Bloody Mary

2009 porträtierte die britische Post das Haus Tudor. Mary I. erschien auf einer Marke zu 81 Pence, MiNr. 2754 (Abb. Schwaneberger Verlag).

2009 porträtierte die britische Post das Haus Tudor. Mary I. erschien auf einer Marke zu 81 Pence, MiNr. 2754 (Abb. Schwaneberger Verlag).

‚ÄěWir sind beide jung. War es dieses Mal eine Tochter, so werden mit Gottes Gnade S√∂hne folgen.‚Äú
Der englische K√∂nig Henry VIII. nahm kein Blatt vor den Mund. Die weibliche Thronfolge war in England zwar m√∂glich. Ein Sohn z√§hlte aber mehr als eine Tochter, mochte diese auch √§lter sein. Als ihm der venezianische Botschafter zur Geburt der Tochter gratulierte, ohne zu verschweigen, dass es ‚Äěnoch erfreulicher gewesen w√§re, wenn das Kind ein Sohn gewesen w√§re‚Äú, antwortete Henry entsprechend.
Mary, geboren am 18. Februar 1516, war das f√ľnfte Kind der Ehe Henrys mit Katharina von Arag√≥n. Die √§lteren Geschwister waren in den ersten Monaten verstorben. Als Lebens√§lteste h√§tte Mary somit auf Platz eins der Thronfolge gestanden, solange kein Sohn auf die Welt kam. Allerdings entstanden sofort Diskussionen, ob eine Frau das Land regieren k√∂nne. Auch stand bald die Frage nach einer vorteilhaften Eheschlie√üung Marys im Raume; schon mit zwei Jahren wurde sie daher mit dem franz√∂sischen Thronfolger, Fran√ßois, verlobt, eine Verbindung, die drei Jahre hielt. Wenig sp√§ter verlobten die Eltern Mary mit dem 16 Jahre √§lteren Kaiser des Heiligen R√∂mischen Reichs Deutscher Nation. Karl V. nahm dann aber Isabella von Portugal zur Gemahlin. Auch eine erneute englisch-franz√∂sische Beziehung scheiterte. Dieses Mal sollte Mary gleich den amtierenden Monarchen ehelichen, Fran√ßois I.
1531 lie√ü Henry VIII. die Ehe mit Katharina von Arag√≥n annullieren, da er weiterhin auf den ersehnten Sohn warten musste. Er heiratete Anna Boleyn, die ihm aber auch eine Tochter gebar. Fortan erkannte Henry Mary nicht mehr als eheliches Kind an. An ihre Stelle r√ľckte Elizabeth. Das Parlament verabschiedete den Act of Succession, der bei Todesstrafe untersagte, Mary in der Thronfolge zu ber√ľcksichtigen. Wer darauf nicht schw√∂ren wollte, wurde in der Regel hingerichtet, unter anderem der ehemalige Lordkanzler Thomas Morus. Im Volk und in weiten Teilen des Adels galt aber weiterhin Mary als legitime Erbin.
Bald darauf fiel auch Anna Boleyn in Ungnade, da sie ebenfalls keinen Sohn bekam. Henry lie√ü sie hinrichten und heiratete Jane Seymour, die ihm 1536 den einzigen Sohn schenkte, der das Kindbett √ľberlebte, genauer: Edward war der einzige eheliche Sohn Henrys.
Zu dem Zeitpunkt hatte sich Mary bereits den Vorstellungen ihres Vaters unterworfen. Sie erkannte sowohl die Annullierung der Ehe ihrer Eltern als auch Henry als Oberhaupt der Anglikanischen Kirche an. Selbst blieb sie allerdings katholisch. Nach dem Tod Jane Seymours, die an den Folgen der Geburt Edwards starb, durfte Mary den Trauerzug anf√ľhren und erzog fortan den Thronfolger, dessen Taufpatin sie trotz anderer Kirchenzugeh√∂rigkeit war. Selbst nahm sie ab 1544 die zweite Position in der Thronfolge ein, vor ihrer Halbschwester Elizabeth. Da die weiteren Gattinnen Henrys keine S√∂hne gebaren, blieb es bei dieser Reihung bis zu Henrys VIII. Ableben, 1547. Als legitime Kinder erkannte Henry in seinem neuen Act of Succession aber weder Mary noch Elizabeth an.
Edward VI. war noch minderj√§hrig, weshalb Lordprotektor Edward Seymour die Regentschaft √ľbernahm. 1551 wurde er vom John Dudley gest√ľrzt. Dudley versch√§rfte die Tonlage deutlich, insbesondere in Hinblick auf den Glauben. Fortan f√ľrchtete Mary um ihre Sicherheit und ihr Leben. Zeitweise wurde sogar erwogen, dass sie das Land verlassen sollte. Seine Position am Hofe nutzte Dudley, um eine Tochter einer j√ľngeren Schwester Henrys VIII. auf den Thron zu bringen. Jane Grey geh√∂rte der Anglikanischen Kirche an und war ein legitimes Kind einer Tudor-Linie. Da auch Edward Interesse an einer anglikanischen Thronfolge hatte, √§nderte er die Rangfolge und erhob Jane zur ersten Erbin. Inwiefern Dudley daran direkt mitgewirkt hat, ist umstritten. Eindeutig kann man sagen, dass Edward als Minderj√§hriger kein Recht hatte, die Thronfolge zu √§ndern. Zur selben Zeit arrangierte Dudley eine Ehe Janes mit seinem Sohn Guildford.
