Zum 9. November 1938

1988 gedachte die Bundesrepublik des Novemberpogroms, MiNr. 1389.

1988 gedachte die Bundesrepublik des Novemberpogroms, MiNr. 1389.

Wann wurde der allgemeine Antisemitismus zum eliminatorischen? Diese Frage stellen sich seit rund 70 Jahren die Historiker. Antisemitismus als solchen gab es zu allen Zeiten in allen LĂ€ndern. Auch heute ist er noch immer erschreckend weit verbreitet, nicht nur in Staaten wie dem Iran. Pogrome werden wir erleben, solange diesen Globus Menschen besiedeln, ebenso Völkermord. Schon immer verzeichneten die Annalen wĂ€hrend der Kriege GrĂ€ueltaten und Übergriffe auf die Zivilbevölkerung. Der eliminatorische Antisemitismus in Deutschland war in der Geschichte aber bislang einzigartig und wird es hoffentlich bleiben.
FĂŒr den allgemeinen Antisemitismus kann man viele ErklĂ€rungen finden. Stark verbreitet ist der Hinweis auf die Theologie. Angehörige anderer Religionen gelten vielfach als UnglĂ€ubige, als minderwertig. Kein religiöser Antisemit wĂŒrde aber ernsthaft auf die Idee kommen, einen zum eigenen Glauben konvertierten Juden wegen seiner jĂŒdischen Herkunft umzubringen. Die Bekehrung eines Dritten gilt schließlich als Erfolg. WĂ€hrend der nationalsozialistischen Herrschaft wurden aber auch die zum Christentum ĂŒbergetretenen Juden getötet, sogar die Nachkommen ĂŒbergetretener Juden.
Vielfach hört man auch den Hinweis, die wirtschaftlichen Erfolge der Juden hÀtten einfach Neid hervorgerufen. Zweifellos spielt dieser eine Rolle, wenn man den Ursachen der Shoah auf die Spur kommen möchte. Dem Rassenwahn von Hitler und Konsorten fielen aber Angehörige aller Schichten zum Opfer, insbesondere in den von Deutschland besetzten LÀndern Mittel- und Osteuropas.
In umgekehrter Argumentation wird oftmals auf die verarmten, vor allem in Berlin lebenden sogenannten „Ostjuden“ hingewiesen, ĂŒberwiegend FlĂŒchtlinge aus Galizien und dem Russischen Reich respektive der Sowjetunion. Berichte und Fotos aus dem sogenannten „Scheunenviertel“ der zwanziger Jahre erschrecken auch heute vor dem Wissen um den gezielten Massenmord noch. Staatliche Gewalt gegen die Bewohner von Armutsvierteln hat es immer gegeben. Das erklĂ€rt jedoch nicht, weshalb die jĂŒdische Ober- und Mittelschicht gleichermaßen eliminiert wurde.
Die Feindschaft gegenĂŒber den „Ostjuden“ verband sich mit der seit jeher tief verankerten Ablehnung Polens. Es verwundert eigentlich nicht, dass unter den Shoah-Opfern jĂŒdische Polen besonders stark vertreten waren, dass die Ausrottungspolitik in Polen intensiver als in anderen besetzten Staaten umgesetzt wurde. Unter die sogenannten „slawischen Untermenschen“ fielen indessen auch die christlichen Polen. Von einem eliminatorischen Vorgehen gegen die christlichen Polen kann man aber nicht sprechen. Gleiches trifft fĂŒr Russland zu.
Mit Sicherheit spielt die Persönlichkeit Hitlers eine Rolle, verstĂ€rkt um das propagandistische Geschick Goebbels‘. Im Hinblick auf die Rassenlehre des NS-Staates sollte man aber nie das Äußere von Hitler, Goebbels und Göring ĂŒbersehen; insbesondere Goebbels hĂ€tte in den Propagandafilmen des Dritten Reichs perfekt den Nichtarier verkörpern können. Dass sich ein ganzes Volk so billig tĂ€uschen lĂ€sst, ist wohl auszuschließen. Die Mehrheit wollte daran glauben und unterdrĂŒckte jeden inneren Zweifel. Die Zahl aktiv Beteiligter war zu hoch, die Verbrechen unbemerkt von der Öffentlichkeit geschehen zu lassen. Von den GrĂ€ueln im Osten wusste ein jeder, der das wollte.

