Ein Buch mit sieben Siegeln

Franz Schmidt auf österreichischer Briefmarke von 1974

Zum 100. Geburtstag von Franz Schmidt erschien 1974 diese Sondermarke, MiNr. 1473.

Was macht herausragende Musiker aus? Ein Kriterium mag ein unglaubliches k√ľnstlerisches Vokabular sein, wenn man viele Kompositionen im Kopf hat und musikalische Motive zuordnen kann. Es gibt auch K√ľnstler, die es auf vielen Instrumenten zur Virtuosit√§t bringen. Franz Schmidt hatte beide dieser Eigenschaften. Er wurde am 22. Dezember 1874 in Pressburg, dem heutigen Bratislava, geboren. Der junge Franz begann in seiner Heimatstadt Klavier zu studieren, siedelte 1888 nach Wien √ľber und studierte fortan Komposition und Cello. Dieses Studium schloss er schlie√ülich ‚Äěmit Auszeichnung‚Äú ab. Nach dem Studium spielte er bei den Wiener Philharmonikern und schlie√ülich am Wiener Hofopernorchester. Er war in allen Positionen, die er innehatte gleicherma√üen erfolgreich und ein gefeierter K√ľnstler, ob als Dirigent oder Solomusiker, aber auch in der Begleitung f√ľr andere K√ľnstler. Schlie√ülich ging er 1914 zur√ľck an die Wiener Musikakademie und unterrichtete Klavier, Cello und Komposition. Sein Einfluss als Musikp√§dagoge war gro√ü. Zu seinen Sch√ľlern geh√∂rten viele einflussreiche Musiker der n√§chsten Generation, unter anderem der Pianist Friedrich W√ľhrer und der Komponist Rudolf Wimmer. Eine besondere Begabung, die seinen Sch√ľlern an der Musikakademie in Erinnerung geblieben war, ist sein musikalisches Ged√§chtnis. Er konnte s√§mtliche zu der Zeit bekannten Klavierkompositionen auswendig. Die Lehrt√§tigkeit √ľbte er bis 1937 aus, als er sich aus gesundheitlichen Gr√ľnden in den Ruhestand versetzen lie√ü.

Franz Schmidt erhielt f√ľr sein k√ľnstlerisches Schaffen anl√§sslich seines 60. Geburtstages den Dr. phil ehrenhalber und den Franz-Josef-Orden. Dieser Orden wurde allerdings gegen Ende der Habsburgermonarchie inflation√§r ausgegeben und so zu einem Massenorden degradiert. Obwohl Franz im beruflichen Leben durchaus erfolgreich war, war sein Privatleben von dem einen oder anderen Schatten begleitet. Nachdem sein Liebesleben zun√§chst eher unerf√ľllt war, litt seine erste Ehefrau an starken psychischen Problemen, die schlie√ülich station√§r behandelt werden mussten. Eines seiner Kinder verstarb kurz nach der Geburt. Erst die Ehe mit einer deutlich j√ľngeren Musikstudentin verlief gl√ľcklich.


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In seinem letzten Lebensjahr erlebte er den Anschluss √Ėsterreichs an das nationalsozialistische Deutschland. Die deutschen Besatzer hofierten ihn und gaben ihm den Auftrag, ein Werk zur nationalen Wiederauferstehung Deutschlands zu schreiben. Diese Auftragsarbeit sorgt heute noch f√ľr Kontroversen um die Verstrickung Schmidts in den Nationalsozialismus. Das Werk vollendete er allerdings nie, stattdessen gab er einem anderen Auftraggeber den Vorzug: Als Komponist schrieb er St√ľcke f√ľr den einarmigen Pianisten Paul Wittgenstein, einen Bruder des bekannten Philosophen. Paul Wittgenstein galt als hoffnungsvolles Nachwuchstalent unter den Pianisten. Er wurde bei einem Sturmangriff im Ersten Weltkrieg am rechten Arm verletzt, sodass dieser schlie√ülich amputiert werden musste. Schon w√§hrend der Genesung beschloss er, seine Karriere auch mit nur einem Arm fortzusetzen und begann Klavierst√ľcke f√ľr nur eine Hand bei bekannten K√ľnstlern in Auftrag zu geben. Einer der Komponisten, die ihn belieferten, war Franz Schmidt.¬†Schmidt starb am 11. Februar 1939. Drei Jahre nach seinem Tode wurde seine erste Ehefrau im Zuge des Euthanasie-Programms der Nationalsozialisten ermordet. Die Musik Schmidts geh√∂rt nach wie vor zu dem Standardrepertoire vieler Orchester. Sein ber√ľhmtestes Werk ist das Oratorium ‚ÄěDas Buch mit sieben Siegeln.‚Äú

Authored by: mgloger

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