Nach Edwards VI. Tod am 6. Juli 1553 proklamierte Dudley am 9. Juli Jane zur K√∂nigin. Mary war bereits am 2.Juli geflohen, nachdem sie Warnungen erhalten hatte, ihre Festsetzung st√ľnde unmittelbar bevor. In Kenninghall, Norfolk, sammelte sie Unterst√ľtzer und Truppen und sandte am 9. Juli dem Kronrat einen Brief, in dem sie sich selbst zur K√∂nigin ausrief. Daf√ľr fand sie wachsende Zustimmung im Volk, das Mary schon zu Henrys VIII. Lebzeiten als legitime Erbin betrachtet hatte. Dudley stellte eine Armee zusammen, die Janes Anspruch durchsetzen sollte. Zu nennenswerten Kampfhandlungen kam es aber nicht, da sich die Armee schon nach kurzer Zeit aufl√∂ste. Nachdem Mary am 20. Juli 1553 zur K√∂nigin ausgerufen worden war, kapitulierte Dudley, inzwischen vom Staatsrat gest√ľrzt, und erkannte Mary an. Mary I. zog am 3. August in London ein und wurde am 1. Oktober offiziell gekr√∂nt.
Mit 37 Lebensjahren noch unverheiratet, begann sie sofort, nach einem Ehemann zu suchen, der die katholische Erbfolge sichern sollte. Auf den Rat des spanischen Botschafters in England verlobte sie sich mit dem spanischen Kronprinzen Philipp. Hofstaat, Adel und Volk zeigten sich zwar skeptisch, doch setzte sich Mary durch. Den Aufstand einer anglikanischen Adelsgruppe lie√ü sie niederschlagen und danach neben den Insurgenten auch Jane enthaupten. Am 25. Juli 1554 heiratete sie Philipp. Der Ehevertrag sah f√ľr ihn keine nennenswerten Rechte in England vor. Ein Sohn sollte England und Philipps Besitzt√ľmer in S√ľddeutschland und Burgund erben, eine Tochter England und die damals spanischen Niederlande. Doch die Ehe blieb kinderlos. Letzten Endes musste Mary kurz vor ihrem Tod die Thronfolge Elizabeths anerkennen.
Auch ihre Versuche, die kirchlichen Ver√§nderungen Henrys VIII. r√ľckg√§ngig zu machen, scheiterten weitgehend. Zwar gelang ihr die Auss√∂hnung mit dem Kirchenstaat; Papst Julius III. hob den Bann √ľber England auf. Die Anglikanische Kirche aber blieb bestehen, unter anderem weil der Kronrat und das Parlament die R√ľckgabe kirchlichen Eigentums an Rom ablehnten. Auch hatten viele Geistliche die Gunst der Stunde genutzt und geheiratet, konnten also gar nicht zum Katholizismus zur√ľckkehren. Schlie√ülich mochte sich das Volk nicht erneut dem Papst unterwerfen.
Daher f√ľhrte Mary 1555 die Ketzergesetze des 14. Jahrhunderts wieder ein. Nicht nur anglikanische Geistliche, sondern auch normale Gl√§ubige endeten auf dem Scheiterhaufen. Die Zahl von 300 Toten mag zwar heute gering erscheinen. Im Volk hie√ü die K√∂nigin bald aber nur noch ‚ÄěBloody Mary‚Äú, zumal die Verfolgungen keineswegs nur √ľberzeugte Vertreter des falschen Glaubens trafen. Auch Normalsterbliche, die alle Gesetze stets eingehalten hatten, mussten Entrechtung und sogar den Tod f√ľrchten. Das traf zwar auch f√ľr die Verfolgungen unter Henry VIII., Edward VI. und Elizabeth I. zu. Unter Mary I. erlebte die Jagd auf so genannte Ketzer indessen ihren H√∂hepunkt. Pers√∂nlich ordnete sie wohl nur die Ermordung Thomas Cranmers an, der als Erzbischof die Ehe ihrer Eltern annulliert hatte. Auch erkl√§rte sie, nur f√ľhrende Vertreter des Anglikanismus verbrennen, die Gl√§ubigen aber bekehren zu wollen. Zweifellos versuchte sie aber, die Rekatholisierung mit allen Mitteln durchzusetzen. Der Tod echter oder vermeintlicher Gegner geh√∂rte seinerzeit dazu.
In die Au√üenpolitik spielten die religi√∂sen K√§mpfe nat√ľrlich mit hinein, sahen sich die jeweiligen Herrscher doch als von Gott auserw√§hlt. Mary verb√ľndete England eng mit Spanien, versuchte aber tapfer, ihr Land aus den spanischen Scharm√ľtzeln mit Frankreich herauszuhalten. Ganz gelang das nicht; die Folge war der Verlust von Calais, der letzten Besitzung Englands auf dem Festland. Innenpolitisch setzte Mary wichtige Reformen durch. Mit einer neuen Zoll- und Steuerordnung legte sie die Basis f√ľr h√∂here Staatseinnahmen. Das Gewerbe f√∂rderte sie, indem sie die Gr√ľndung von Unternehmen und Handwerksbetrieben erleichterte. Der Handel profitierte unter anderem von der Schaffung der Muscovy Company, die bis zur Oktoberrevolution im Handel mit Russland aktiv bleiben sollte. Unter Marys Regentschaft stieg die Effizienz der √∂ffentlichen Verwaltung. Schlie√ülich gab sie mit dem nach ihr benannten Queen Mary Atlas ein Werk in Auftrag, das die ganze Welt kartografisch darstellen sollte.
Bald nach Amtsantritt hatte sie mehr und mehr mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Wahrscheinlich kamen auch psychische hinzu, die sich unter anderem in zwei Scheinschwangerschaften zeigten. Im Alter von 42 Jahren starb sie am 18. November 1558.

