Marke der Woche: 20 Prozent Waffen

Vor einigen Jahren traf ich in einer Gastst√§tte einen jungen Mann, der betr√ľbt am Tresen sa√ü und versuchte, seinen Kummer zu ertr√§nken. Ich setzte mich neben ihn und sprach ihn an. Er schien √ľber diese Ablenkung erfreut und erz√§hlte, was ihn bewegte. Er sei ein Gaststudent aus Israel und habe gerade sein Auslandssemester in Deutschland beendet. Aber nun, kurz vor der Abreise, habe er den schweren Entschluss gefasst, in Deutschland zu bleiben. Er liebe seine Heimat, halte es dort aber nicht mehr aus. Wieso? fragte ich. Es sei die Besessenheit f√ľr Waffen, entgegnete er. In Israel w√§ren √ľberall Waffen und er hasste Waffen…

Israels Waffenindustrie auf BriefmarkeWas der junge Mann schilderte, ist nat√ľrlich eine allt√§gliche Erfahrung in seiner konfliktgeladenen Heimat. Die Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Pal√§stinensern zerr√ľtten die Region immerhin seit Jahrzehnten. Eine Gesellschaft r√ľstet unter solchen Bedingungen zwangsl√§ufig auf. Doch gleichzeitig besa√ü seine Aussage auf einer ganz anderen Ebene eine tiefere Wahrheit. In jedem Land wird die Politik ma√ügeblich durch die dominierenden Wirtschaftszweige mitbestimmt. Lobbyismus nennt man besch√∂nigend diese Einflussnahme, die eigentlich nicht mit der Idee der Demokratie vereinbar ist. In Deutschland etwa herrscht traditionell ein freundliches Klima f√ľr die Automobil- und die Chemische Industrie. In Israel gilt dies f√ľr die Waffen- und Sicherheits-Industrie.Laut aktuellen Presseberichten betr√§gt der Verkauf von Waffen gut 20 Prozent des nationalen Exportvolumens. Addiert man die nicht als¬†‚ÄěWaffen‚Äú deklarierten High-Tech-Produkte f√ľr Sicherheitssysteme, d√ľrfte der Anteil um einiges gr√∂√üer sein. Unsere ‚ÄěMarke der Woche‚Äú hat heute Ersttag und feiert das 80-j√§hrige Bestehen des zentralen israelischen R√ľstungsunternehmens, der ‚ÄěIsrael Military Industries‚Äú, kurz IMI genannt.

Dieses Unternehmen wurde 1933 gegr√ľndet, als Pal√§stina noch ein britisches Mandatsgebiet war. Im Zuge eskalierender Konflikte zwischen j√ľdischen Einwanderern und der arabischen Landesbev√∂lkerung hatte sich eine israelische bewaffnete Untergrundorganisation namens Hagana gebildet, die als paramilit√§rische Miliz den Schutz der Siedlungen vor arabischen Progromen gew√§hrleisten sollte. Die Hagana ben√∂tigte Waffen, die seit 1933 von der IMI produziert wurden. Mit der Gr√ľndung des Staates Israel wurde das Unternehmen verstaatlicht. Damit √ľbernahm die IMI eine wichtigte Funktion im Netzwerk aus Politik, Milit√§r und Industrie. So erkl√§rt sich der unglaubliche Erfolg israelischer Waffen auf dem Weltmarkt nicht zuletzt dadurch, dass diese Produkte ‚Äěim Einsatz erprobt‚Äú sind. Insbesondere seit die westlichen M√§chte erkannt haben, wie wenig sie auf asymmetrische Konflikte vorbereitet sind, kommt das Know-How der israelischen Waffentechniker zum tragen. Man entwickelt und testet anschlie√üend die Produkte im Gaza-Streifen oder anderen vermeintlichen Unruheherden. Kein Wunder auch, das ein Gro√üteil aller weltweit eingesetzten Drohnen aus israelischer Produktion stammt. Bewaffnete Konflikte vor der eigenen Haust√ľr auszutragen, m√∂glichst ohne eigene Opfer, m√∂glichst automatisiert ‚Äď das ist die zynische Schule der modernen Waffenindustrie. Der Weltmarkt ist begeistert, die Industrie vezeichnet Rekordgewinne. Und so wird auch kaum in Frage gestellt, ob die zunehmende Verflechtung von Industrie, Milit√§r, Geheimdienst und Politik m√∂glicherweise die freiheitlichen Rechte der Bev√∂lkerung gef√§hrdet. Und ob so eine erfolgreiche Entwicklungs-Strategie einen nachhaltigen Frieden zwischen Israelis und Pal√§stineners tolerieren kann, bleibt auch abzuwarten. Wer am Krieg verdient, wird alles daf√ľr tun, den Frieden zu verhindern.

Noch mag dem israelischen Studenten in Deutschland der Anblick von Drohnen am Himmel erspart bleiben, eine langfristige Perspektive wird dies in seiner neuen Heimat aber vermutlich auch nicht bleiben. Aber immerhin beschr√§nkt sich die Pr√§senz der Bundeswehr im Alltag auf √ľberf√ľllte Zugabteile. Und die kann man doch leichter wechseln als das Land.


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Authored by: Jan Sperhake

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