Eine wissenschaftliche Expedition wird zum Wettrennen

Robert Scott mit drei Mitgliedern seiner Mannschaft am S√ľdpol, MiNr. 2109.

Robert Scott mit drei Mitgliedern seiner Mannschaft am S√ľdpol, MiNr. 2109.

Ma√üloser Ehrgeiz, Selbst√ľbersch√§tzung, schwere Fehlentscheidungen. Oder f√ľhrten doch die Unbilden der Witterung, menschliche Fehler und seinerzeit noch nicht vorliegende Kenntnisse in die Katastrophe? Wahrscheinlich l√§sst sich das eine nicht vom anderen trennen. Beispielsweise waren w√§hrend der Discovery-Expedition von 1901 bis 1904 die Schlittenhunde verendet. Auf der 1910 begonnene Terra-Nova-Expedition sollten die Hunde daher im Basislager bleiben, die Schlitten auf der letzten Etappe von den M√§nnern selbst gezogen werden.
Mit einer intensiveren Vorbereitung, vielleicht auch der Kontaktaufnahme zu Forschern in von Natur aus k√§lteren L√§ndern h√§tte Robert Scott seine letzte Expedition wom√∂glich √ľberleben k√∂nnen. Letztendlich wurde er auch Opfer eigener unklarer Weisungen, da die in der Basisstation verbliebenen M√§nner wahrscheinlich nicht genau wussten, ob sie der in Not geratenen S√ľdpolgruppe entgegen kommen sollten oder nicht und deswegen das Basislager nicht verlie√üen. √úber alle diese Faktoren l√§sst sich trefflich diskutieren, insbesondere aus der Perspektive der Nachgeborenen. Eines aber bleibt unstrittig: Schon die Discovery-Expedition h√§tte aus vornehmlich denselben Gr√ľnden fast in einer Katastrophe geendet.
Robert Falcon Scott, geboren am 6. Juni 1868, arbeitete sich zunächst bei der britischen Marine nach oben. Die große Karriere gelang ihm aber trotz bester Noten und Bewertungen nicht. Nachdem sein Vater das Familienvermögen verspekuliert hatte und wenig später verstorben war, musste Scott zunächst mit seinem Bruder, nach dessen Tod dann allein seine Mutter und zwei unverheiratete Schwestern versorgen. Daher suchte er nach Möglichkeiten, außerhalb der Marine aufzusteigen.
1899 bewarb er sich bei der Royal Geographic Society f√ľr die bevorstehende Discovery-Expedition. Dem ersten Sekret√§r der Gesellschaft, Clements Markham, war Scott bereits als Offiziersanw√§rter begegnet. Die Royal Society, die gleicherma√üen f√ľr die Discovery-Expedition verantwortlich zeichnete, pl√§dierte zwar f√ľr einen Wissenschaftler an der Spitze, konnte sich aber nicht durchsetzen. Am 9. Juni 1900 erhielt Scott die Befehlsgewalt √ľber das namensgebende Schiff.
Aus heutiger Perspektive kann man es nur fahrl√§ssig nennen, dass die Teilnehmer nicht vorab das Skilaufen erlernten und sich intensiv in die Betreuung der Schlittenhunde einweisen lie√üen. Die Geschichtsb√ľcher sind jedoch voll von Forschern, die ihre eigenen F√§higkeiten und M√∂glichkeiten √ľbersch√§tzten und die Grenzen des Machbaren erst zu sp√§t oder gar nicht erkannten. Scotts Ehrgeiz ‚Äď er selbst r√§umte ein, dass die Bewerbung f√ľr die Expedition weniger wissenschaftlichem Interesse denn dem Wunsch entsprang, das Kommando √ľber ein Schiff √ľbernehmen zu k√∂nnen ‚Äď verst√§rkte die Probleme allerdings.
Wissenschaftlich war die Discovery-Expedition recht erfolgreich. Erstmals verbrachten Forscher zwei Winter hintereinander in der Antarktis. Erstmals gelang der Aufstieg eines Ballons. Erstmals betraten Menschen die Gegend im n√∂rdlichen Victorialand. Die Wissenschaftler entdeckten die Edward-VII-Halbinsel und konnten neue Erkenntnisse √ľber die Tierwelt des Kontinentes verzeichnen. Mit dem Versuch, an den S√ľdpol vorzudringen, scheiterten sie allerdings. Am 30. Dezember 1902 machten Scott, der Arzt, Zoologe und Illustrator Edward Wilson sowie der Polarforscher Ernest Shackleton rund 850 Kilometer vom Pol entfernt kehrt. Weiter vorgedrungen, war nie zuvor ein Mensch. Auf dem Weg zur√ľck zum Basislager w√§ren alle drei fast der K√§lte und dem Hunger zum Opfer gefallen. Schlie√ülich mussten britische Schiffe das Expeditionsschiff mit Sprengstoff aus dem Eis befreien, ehe die ‚ÄěDiscovery‚Äú die Heimreise antreten konnte.
Scott gelang dank der Expedition der gesellschaftliche Aufstieg. Unter den Auszeichnungen, die ihm verliehen wurden, ragten die Erhebung zum Commander des Royal Victorian Order und das Offizierskreuz des Verdienstordens der franz√∂sischen Ehrenlegion heraus. Zugleich begann ein Konflikt mit Shackleton, den er f√§lschlich f√ľr das Scheitern der Expedition zum Pol verantwortlich machte. Shackleton begann mit den Planungen f√ľr einen eigenen Versuch, den S√ľdpol zu erreichen; ihm gelang es 1909, sich bis auf 180 Kilometer dem S√ľdpol zu n√§hern.
Scott suchte derweil private Geldgeber f√ľr eine neuerliche Expedition. Die Royal Society und die Royal Geographic Society lehnten es ab, sich an dem Unternehmen zu beteiligen. Nachdem die Bem√ľhungen keinen gro√üen Erfolg gezeitigt hatten, griff die britische Regierung Scott unter die Arme und stellte die H√§lfte der kalkulierten Summe zur Verf√ľgung. Scott erwarb das namensgebende Schiff ‚ÄěTerra Nova‚Äú und stellte seine Mannschaft zusammen. Formal handelte es sich um eine wissenschaftliche Expedition, doch gab Scott unumwunden zu, dass es ihm vor allem darum ging, als erster Mensch den S√ľdpol zu erreichen.
Deswegen d√ľrfte ihn ein Telegramm unangenehm √ľberrascht haben, das ihn am 12. Oktober 1910 in Melbourne erreichte. Darin teilte Roald Amundsen mit, dass er seine Pl√§ne ge√§ndert habe. Anstelle des Nordpols versuche er nunmehr, den S√ľdpol zu erreichen. Die Expedition wurde zum Wettrennen. Scott erkl√§rte daraufhin zwar, seine Pl√§ne nicht √§ndern zu wollen. Tats√§chlich blieb ihm aber auch gar nichts anderes √ľbrig, da es f√ľr eine Expedition im Sommer 1910/11 ohnehin zu sp√§t war.
Allerdings stellten sich auch im Winter 1911 reichlich Probleme ein. So war Scott gezwungen, ein wichtiges Materiallager 56 Kilometer n√∂rdlicher anzulegen als geplant. Die Ponys, die nennenswerte Teile der Transporte bew√§ltigen sollten, zeigten sich mit den klimatischen Bedingungen √ľberfordert. Schlie√ülich lag Amundsens Basislager rund 110 Kilometer n√§her zum S√ľdpol als Scotts.
Am 1. November 1911, zw√∂lf Tage nach Amundsen, brach Scott mit seiner Mannschaft auf. Nicht nur der widrigen Witterung wegen kamen die M√§nner nur langsam voran. Neben den Ponys erwiesen sich auch die Motorschlitten als ungeeignet und fielen aus. Als acht Mann an 3. Januar 1912 das Lager erreichten, von dem aus die S√ľdpolgruppe allein weiterziehen sollte, hatte Amundsen bereits den S√ľdpol erreicht ‚Äď am 14. Dezember 1911. Nat√ľrlich wusste Scott davon nichts, auch wenn seine Aufzeichnungen bezeugen, dass er mit einer Niederlage kalkulierte. Warum er auf die letzte Etappe vier M√§nner mitnahm, obgleich nur drei vorgesehen waren, ist nicht bekannt. Scott schw√§chte die Gruppe aber damit, da die Vorr√§te nur f√ľr die kleinere Gruppe berechnet waren. Am 18. Januar ereichten sie schlie√ülich den Pol und sahen die norwegische Fahne in Wind wehen.

