Erstes Massenauto der Geschichte

Der Unternehmensgr√ľnder und die Tin-Lizzie zeigten sich 1968 gemeinsam auf einer Marke zu zw√∂lf Cent, MiNr. 961 (Abb. Schwaneberger Verlag).

Der Unternehmensgr√ľnder und die Tin Lizzie zeigten sich 1968 gemeinsam auf einer Marke zu zw√∂lf Cent, MiNr. 961 (Abb. Schwaneberger Verlag).

Die Tin Lizzie sei in jeder Farbe zu haben, ‚Äěsofern sie schwarz ist‚Äú (as long as it‚Äôs black). In der Geschichte des Automobilbaus geh√∂rt die Aussage seit Jahrzehnten zu den gefl√ľgelten Worten. Historisch ist sie aber nicht ganz korrekt. Zweifelsfrei dominierte in den Anfangstagen des Gro√üserienbaus Schwarz, da die Farbe am schnellsten trocknete und in gro√üen Mengen kosteng√ľnstig erh√§ltlich war. Vor 1915 und nach 1925 entstand die Tin Lizzie aber regul√§r auch in anderen Farben. Zwischen 1915 und 1925 galt eine andere Farbe als Sonderwunsch, die zus√§tzlich zu bezahlen war ‚Äď wie auch andere Sonderausstattungen.

Mit dem von J√≥zsef Galamb entwickelten Model T schrieb sich das von Henry Ford gegr√ľndete Detroiter Automobilwerk in die Annalen ein. Der ab 1908 gebaute Wagen fiel weder durch besonders fortschrittliche Technik noch durch eine f√ľr seine Zeit ungew√∂hnliche Gestaltung auf. Ford gelang es aber, die Tin Lizzie ‚Äď Blechliese ‚Äď zum ersten Massenauto der Geschichte zu machen. Dazu trugen zwei Ideen entscheidend bei.
Zum einen √ľbernahm Ford das System der Flie√übandfertigung. Im Automobilbau hatte es Ransom Eli Olds bereits 1902 eingef√ľhrt. Ford perfektionierte das System, die Arbeit in einzelne Schritte aufzuteilen. Zudem legte er klare Normen f√ľr das Endprodukt fest, wozu nicht nur die Standardfarbe Schwarz geh√∂rte. Er w√§re aber ein schlechter Gesch√§ftsmann gewesen, h√§tte er festgelegt, was seine Kunden gef√§lligst kaufen sollen.
Zum anderen legte Ford mit einer weitblickenden Entscheidung die Basis f√ľr den Wohlstand gro√üer Kreise der Bev√∂lkerung. Er entlohnte seine Arbeiter n√§mlich deutlich besser als die meisten Industriellen seiner Zeit, zahlte mitunter gar das Doppelte des √úblichen. Sein Ziel lie√ü sich einfach definieren: Auch die Arbeiter sollten sich einen Ford kaufen k√∂nnen, also Kunden seines Unternehmens werden. Da sich das Konzept als rundum erfolgreich erwies, zugleich die organisierte Arbeiterschaft ihre Macht erkannte, setzte sich Fords Prinzip in der westlichen Welt schnell durch.
Der Erfolg war Henry Ford, geboren am 30. Juli 1863, keineswegs in die Wiege gelegt. Als Sohn irischer Einwanderer genoss er nur eine einfache Grundbildung. Schon in der Jugend zeigte er sich aber technisch h√∂chst interessiert und baute mit 15 Jahren seinen ersten Verbrennungsmotor. In Detroit lie√ü er sich ab 1879 zum Maschinisten ausbilden und arbeitete im Anschluss daran f√ľr die Westinghouse Electric Corporation an Ottomotoren. 1888 heiratete er Clara Jane Bryant, die ein S√§gewerk in die Ehe einbrachte. Dennoch widmete sich Ford weiterhin technischen Entwicklungen und trat 1891 in die Edison Illuminating Company ein. Ab 1893 Chefingenieur, arbeitete er privat an Verbrennungsmotoren und baute 1896 sein erstes eigenes Automobil, das Quadricycle.
Zur Fertigung des Wagen gr√ľndete Ford 1899 mit Unterst√ľtzung weiterer Geldgeber die Detroit Automobile Company. Obgleich das Quadricycle technisch √ľberzeugte und 1901 sogar ein Autorennen gewann, musste das junge Unternehmen bereits kurz darauf Insolvenz anmelden.
Ford gab nicht auf. 1903 trat die nach ihm benannte Ford Motor Company ins Leben, an der neben Ford elf Investoren beteiligt waren. Ein neues Modell verhalf Ford zur Anerkennung nicht nur in der Fachwelt. Benannt war es bezeichnenderweise nach einer Dampflokomotive, der 999, damals das schnellste Dampfross in den Vereinigten Staaten.

Mit dem bis 1927 produzierten Model T gelang Ford dann der Durchbruch. Nicht weniger als 15 Millionen Exemplare entstanden. Zum Schluss z√∂gerte Ford aber fast zu lange, ehe er mit dem ab 1926 gebauten Model A gerade noch die Kurve kriegte. Die Tin Lizzie war zu dem Zeitpunkt technisch l√§ngst √ľberholt, die Verkaufszahlen eingebrochen. Henry Fords Sohn Edsel, formal seit 1919 Vorstandsvorsitzender des Unternehmens, hatte bereits Anfang der zwanziger Jahre gewarnt und wenigstens die √úberarbeitung des Model T angemahnt. Doch vergeblich. Immerhin erwies sich auch das Model A als Erfolg. Bis 1931 rollten mehr als vier Millionen Wagen vom Band, trotz der Wirtschaftskrise.
Zu dem Zeitpunkt widmete sich Henry Ford l√§ngst anderen Interessen. Wirtschaftlichen Schiffbruch erlitt er mit einer brasilianischen Kautschuk-Plantage, die den Rohstoff f√ľr die Reifen der Automobile liefern sollte. Eine Pflanzenkrankheit zerst√∂rte Fords Pl√§ne. Sein Image als Vordenker nahm erheblichen Schaden durch antisemitische Publikationen in den zwanziger Jahren. Eine von ihm gegr√ľndete Zeitung druckte unter anderem die so genannten ‚ÄěProtokolle der Weisen von Zion‚Äú, ein von ihm herausgegebenes Buch verbreitete haneb√ľchene Verschw√∂rungstheorien.
1943 √ľbernahm Henry Ford noch einmal den Vorstandsvorsitz seines Unternehmens, nachdem sein Sohn verstorben war. Zu der Zeit arbeitete die Ford Motor Company stark defizit√§r, war aber f√ľr die R√ľstungsproduktion unentbehrlich. Der Umschwung gelang erst Henry Ford II, der das Unternehmen ab 1945 f√ľhrte. Dessen Gr√ľnder verstarb am 7. April 1947.

Authored by: Torsten Berndt

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