Fehlgeleitetes und blasphemisches Denken

Denis Diderot auf franz√∂sischer Briefmarke 1984Besonders als Herausgeber der sogenannten ‚ÄěEncyclop√©die‚Äú wurde der Philosoph und Schriftsteller Denis Diderot eine der ber√ľhmten Figuren der Aufkl√§rung. Er kam vor 300 Jahren, am 5. Oktober 1713, in der Champagne zur Welt.¬†Anders als in seinem provinziellen Geburtsort Langres konnte Diderot im Paris der 20er-und der fr√ľhen 30er-Jahre des 18. Jahrhunderts anregende Kontakte mit Philosophen und Literaten kn√ľpfen. Dort studierte er. Und nach dem Studium wurde der junge Diderot dann nicht Priester, so wie man es einmal f√ľr ihn vorgesehen hatte, sondern er verdiente Geld als Gehilfe eines Pariser Anwaltes und als Hauslehrer. Aber eigentlich wollte er l√§ngst selbst Philosoph und Schriftsteller sein.¬†Im Alter von 30 Jahren heiratete Diderot Anne-Antoinette Champion. Wenngleich er im Lauf der Jahre einige Aff√§ren hatte, blieben die beiden stets zusammen. Und ungef√§hr zu dieser Zeit konzentrierte sich Diderot auch immer mehr auf das Schreiben.

Neben √úbersetzungen ins Franz√∂sische ‚Äď er hatte in den letzten Jahren noch Englisch gelernt ‚Äď verfasste er philosophische Aufs√§tze. Finanziell eintr√§glich war das nicht. Und manches kam bei Kirche und Staat nicht gut an. Seine 1746 erschienene Schrift ‚ÄěPhilosophische Gedanken‚Äú wurde auf Gehei√ü der Regierung verbrannt, und f√ľr ‚ÄěBriefe √ľber die Blinden zum Gebrauch f√ľr die Sehenden‚Äú sperrte man Diderot 1749 sogar monatelang ein. F√ľr sein dort niedergeschriebenes fehlgeleitetes und blasphemisches Denken musste der Autor L√§uterung geloben. Er hatte biblische Sch√∂pfungsvorstellungen und die Existenz Gottes diskutiert. Tats√§chlich sollte Diderot in Zukunft manches vor den Bornierten und M√§chtigen zur√ľckhalten. Vom freien und kritischen Denken abbringen lie√ü er sich aber keineswegs.

Denis Diderot auf franz√∂sischer Briefmarke 1958Im Gef√§ngnis war Diderot von Jean-Jacques Rousseau besucht worden. Wie auch Voltaire, steuerte er sp√§ter zu dem √ľberaus ambitionierten Projekt bei, an dem Diderot mit dem Naturwissenschaftler Jean Baptiste le Rond d’Alembert bereits seit 1747 arbeitete und f√ľr dessen Umsetzung er die wesentliche und treibende Kraft werden sollte: Die ‚ÄěEncyclop√©die ou dictionnaire raisonn√© des sciences, des arts et des m√©tiers‚Äú (‚ÄěEnzyklop√§die oder durchdachtes W√∂rterbuch der Wissenschaften, K√ľnste und Gewerbe‚Äú). Dieses Lexikon, dessen erste B√§nde 1751 erschienen, umfasste akademisches, aber auch handwerkliches Wissen, das von Wissenschaftlern und Intellektuellen, K√ľnstlern und Fachleuten aus nicht-akademischen Bereichen und aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten beigetragen wurde. Der federf√ľhrende Diderot wollte kein Fachbuch oder -lexikon herausbringen. Er wollte dezidiert Wissen ‚Äěin der Breite‚Äú sammeln. Und es sollte so formuliert und dargestellt werden, dass auch Nicht-Experten einen Zugang finden konnten. Dabei half auch, dass die Artikel einfach alphabetisch geordnet waren und dass vieles zus√§tzlich mit Hilfe von Abbildungen verdeutlicht wurde.


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Wieder nahmen die Autoritäten Anstoß. Nicht nur wichen Inhalte der Encyclopédie gelegentlich von gängigen, religiös fundierten Ansichten ab, weil sie nicht kirchliche Lehren, sondern wissenschaftliche Prinzipien zur Grundlage hatten. Auch politische und gesellschaftliche Machthaber waren beunruhigt. Denn die Encyclopédie war von den Grundsätzen der Freiheit des Denkens, der Überwindung von Vorurteilen und der Verbreitung von Wissen getragen. Und das stellte auch etablierte politische und soziale Verhältnisse in Frage.

Denis Diderot auf Briefmarke aus Wallis und Futuna 1984Mehrere Male wurde deswegen die Veröffentlichung weiterer Bände untersagt. Aber trotz zensorischer Maßnahmen ging die Arbeit doch immer weiter. Bis 1772 war Diderot schließlich Herausgeber der insgesamt 17 Text- und 11 Abbildungsbände. Mehrere tausend der 72.000 enthaltenen, von 144 Autoren in französischer Sprache verfassten Artikel schrieb er im Lauf seiner zwanzigjährigen Arbeit an der Encyclopédie selbst.

Diderot war aber nicht nur ein aufkl√§rerischer Sammler und Verbreiter zeitgen√∂ssischen Wissens. Neben seinen zahlreichen philosophischen Texten, die religi√∂sen Setzungen alleine durch ihre materialistische Ausrichtung skeptisch gegen√ľber standen, schrieb Diderot auch Dramen und Romane. Gotthold Ephraim Lessing √ľbersetzte St√ľcke Diderots ins Deutsche, Goethe sch√§tzte ihn u.a. f√ľr seine kunsttheoretischen Arbeiten. Ber√ľhmt wurden z.B. die Romane ‚ÄěJaques, der Fatalist und sein Herr‚Äú und ‚ÄěDie Nonne‚Äú. Wie manche seiner kritischen und provokanten Schriften, wurden beide aber erst ver√∂ffentlicht, nachdem Diderot am 31. Juli 1784 in Paris gestorben war.

Authored by: Marius Prill

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