100. Geburtstag von Indira Gandhi

100. Geburtstag von Indira Gandhi

Krachende Schusssalven zerst√∂ren die farbenfrohe Idylle des blumengeschm√ľckten Weges zum Regierungssitz. Peter Ustinov ist perplex. Er kann nicht sofort realisieren, was passiert ist. Der internationale Filmstar wartete am 31. Oktober 1984 im B√ľro von Indira Gandhi, um die indische Premierministerin f√ľr die BBC zu interviewen. Von zwei ihrer eigenen Leibw√§chter wird die damals 67-J√§hrige j√§h aus dem Leben gerissen. Der Rest der Leibw√§chtergarde kann die Szene nur paralysiert beobachten und sehen, wie Gandhi schlie√ülich schwer verletzt zusammenbricht. √Ąrzte versuchen vergeblich, ihr Leben zu retten.

Das Attentat

Indische Briefmarke anlässlich des Todes von Indira Gandhi im Jahre 1984 (MiNr. 1005).

Unter Indira Gandhi pflegte das blockfreie Indien ‚Äď mitunter zum √Ąrger der Amerikaner ‚Äď enge Kontakte zur Sowjetunion. Wohl ein Grund daf√ľr, dass zum 70. Geburtstag der Politikerin eine Briefmarke (MiNr. 5771) und am 21. September 2017 anl√§sslich des 100. Geburtstags ein 15er-Block (Titelbild) mit indischer Flagge im Hintergrund erschien.

Was waren die Hintergr√ľnde dieses brutalen Attentats? Die beiden Leibw√§chter geh√∂rten der Glaubensgemeinschaft der Sikhs an. Gandhi hatte sich dennoch f√ľr deren Verbleib in ihrer Garde stark gemacht, da ‚ÄěIndien ein s√§kularer Staat ist‚Äú. Sie missachtete damit Warnungen aus ihrem Umfeld, wonach sie sich von den Sikhs wegen der ‚ÄěOperation Blue Star‚Äú trennen sollte. Bei dieser Milit√§raktion im Juni 1984 st√ľrmten 400 Soldaten den Goldenen Tempel, das gr√∂√üte Heiligtum der Sikhs, dass deren Anf√ľhrer Jarnail Singh Bhindranwale seit 1982 besetzte. Die separatistischen Sikhs erlitten eine entscheidende Niederlage. Die Mehrheit der indischen Bev√∂lkerung reagierte zwar kritisch aber zustimmend auf diesen von Indira Gandhi befehligten ultimativen Schlag. Doch unter den Sikhs sch√ľrte sie fatale und f√ľr sie folgenschwere Rachegel√ľste.

Kindheit und Jugend

Es war dies das abrupte Ende eines wechselvollen Lebens, das am 19. November 1917 im indischen Allahabad mit der Geburt von Indira Priyadarshini Nehru begann. Sie wuchs in einer Politiker-Familie auf und so war ihr Weg fr√ľh vorgezeichnet. Ihr Vater war der brahmanische Nationalist Jawaharlal Nehru, der als Widerstandsk√§mpfer an der Seite Mahatma Gandhis gegen die Besatzung der Briten k√§mpfte. Die kleine Indira wuchs – ihrer Kaste angemessen – in privilegierten Verh√§ltnissen auf.

Zum 69. (!) Geburtstag Gandhis verausgabte die DDR diese Marke (MiNr. 3056) im Jahre 1986.

Aufgrund der politischen Wirren in den 1920er-Jahren und dem aufreibenden Kampf der Inder gegen die britische Kolonialmacht musste sie als Kind h√§ufig auf die Zuwendung ihrer politisch engagierten Familienmitglieder verzichten und litt gemeinsam mit ihrem Bruder unter dem strengen Regiment der gef√ľrchteten Tante.¬†Selbst Hausdurchsuchungen und Verhaftungen sowohl ihres Vater, ihres Gro√üvaters als auch ihrer Mutter musste sie hautnah miterleben. Einen weiteren bitteren Schicksalsschlag erlitt sie im Alter von 18 Jahren: Den Tod ihrer Mutter, die an den Folgen einer Tuberkuloseerkrankung verstarb, konnte sie kaum verkraften. Die junge Indira verfiel in tiefe Depressionen ‚Äď womit sie zeitlebens zu k√§mpfen haben sollte. Zudem litt sie an chronischem Untergewicht und hatte sich ebenfalls mit Tuberkulose infiziert. Zur Genesung schickte sie ihr Vater von 1940 bis 1941 in ein Schweizer Sanatorium.

Poltik und Familie

Indira Gandhi scheute zeitlebens niemals den Weg zu den Menschen. Sie k√ľmmerte sich sehr oft um die Probleme der Menschen direkt vor Ort, was ihr viele Sympathien einbrachte (MiNr. 1032), was diese indische Briefmarke zum ersten Todestag Gandhis belegt.