1972 porträtierte die Royal Mail Robert Scott auf dem Höchstwert eines Satzes zu Ehren britischer Polarforscher, MiNr. 593.

1972 porträtierte die Royal Mail Robert Scott auf dem Höchstwert eines Satzes zu Ehren britischer Polarforscher, MiNr. 593.

Der R√ľckweg geriet dann zum Fiasko. Anfangs kamen die Forscher gut voran, dann aber verschlechterte sich das Wetter. Als erster erlag Edgar Evans am 17. Februar den Folgen zweier St√ľrze. Lawrence Oates beging am 17. M√§rz Suizid. Seine F√ľ√üe waren erfroren, eine alte Beinverletzung machte das Gehen zur Qual. Robert Scott, Edward Wilson und Henry Bowers gelang es noch, 20 Kilometer weiter nach Norden vorzudringen. Am 19. M√§rz 1912 richteten sie ihr letztes Lager ein. Dort mussten die M√§nner wegen eines Schneesturmes verharren. Scotts Tagebuch endete mit dem 29. M√§rz. Das letzte Lager befand sich nur 18 Kilometer vom Basislager entfernt, das eigentlich 56 Kilometer weiter s√ľdlich hatte entstehen sollen ‚Äď geradezu ein Symbol f√ľr das tragische Scheitern Scotts. Die Katastrophe hatte viele Ursachen.

Authored by: Torsten Berndt

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