Authored by: Torsten Berndt

There are 4 comments for this article
  1. Hieronymus Bosch at 20:28

    Sie war nicht mehr „blutig“ als Elisabeth – nur dass letztere ihren Despotismus √ľber Jahrzehnte hinweg anstatt nur ein paar Jahre aus√ľben durfte. Warum gerade diese Schlagzeile hier? Warum muss aber eine deutsche Briefmarkenzeitschrift die blutige Vorurteile der Engl√§nder gegen Katholiken und Spanien √ľbernehmen (daher kommt eben der Beiname „Bloody Mary“).

    • tb Author at 22:25

      Sehr geehrter Herr Bosch,

      Danke f√ľr den Kommentar!

      Im Artikel f√ľhrte ich aus, dass unter Marys Regentschaft die Ketzerverfolgung ihren H√∂hepunkt erlebte. Daher erhielt sie im Volk den Beinamen. Aus heutiger Perspektive erscheinen, wie im Artikel ausgef√ľhrt, 300 Tote erher gering. Wahrscheinlich gilt das auch aus historischer Perspektive, wenn man die Glaubenskriege anderswo in Europa betrachtet. Marys Biografie muss man aber aus britischer Perspektive zu betrachten versuchen, zumal seinerzeit das Wissen um Geschehnisse in anderen L√§ndern deutlich geringer ausfiel als in sp√§teren Jahrhunderten.

      Mit freundlichen Gr√ľ√üen

      Torsten Berndt

  2. Hieronymus Bosch at 1:28

    Elizabeth t√∂tete religi√∂se Gegener als Verr√§ter nicht als Ketzer. Eine „distinction ohne difference“ (Deutsch ist nicht meine Muttersprache). Also, „ketzerverfolgung erreichte ihren H√∂hepunkt,“ unter Mary, ja schon. Elizabeth t√∂tete genau so viel, √ľber l√§ngere Zeit aus religi√∂sem Grunde, doch bezeichnete sie ihre Opfer als Verr√§ter.

    Nur ein Teil des Volkes nannte sie „Bloody Mary“ – genau das war meine Hauptpunkt. Es war der Teil des Volkes, der siegte. Undifferenziert den Beinamen heute zu brauchen, verr√§t ein Vorurteil, genau das Vorurteil desjenigen, der nicht imstande zu sehen ist, wie schon zu Marys Lebenzeit zwei Meinungen existierten.

    Ich kann Ihnen versichern, dass ein anderer Teil des Volkes Mary NICHT „Bloody Mary“ nannte.

    • tb Author at 20:56

      Sehr geehrter Herr Bosch,

      Danke f√ľr Ihren Kommentar!

      Bei allen Auseinandersetzungen jener und anderer Epochen spielten stets verschiedene Faktoren mit hinein, wobei an erster Stelle die Macht zu nennen ist. Vielfach wurde einfach nach Worten gesucht, um den Kampf um die Macht und die Verteidigung der Macht zu verschleiern. Kein Zweifel kann aber darin bestehen, dass Mary die Ketzergesetze aus dem 14. Jahrhundert wieder eingef√ľhrt hatte. Daran √§ndern auch die Verfolgungen unter Henry VIII., Edward VI. und Elizabeth I. nicht, auf die ich im Artikel hingewiesen habe.

      Beinamen werden stets nur von einem Teil des Volkes gebraucht. Genauso wenig wie Mary I. von allen Engl√§ndern „Bloody Mary“ genannt wurde, wurde Ivan IV. von allen Russen „der Furchteinfl√∂√üende“ genannt (die deutsche √úbertragung „der Schreckliche“ entspricht nicht dem russischen Sprachgebrauch). Auch Friedrich II. galt nicht allen Preu√üen als „der Gro√üe“, Louis V. nicht allen Franzosen als „der Faule“. Dennoch sind diese Beinamen gel√§ufig und haben die Jahrhunderte √ľberdauert.

      Mit freundlichen Gr√ľ√üen

      Torsten Berndt

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