Wer nun glaubt, die junge Frau k√∂nnen √ľber diese deprimierende Kindheit Hass auf die Politik entwickelt haben, der irrt. Ganz im Gegenteil schien dies ihr politisches Bewusstsein zu st√§rken. Schnell zeigte sich, dass ihre freiheitliche Einstellung und der Kampf gegen die britische Kolonialherrschaft in recht radikalen Ansichten m√ľnden sollten ‚Äď sicher auch fu√üend auf den Erfahrungen, die sie als junge Frau in Europa machte. Zur√ľck in Indien entging auch Indira Gandhi der Polizeigewalt nicht. 1942 nahm man sie wegen antibritischer Aktivit√§ten fest. Sicher nicht ohne Belang f√ľr diese Verhaftung war die Tatsache, dass ihr Vater Pr√§sident der indischen Kongresspartei war und er eng mit dem Freiheitsk√§mpfer Mahatma Gandhi kooperierte. Wieder auf freiem Fu√üe heiratete Indira den jungen Nationalisten Shri Feroze Gandhi, der lediglich Namensvetter von Mahatma Gandhi war.¬†Die Hochzeitsreise des jungen Paares f√ľhrte nach Kaschmir und z√§hlte zur gl√ľcklichsten Zeit in Indira Gandhis Leben. In Kaschmir lagen die Wurzeln des Nehru-Clans und sp√§ter kehrte sie oft dorthin zur√ľck, um privaten oder politischen Frieden zu finden. 1944 wurde Sohn Rajiv und 1946 ihr Sohn Sanjay geboren. Ein Jahr sp√§ter verlangte Indiras Ehemann die Scheidung, wogegen sich Indira aber vehement wehrte. So lebten das Paar meist getrennt. Fast selbstverst√§ndlich engagierten auch ihre S√∂hne sich sp√§ter in der Politik. Beide kamen jedoch tragisch ums Leben: Sanjay starb 1980 bei einem Bombenattentat und Rajiv 1991 bei einem Flugzeugabsturz.

Karrierestationen

Gandhi zog die politische T√§tigkeit dem Ehestreit¬† vor. Nach der Wahl von Jawaharlal Nehru zum Ministerpr√§sidenten fungierte sie als dessen Sekret√§rin und Beraterin. Mitte der 50er-Jahre √ľbernahm sie den Vorsitz der Kongresspartei. Ihr Ehemann sah dies als Provokation und als das offizielle Ende der Ehe. Bis zu seinem Herzinfarkt herrschte Funkstille. 1960 starb Feroze, trotz Indiras monatelanger F√ľrsorge. Sein Tod und damit verbundene Vorw√ľrfe von Sohn Sanjay l√∂sten Schuldgef√ľhle und Depressionen in¬† ihr aus. Sie √ľberlegte gar, sich aus der Politik und aus Indien zu verabschieden.

Ein weiterer Schicksalsschlag

Am 31. Januar 1985 erschien zum Gedenken an Gandhi eine Marke, die sie in typischer Umgebung zeigte (oben, MiNr. 1013).

Erst der Tod ihres Vaters im Jahr 1964 lie√ü sie umdenken. Sie hatte stets unter dem Gef√ľhl gelitten, den Anspr√ľchen des Vaters nicht zu gen√ľgen. Nun wollte sie die wichtige Rolle annehmen, die ihr Nehru zugedacht hatte. Der neue Premierminister Lal Bahadur Shastri ernannte Gandhi zur Ministerin f√ľr Information und Rundfunk. √úberraschend starb er auf einer Auslandsreise und Indira Gandhi nutzte die Gunst der Stunde f√ľr eine eigene Kandidatur. Ihre Vorteile lagen klar auf der Hand: Sie sprach flie√üend Hindi und Englisch, wurde von den Konfessionen des Landes akzeptiert, hatte Erfahrung auf dem politischen Parkett und wurde ‚Äěals einziger Mann in einem Kabinett alter Weiber‚Äú gefeiert.¬†Ihr Wahlsieg im Januar 1966 √ľberraschte also nicht. Dennoch k√§mpfte sie zu Beginn stets mit ihrem mangelnden Selbstbewusstsein, gewann aber nach und nach den Respekt der Bev√∂lkerung, indem sie sich auch selbst in Krisenregionen begab und sich um die Grundversorgung der hungernden Bev√∂lkerung k√ľmmerte. Drei Jahre sp√§ter ging dies als ‚ÄěGr√ľne Revolution‚Äú in die indische Geschichte ein. Die Sikh-Unruhen beendete sie, indem sie den Bundesstaat Punjab zweiteilte. Weitere Beispiele dieser Art folgten und brachten ihr weltweiten Respekt ein.1971 siegte Indien im dritten indisch-pakistanischen Krieg und Bangladesch erlangte die Souver√§nit√§t.

Die Indira-Gandhi-Briefmarke aus der Serie ‚ÄěIndische Premierminister‚Äú (MiNr. 2318) aus dem Jahr 2008.

Es war der H√∂hepunkt Gandhis Popularit√§t. Von 1975 bis 1977 sah sie sich von den vielen Konfliktparteien gezwungen, den nationalen Notstand auszurufen und das Land teilweise mit diktatorischen Mitteln zu regieren. Gandhi geriet zunehmend unter den Einfluss ihres Sohnes Sanjay. Resultat war die Niederlage und der Verlust ihres Amtes bei den Parlamentswahlen von 1977. 1980 gelang ihr jedoch mit der neugegr√ľndeten Partei ‚ÄěIndian National Congress I‚Äú das Comeback. Die gro√üe Herausforderung der neuen Legislatur waren die radikalen Entwicklungen um die fundamentalistischen Sikh, die in Pakistan und Indien um Unabh√§ngigkeit k√§mpften. Sie lie√ü den Aufstand milit√§risch niederschlagen, was ihr jedoch letzten Endes ‚Äď wie eingangs geschildert ‚Äď zum Verh√§ngnis wurde.

Text: Stefan Liebig

Abbildungen: Schwaneberger Verlag

Quellen: Frank, Katherine. 2001. Indira: The Life of Indira Gandhi. Ganeri, Anita. 2003. Indira Gandhi. Wandel, Elke. 1991. Witwen und Töchter an der Macht: Politikerinnen der Dritten Welt. Wunderlich, Dieter. 2004. WageMutige Frauen: 16 Porträts. www.wikipedia.de www.chroniknet.de

 

Authored by: Stefan Liebig

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert