Widerstand gegen die Diktatur

1998 ehrte Schweden die Literatur-Nobelpreisträgerin von 1991 philatelistisch, MiNr. 2082.

1998 ehrte Schweden die Literatur-Nobelpreisträgerin von 1991 philatelistisch, MiNr. 2082.

Wahrscheinlich war es ihr in die Wiege gelegt, dass sie zur Stimme der Unterdr√ľckten wurde. Geboren am 20. November 1923 im heutigen Gauteng, damals Springs, Transvaal, geh√∂rte sie zur wei√üen Minderheit in S√ľdafrika. Innerhalb der wei√üen Minderheit, die bis in die neunziger Jahre hinein viel Unheil angerichtet hat, z√§hlte sie zur Minderheit der Juden. Obgleich die aus England und Litauen stammenden Eltern sie weltlich erzogen und sie √∂stlich Johannesburgs eine ruhige Kindheit in ausschlie√ülich wei√üem Umfeld genoss, sp√ľrte sie fr√ľh, dass sie nicht richtig dazu geh√∂rte. Das mag zum Teil auf den h√§uslichen Unterricht zur√ľckzuf√ľhren sein, den sie wegen einer f√§lschlich diagnostizierten Herzschw√§che lange vor der Mutter erteilt bekam. Doch erlebten Juden immer und √ľberall, dass sie offen oder subtil ausgegrenzt wurden. Schon in ihren ersten literarischen Werken ‚Äď Ver√∂ffentlichungen aus der Kindheit ausgenommen ‚Äď besch√§ftigte sie sich mit den Folgen, die sicht- und unsichtbare Mauern f√ľr die Menschen auf beiden Seiten zeitigen, insbesondere vor dem Hintergrund der s√ľdafrikanischen Apartheidspolitik.
Nadine Gordimer beschr√§nkte sich aber nicht auf die Rolle der beobachtenden und beschreibenden Intellektuellen. Sie beteiligte sich aktiv am Widerstand gegen die Diktatur der wei√üen Minderheit. Damit stie√ü sie nicht nur bei dieser auf Ablehnung. Auch eine stetig wachsende Zahl Schwarzer sah w√§hrend der sechziger und siebziger Jahre in wei√üer Unterst√ľtzung den Versuch, eine geistige und psychische Abh√§ngigkeit zu schaffen. Sp√§ter setzten sich zwar die gem√§√üigten Politiker durch. Das Misstrauen begleitete Gordimer aber zeitlebens, sowohl auf wei√üer als auch auf schwarzer Seite.

1996 portr√§tierte ein s√ľdafrikanischer Block Nadine Gordimer unter anderem neben Desmond Tutu und Nelson Mandela, MiNr. 1025-1034 (Abb. Schwaneberger Verlag).

1996 portr√§tierte ein s√ľdafrikanischer Block Nadine Gordimer unter anderem neben Desmond Tutu und Nelson Mandela, MiNr. 1025-1034 (Abb. Schwaneberger Verlag).

Literarisch versuchte sie, die Grenzen zu √ľberwinden. Ihre Romane, Kurzgeschichten und Essays fanden weltweit gr√∂√üere Anerkennung als in der Heimat. Dort steht sie zwar auf einer Ebene mit Nelson Mandela und Desmond Tutu ‚Äď trotz anderer Hautfarbe. Den Alltag pr√§gen aber jene, die lieber √Ąmter und Geld verteilen, statt die Ideale der Gleichberechtigung und Meinungsfreiheit hochzuhalten. Nadine Gordimer begleitete denn auch die Aktivit√§ten des von ihr w√§hrend des Verbots unterst√ľtzten Afrikanischen Nationalkongresses mit oftmals deutlich ge√§u√üerter Skepsis. Immerhin braucht sie im demokratisierten S√ľdafrika keine Verfolgung mehr zu bef√ľrchten.
Auch mit nunmehr 90 Jahren z√§hlt Gordimer zu den Aktiven, die √∂ffentlich das Wort ergreifen. Eine enge Freundschaft verbindet sie seit mehr als 50 Jahren mit G√ľnter Grass. Kennengelernt hatten sie sich, als Gordimer in den f√ľnfziger Jahren die Heimat ihres Mannes besuchen wollte, des 1935 emigrierten Reinhold Cassirer. Ihre Kinder verlie√üen S√ľdafrika. Nadine Gordimer blieb und verfolgt kritisch Entwicklungen, die mitunter nach einer Stimme der Unterdr√ľckten verlangen.

Authored by: Torsten Berndt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.