Lyrik aus dem Leichenschauhaus: Gottfried Benn

Lyrik aus dem Leichenschauhaus: Gottfried Benn

Etwas an ihm ist unheimlich: Die T√§tigkeit als mit Vorliebe sezierender Arzt zum Beispiel, welche in seinen manchmal ziemlich plastischen literarischen Arbeiten durchscheint. Und nat√ľrlich die zeitweiligen Sympathien mit den Nationalsozialisten und dem Faschismus. Ja, nicht nur seine Gedichte und Essays befassen sich mit dem Morbiden und Monstr√∂sen. Auch der vor genau 60 Jahren, am siebten Juli 1956, gestorbene Gottfried Benn selbst ist irgendwie eine d√ľstere, exzentrische Figur.

Nicht schön

‚ÄěGehirne‚Äú, ‚ÄěFleisch‚Äú, ‚ÄěMorgue und andere Gedichte‚Äú, ‚ÄěSchutt, Bet√§ubung, Spaltung. Neue Gedichte‚Äú oder ‚ÄěTrunkene Flut‚Äú: Sch√∂n klingt das alles nicht. Soll es auch nicht. Es ist Lyrik und Prosa aus dem Leichenschauhaus (franz√∂sisch: ‚Äěmorgue‚Äú). Verfasst im Geist des ‚ÄěExpressionismus‚Äú der 1920er-Jahre. Und dies in einer intensiven, ja radikalen Art und Weise. Sie verschaffte Gottfried Benn die Rolle eines lyrischen Avantgardisten und erregte eine Menge Aufsehen.

Faszination Medizin

Gottfried Benn auf BriefmarkeWoher kam die so ausgiebige Besch√§ftigung mit diesen eher ungew√∂hnlichen Themen? Tja, bei Benn war es mal andersherum: Im Gegensatz zu vielen sensiblen Dichtern und K√ľnstlern, die entgegen ihrer Neigungen und auf den energischen Wunsch strenger V√§ter ‚Äěsolide‚Äú Karrieren anstreben sollten, war das Medizinstudium f√ľr ihn ein richtiger Herzenswunsch. Sein Vater wiederum, ein protestantischer Pfarrer, war gerade dar√ľber eher entt√§uscht. Er h√§tte seinen Sohn n√§mlich lieber ebenfalls als Geistlichen gesehen. Dann h√§tte die Brandenburger Gemeinde Mansfeld, in der sich schon Benns Gro√üvater um Gottesdienst und Seelsorge gek√ľmmert hatte, gewisserma√üen weiter in Familienhand bleiben k√∂nnen.
So hingegen verrichtete Benn während des Ersten Weltkriegs Militärdienst als Arzt, bevor er 1917 eine eigene Praxis in Berlin eröffnete. Fachgebiet: Haut- und Geschlechtskrankheiten. Zu diesem Zeitpunkt war er seit drei Jahren verheiratet und auch bereits Vater einer Tochter. Seine Ehefrau Edith, eine Schauspielerin, starb allerdings tragischerweise schon 1922.

Distanz und Befremdung

Bei aller Faszination f√ľr die Medizin: Literarisches ver√∂ffentlichte Benn schon seit 1912. Da war er 26 Jahre alt. Mit Erfolg, erschienen seine Arbeiten doch regelm√§√üig beim Berliner Verlag Alfred Richard Meyer.
Benn, das zeigen auch manche Briefe aus seiner Feder an Bekannte, nahm bei sich selbst oft ein recht starkes Gef√ľhl der Distanz und Befremdung gegen√ľber seiner Umwelt wahr. Eine K√§lte und Ferne bisweilen auch gegen√ľber anderen Menschen. Vielleicht passt es ganz gut, dass er sich so viel mit dem toten, leblosen K√∂rper und dem Menschen als biologischem Ding und medizinischem Objekt befasste. Und tat er dies nicht, begab sich der Dichter in die exklusiven, bisweilen traum- und rauschartigen Bewusstseinssph√§ren der Kunst und des Geistes. Das Soziale aber oder gar Gesellige, es war nicht seine Welt.

Fataler Irrtum

F√ľr Politik interessierte sich Benn allerdings schon. Und in einem Fall irrte er, wie er sp√§ter erkannte, fatal: Zu Beginn war der Dichter n√§mlich durchaus vom Nationalsozialismus angezogen, fantasierte wohl √ľber irgendeine abstrakte Art von neuem Staat und Zeitenwende. Erst Mitte der 1930er-Jahre nahmen seine Abneigung und Verachtung f√ľr den primitiven und hasserf√ľllten Massentaumel, die entstehende Diktatur und deren aggressive Kriegstreiberei zu. Mittlerweile sah der Dichter, dass es ein ‚Äěkl√§gliches Vaterland‚Äú war, in dem er sich befand. Die Ver√∂ffentlichung seiner eigenen k√ľnstlerischen Arbeiten wurde vom Regime 1938 verboten. Benn arbeitete zu dieser Zeit wieder als Milit√§rarzt. Erst nach dem Krieg ging er wieder nach Berlin und er√∂ffnete eine neue Praxis. Die dunkle Zeit war jedoch noch nicht vorbei: Benns zweite Ehefrau nahm sich das Leben, und er war tief ersch√ľttert.

Literarische R√ľckkehr

Seine dritte, noch einmal unverhofftes Gl√ľck stiftende Ehe und seine literarische R√ľckkehr waren allerdings nicht mehr weit entfernt. Als es an der Wende zu den 1950er-Jahren soweit war, brach eine neue Phase der neuerlichen Publikationen an. Unter diesen war neben den Novellen ‚ÄěRoman des Ph√§notyp‚Äú und ‚ÄěDer Ptolem√§er‚Äú auch Benns durchaus selbstkritische Autobiografie ‚ÄěDoppelleben. Zwei Selbstdarstellungen‚Äú. Und am Ende seines Lebens erhielt der Dichter noch h√∂chste Ehrungen, darunter auch den ‚ÄěGeorg B√ľchner-Preis‚Äú. Er starb nach kurzer Krebskrankheit im Alter von 70 Jahren.

 

Titelabbildung: Schriftsteller Gottfried Benn 1956 am Schreibtisch seines Arbeitszimmers Berlin © SLUB / Deutsche Fotothek / Eschen, Fritz.


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Authored by: Marius Prill

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