Israelische Gedenkmarke zum 50. Jahrestag des Novemberpogroms, MiNr. 1110.

Israelische Gedenkmarke zum 50. Jahrestag des Novemberpogroms, MiNr. 1110.

Das gilt insbesondere fĂŒr die FĂŒhrung der Wehrmacht, die den Massenmord hinter den Linien nicht bloß zuließ, sondern aktiv unterstĂŒtzte. Ja, die GenerĂ€le erhoben nicht einmal dagegen Widerspruch, dass zehntausende wehrfĂ€higer MĂ€nner dem Kriegsdienst entzogen wurden, die in Auschwitz, Treblinka und anderen Vernichtungslagern, aber auch an den Schreibtischen ihrem mörderischen Handwerk nachgingen. FĂŒr die Versorgung der Fronten nötige Lokomotiven und Wagen beförderten kein KriegsgerĂ€t, keine Nahrungsmittel, keine Kleidung fĂŒr die Wehrmacht, sondern Menschen in die Todeslager. Die MilitĂ€rfĂŒhrung schwieg oder unterstĂŒtzte das Hitler-Regime sogar. Nach Kriegsende beriefen sich GenerĂ€le und Offiziere darauf, den Befehlen gefolgt zu sein. Die Verantwortung wurde abgeschoben.
Einen anderswo seltener anzutreffenden Wesenszug der Deutschen stellte das GefĂŒhl dar, zu kurz gekommen oder gar Opfer finsterer MĂ€chte geworden zu sein. Dieser Gedanke zog sich von der Kolonialpolitik des Kaiserreichs bis hin zur PropagandalĂŒge, wĂ€hrend des Ersten Weltkrieges im Felde unbesiegt geblieben zu sein. Vielfach war dies mit einem entschiedenen „Weiter so“ verbunden; nicht erst in unseren Tagen stoßen diejenigen, die neue Wege beschreiten wollen, auf oftmals recht deutlich artikulierte Ablehnung. Im GefĂŒhl der Minderwertigkeit oder der Bedrohung von Außen sah sich anfangs eine Minderheit zum Losschlagen aufgefordert und fand im Laufe der Jahre mehr und mehr AnhĂ€nger. Dass die Zahl der Juden weitaus geringer war als die Propaganda vermuten ließ, spielte keine Rolle. 1933 lebten in Deutschland etwa 500.000 Juden, gut 0,6 Prozent der Gesamtbevölkerung.
Wer die Frage nach dem „Warum“ stellt, der muss auch feststellen, dass es neben den willfĂ€hrigen Vollstreckern unzĂ€hlige willfĂ€hrige Opfer gab. Weit verbreitet war im Judentum die Ansicht, dem Einzelnen könne nichts passieren. Man sei lĂ€ngst assimiliert, hieß es dann, oder man habe im Ersten Weltkrieg an der Front gestanden, ja, sogar man sei deutscher Beamter. Dass auch innerhalb des Judentums Spannungen herrschten, dass beispielsweise die Gutsituierten den sogenannten „Ostjuden“ Ă€hnlich ablehnend gegenĂŒberstanden wie die Gesamtbevölkerung, verschĂ€rfte die Lage fĂŒr die jĂŒdischen Deutschen noch.
Wenn wir heute des Novemberpogroms von 1938 gedenken, fĂ€llt der Blick naturgemĂ€ĂŸ zuvorderst auf die Ereignisse an sich. Doch muss die Diskussion um die Ursachen stetig weitergehen. Jede Unterbrechung der Debatte birgt nĂ€mlich die Gefahr, dass aus latentem Antisemitismus wieder eliminatorischer wird – irgendwo auf der Welt.


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Authored by: Torsten Berndt

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