Ein Hort des geistigen Widerstands

Ricarda-Huch-Briefmarke2014

MiNr. 3093 erschien am 3. Juli.

Heute vor 150 Jahren, am 18. Juli 1864, wurde die Schriftstellerin Ricarda Huch als Tochter eines Kaufmanns in Braunschweig geboren. Zum Studium der Geschichte und Philosophie geht sie in die Schweiz, da Studieren in Deutschland f√ľr eine Frau seinerzeit nicht m√∂glich war. 1892 promoviert sie an der Universit√§t Z√ľrich und ver√∂ffentlicht im selben Jahr die ersten Gedichte unter dem Pseudonym Richard Hugo. Richard ist auch der Name ihres Cousins (und gleichzeitig ihres) Schwagers, mit dem sie vor ihrem Studium eine Liebesbeziehung unterhielt.¬†Nach ihrem Studium arbeitet sie als Lehrerin und in der Bibliothek, f√ľhlt sich davon jedoch nicht ausgef√ľllt, und ver√∂ffentlicht erste Dramen und Erz√§hlungen sowie ihren ersten Roman. 1897 geht sie nach Wien und arbeitet von nun an als freie Schriftstellerin. In Wien lernt sie einen italienischen Zahnarzt kennen, den sie heiratet und dem sie in seine Heimatstadt Triest folgt. Hier entsteht der erste Band ihrer zweib√§ndigen Studie √ľber die ‚ÄěBl√ľtezeit der Romantik‚Äú und eine Tochter wird geboren, worauf die Familie nach M√ľnchen √ľbersiedelt. In M√ľnchen schreibt und ver√∂ffentlicht sie historische Italien-Romane wie etwa die zweib√§ndigen ‚ÄěGeschichten von Garibaldi‚Äú, was ihr sp√§ter das ‚Äď ungewollte ‚Äď Wohlwollen italienischer Faschisten einbringt.

Zwei Romane und eine Biografie √ľber Gottfried Keller entstehen, bevor ihre Ehe zerbricht und sie kurzerhand nach Braunschweig umzieht ‚Äď und im Jahr 1907 ihren Cousin Richard heiratet. Doch auch diese Ehe scheitert, worauf sie 1911 nach M√ľnchen zur√ľckkehrt und ab 1912 ein dreib√§ndiges Werk √ľber den Drei√üigj√§hrigen Krieg publiziert: ‚ÄěDer gro√üe Krieg in Deutschland‚Äú, ein H√∂hepunkt ihres Schaffens. Die Jahre 1916 bis 1918 verbringt sie in der Schweiz, wo sie Vortr√§ge h√§lt und nun auch philosophische und theologische Themen in ihrem Schreiben verarbeitet, etwa ‚ÄěLuthers Glaube‚Äú oder ‚ÄěDer Sinn der Heiligen Schrift‚Äú. Auch einen Kriminalroman publiziert sie, ‚ÄěDer Fall Deruga‚Äú, der ein gro√üer Publikumserfolg und mehrmals verfilmt wird.

Briefmarke-Ricarda-Huch-1975

1975 erschien das Porträt der Schriftstellerin zum ersten Mal auf Briefmarke, MiNr. 827.

Politisch bet√§tigt sie sich ebenfalls, kandidiert vergeblich f√ľr die Nationalversammlung und ver√∂ffentlicht die Biographie ‚ÄěMichael Bakunin und die Anarchie‚Äú. Dar√ľber hinaus forscht und publiziert sie umfangreich √ľber die ‚ÄěLebensbilder deutscher St√§dte‚Äú und ‚ÄěDie Revolution des 19. Jahrhunderts in Deutschland‚Äú. Zu ihrem 60. Geburtstag gratuliert ihr Thomas Mann (‚ÄěDie erste Frau Deutschlands … wahrscheinlich die erste Europas‚Äú), die Stadt M√ľnchen verleiht ihr die akademische Ehrenb√ľrger, zwei Jahre sp√§ter wird sie als erste Schriftstellerin Mitglied der Preu√üischen Akademie der K√ľnste. Sie ist auch die erste, die 1933 nach der sogenannten Machtergreifung wieder aus der gleichgeschalteten Akademie austritt, ihr Haus, in dem sie mit Tochter und Schwiegersohn zusammenlebt, wird w√§hrend des Dritten Reichs zu einem Hort des geistigen Widerstands gegen den Nationalsozialismus.

Huch schreibt in einer Art innerer Emigration Gedichte und eine dreib√§ndige ‚ÄěDeutsche Geschichte‚Äú, von denen allerdings nur der erste ohne gr√∂√üere Probleme erscheinen kann. Ihre letzten historischen Studien widmet sie dem deutschen Widerstand um ‚ÄěDie wei√üe Rose‚Äú. 1947 wird sie Ehrenpr√§sidentin des Deutschen Schriftstellerkongresses in Ost-Berlin, bevor sie nach Frankfurt am Main √ľbersiedelt, wo sie am 17. November 1947 an den Folgen einer Lungenentz√ľndung stirbt. Die mit dem Goethepreis und dem Wilhelm-Raabe-Preis ausgezeichnete Schriftstellerin, Philosophin und Historikerin hinterlie√ü ein Werk, das sowohl durch den schieren Umfang Respekt einfl√∂√üt, als auch durch au√üerordentliche thematische und stilistische Vielfalt beeindruckt ‚Äď und zu erneuter eingehender Besch√§ftigung einl√§dt.

 


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Authored by: Udo Angerstein

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