Atomwaffen waren gefechtsbereit

Als ‚Äěarabische Niedertracht, am Jom Kippur anzugreifen", bezeichnete der israelische Botschafter in Bonn, Eliashiv Ben-Horin, den Angriff. Die Sondermarke von 1991, MiNr. 1199, zeigt eine Kinderzeichnung zum Vers√∂hnungstag (alle Abb. Schwaneberger Verlag).

Als ‚Äěarabische Niedertracht, am Jom Kippur anzugreifen“, bezeichnete der israelische Botschafter in Bonn, Eliashiv Ben-Horin, den Angriff. Die Sondermarke von 1991, MiNr. 1199, zeigt eine Kinderzeichnung zum Vers√∂hnungstag (alle Abb. Schwaneberger Verlag).

Warnungen gab es zur Gen√ľge. Die Geheimdienste schlugen sie jedoch in den Wind. So deutlich waren die Kr√§fteverh√§ltnisse 1967 gewesen, dass die Verantwortlichen den Gegner str√§flich untersch√§tzten. Die Revanchedrohungen wurden bel√§chelt. Selbst die gro√üe Schutzmacht, die Vereinigten Staaten, sahen darin nur Wichtigtuerei. Dabei war die Dem√ľtigung 1967 derart deutlich ausgefallen, dass eigentlich jederzeit mit un√ľberlegten Handlungen gerechnet werden musste.
Am 5. Oktober 1973 teilte dann ein √§gyptischer Mossad-Agent mit, der Angriff auf Israel erfolge am Folgetag um 18 Uhr. Dieses Mal handelten die Israeli, wenn auch nur halbherzig. Verteidigungsminister Moishe Dajan lehnte sowohl die Generalmobilmachung als auch den m√∂glichen Pr√§ventivschlag ab. Israel d√ľrfe nicht als Aggressor dastehen, da ansonsten die Unterst√ľtzung durch die USA verloren gehen k√∂nne. Immerhin lie√ü Ministerpr√§sidentin Golda Meir dann die Mobilmachung von bis zu 100.000 Reservisten zu. Als die Kampfhandlungen dann am 6. Oktober um 14 Uhr einsetzten, war die israelische Armee aber dennoch nur bedingt einsatzbereit.
Der Angriff erfolgte von zwei Seiten. Im Norden durchbrachen die Syrer die Verteidigungslinien unterhalb der Golanh√∂hen und stie√üen ins Jordantal vor. Im S√ľden durchschnitten √§gyptische Einheiten mit von Deutschland und Gro√übritannien gelieferten Hochdruckwasserpumpen den Verteidigungswall am Suezkanal, √ľberquerten diesen und drangen in den Sinai ein. Syrer und √Ągypter waren von der Sowjetunion mit modernsten Waffensystemen ausger√ľstet worden. In den ersten Tagen starben hunderte israelischer Soldaten, weitere gerieten in Gefangenschaft. Zudem verlor die Armee rund 500 Panzer und etwa 50 Flugzeuge. Die Lage war so prek√§r, das Meir den Befehl gab, 13 Raketen des Typs Jericho mit 500 Kilometern Reichweite gefechtsklar zu machen ‚ÄĒ best√ľckt mit Atomwaffen.
Schneller als von ihnen selbst erwartet, kamen die Israeli aber wieder in die Offensive. Ma√ügeblich trug dazu die Entscheidung bei, die Luftwaffe von der S√ľdfront abzuziehen und im Norden einzusetzen. Im Jordantal gebe es Siedlungen, im Sinai nur Sand, argumentierte Dajan. Schnell gewann die Luftwaffe die Lufthoheit auch √ľber Syrien. Dank schneller Waffenlieferungen der USA konnte die Armee bis zum 9. Oktober den Angriff zur√ľckschlagen und stand kurz darauf vor den Toren von Damaskus. Da die Sowjets mit z√ľgigen Waffenlieferungen √ľberfordert waren, musste der syrische Diktator Hafiz al-Assad den Kreml um Vermittlung eines Waffenstillstandes bitten.
US-Au√üenminister Henry Kissinger verz√∂gerte indessen die Gespr√§che, da ihm l√§ngst klar war, dass Israel sp√§tere Verhandlungen aus einer Position der St√§rke heraus f√ľhren w√ľrde, wenn der Krieg nicht sofort ende. Zudem lehnte Anwar el Sadat, der √§gyptische Diktator, einen Waffenstillstand kategorisch ab, da er gemeinsam mit seinem Generalstab den Vormarsch der √§gyptischen Truppen in der W√ľste so falsch deutete, dass die Gener√§le sogar zulie√üen, dass gro√üe Truppenteile den Schutzschirm sowjetischer Raketen verlie√üen. Als sich die Israeli wieder verst√§rkt der S√ľdfront zuwandten, kam es am 14. Oktober zu einer gigantischen Panzerschlacht, die Historiker mitunter als die gr√∂√üte Panzerschlacht seit dem Zweiten Weltkrieg definieren. Zwei Tage sp√§ter √ľberquerten die Israeli den Suezkanal und marschierten auf Kairo zu. Zudem gelang es ihnen, die 20.000 Mann starke dritte √§gyptische Armee einzukesseln. Nunmehr bat auch Sadat Leonid Breshnev um Vermittlung eines Waffenstillstandes.

Das Kol-Nidrei-Gebet symbolisiert die Jom-Kippur-Marke von 2012, MiNr. 2311.

Das Kol-Nidrei-Gebet symbolisiert die Jom-Kippur-Marke von 2012, MiNr. 2311.

USA und Sowjets lancieren gemeinsam eine Resolution des Weltsicherheitsrates. Diese f√ľhrt noch nicht zu einem Ende der Kampfhandlungen, auch wenn es wiederholt zu zeitweisen Waffenstillst√§nden kam. Die Resolution 340 vom 25. Oktober beendete den Krieg dann. Kurz darauf kam es erstmals seit 1948 zu direkten Gespr√§chen zwischen Israeli und √Ągyptern, die sich √ľber die Versorgung der Soldaten der eingeschlossenen dritten √§gyptischen Armee verst√§ndigten. Ein kleines Fundament des Vertrauens war damit gelegt. Kissinger nutzte es f√ľr seine legend√§re Pendeldiplomatie. Als dann am 19. November 1977 Sadat nach Jerusalem flog und vor der Knesset sprach, endete zumindest an der israelischen S√ľdgrenze das Zeitalter der Feindseligkeiten. Im Norden war und ist man bis heute nicht soweit. Obwohl die Syrer mit rund 3000 Toten ‚ÄĒ Israel 2521, √Ągypten etwa 2000 ‚ÄĒ die gr√∂√üten Verluste zu beklagen hatten, lehnte Assad Friedensgespr√§che mit Israel rundweg ab.
Der israelischen Gesellschaft versetzen die √Ągypter und Syrer mit ihrem Angriff einen schweren Schock. Erstmals stand das Land vor einer Niederlage. Die F√ľhrungen der Geheimdienste und der Armee trugen zwar die Hauptschuld an der knapp vermiedenen Katastrophe. Die Regierung musste aber zur√ľcktreten. Die Arbeiterpartei verlor die n√§chsten Wahlen. Da am 6. Oktober 1973 nach j√ľdischem Kalender der h√∂chste j√ľdische Feiertag, der Vers√∂hnungstag, hebr√§isch Jom Kippur, stattfand, spricht man heute gew√∂hnlich vom Jom-Kippur-Krieg.

Authored by: Torsten Berndt

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