei verd√§chtigt, seine deutschen Kollegen in den Tod gesto√üen zu haben, um sein eigenes Leben zu retten.
Von den Pionieren des eisigen Sommers 1938 erlangte wohl Heinrich Harrer die gr√∂√üte Ber√ľhmtheit. Er publizierte √ľber die Jahrzehnte zu seinen zahlreichen Expeditionen. Sein 1952 ver√∂ffentlichter Welterfolg ‚ÄěSieben Jahre in Tibet‚Äú wurde im Jahr 1997 mit Brad Pitt in der Rolle Harrers verfilmt. Im Zuge dessen wurde auch die Frage nach einem ideologischen Antrieb und dem Nutzen, den die Helden von 1938 f√ľr ihre alpinistischen Karrieren und Biographien aus der nationalsozialistischen Rahmung des historischen Erfolges gezogen hatten, verst√§rkt thematisiert. Vor allem Harrers fr√ľhe Verbindungen zur nationalsozialistischen Partei gerieten dabei in die Kritik.
Wie Heckmair wurde Harrer fast hundert Jahre alt und lebte bis 2006. Ihre ehemaligen Gef√§hrten hingegen waren schon fr√ľh gestorben. Ludwig V√∂rg kam als Soldat im Russlandfeldzug von 1941 ums Leben. Fritz Kasparek verungl√ľckte 1954 in den peruanischen Anden. Gemeinsam hatten sie eine der ‚Äěklassischen Nordw√§nde‚Äú ‚Äď neben der Eiger-Nordwand die Nordw√§nde der Grandes Jorasses und des Matterhorns ‚Äď bezwungen und damit, wie Kasparek und Heckmair sagten, entscheidend zur L√∂sung eines der ‚Äědrei letzten Probleme der Alpen‚Äú beigetragen.

Authored by: Torsten Berndt

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