Lebenslanger Kampf gegen die Sucht

Briefmarke Bund von 1993 mit Hans Fallada.Hans Fallada kannte beides: Den Abgrund genauso wie die Leichtigkeit des Seins. H√§ufiger bescherte das Leben dem Schriftsteller freilich Krisen: Sucht, Gef√§ngnis, Aufenthalte in Nervenheilanstalten. Demgegen√ľber suchten das famili√§re Gl√ľck und die literarische Schaffenskraft manchmal vergebens nach ihrem Recht. Heute vor 120 Jahren kam der Autor der Neuen Sachlichkeit in Greifswald als Rudolf Ditzen zur Welt. Er stammte aus gutb√ľrgerlichen Verh√§ltnissen, die bekanntlich kein Garant f√ľr ein gl√ľckliches Leben sind. Vielmehr litt er unter einem schwierigen Verh√§ltnis zu seinem Vater. 1911 wurde Fallada erstmals in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, nachdem er einen Mitsch√ľler im Duell get√∂tet hatte. Vereinbart hatten die Jungen eigentlich ein Scheinduell, das in einen Doppelsuizid m√ľnden sollte. Fallada wurde Schuldunf√§higkeit bescheinigt, womit die Anklage gegen ihn fallengelassen wurde.

Alkohol und Opium, das waren die S√ľchte, mit denen er ein Leben lang zu k√§mpfen hatte. Beschaffungskriminalit√§t brachte ihn zweimal ins Gef√§ngnis. Au√üerdem lernte er diverse Nervenheilanstalten von innen kennen. Eine Phase des Gl√ľcks bescherte ihm Anna Issel, die er 1928 kennen lernte und ein Jahr sp√§ter heiratete. Vier Kinder gingen aus dieser bis 1944 w√§hrenden Ehe hervor. Fallada erwies sich als k√ľmmernder Vater, der f√ľr seinen Nachwuchs viele Geschichten schrieb.

Seine Einstellung zum Schreiben nahm teils pedantische Z√ľge an: Er setzte sich ein Schreibpensum, das er t√§glich zu erf√ľllen hatte. Dass er sich als Schriftsteller etablieren konnte, ist neben seiner eigenen Beharrlichkeit sicherlich auch der Geduld seines Verlegers, Ernst Rowohlt, zu verdanken. Trotz erster erfolgloser Ver√∂ffentlichungen hielt dieser an ihm fest, was sich 1932 bezahlt machte, als mit dem Roman ‚ÄěKleiner Mann ‚Äď was nun?‚Äú der internationale Durchbruch gelang. 1935 erkl√§rten ihn die Nazis zum unerw√ľnschten Autor, woraufhin Fallada sich auf das Schreiben unpolitischer Unterhaltungsliteratur verlegte. Eine Ausnahme bildete ‚ÄěWolf unter W√∂lfen‚Äú von 1937, das sich kritisch mit der Behandlung von Gefangenen in der Weimarer Republik auseinandersetzte und zu allem √úberfluss von Joseph Goebbels gelobt wurde.

Viele seiner literarischen Texte entstanden unter schwierigen Umst√§nden. Bei einem Streit mit seiner Ex-Frau schoss er unter Drogeneinfluss mit einer Pistole gegen einen Tisch, woraufhin er f√ľr drei Monate in die Landesanstalt Neustrelitz eingewiesen wurde. Dort verfasste er unter anderem den Roman ‚ÄěDer Trinker‚Äú. Harald Juhnke sollte den Romanhelden in der Verfilmung von 1995 auf grandiose Art und Weise verk√∂rpern.

Sein letzter Roman, der zugleich als Schl√ľsselwerk gilt, stammt aus dem Jahr 1946, wiederum in Krisenzeiten geschrieben: Fallada hielt sich wegen seiner Suchtprobleme in der Nervenklinik der Berliner Charit√© auf. In nur vier Wochen schrieb er dort ‚ÄěJeder stirbt f√ľr sich allein‚Äú. Im Zentrum der auf einer wahren Begebenheit beruhenden Handlung stehen die Eheleute Quangel aus Berlin, die nach dem Tod ihres geliebten Sohnes im Krieg zum Widerstand gegen die Nazis aufrufen. Sie bezahlen ihren Kampf gegen das Unrechtsregime schlie√ülich mit dem Tod.

Drei Monate nach dem Abschluss des Werkes starb Hans Fallada an Herzversagen. Der Kulturbund nahm sich nun den Text vor und hielt ihn wohl f√ľr nicht einseitig genug, denn viele Passagen fehlten, als er 1947 im Aufbau-Verlag erschien. Erst 2011 kam die ungek√ľrzte Fassung in die deutschen Buchl√§den. Dem vorausgegangen war eine Wiederentdeckung Hans Falladas durch die erste √úbersetzung ins Englische von ‚ÄěJeder stirbt f√ľr sich allein‚Äú im Jahr 2009. In den USA und Gro√übritannien st√ľrmte der Roman die Bestsellerlisten.


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Authored by: Tanja Uhde

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