Nordirische Weihnachtspost

Nordirische Weihnachtspost

Vorweihnachtliche Gr√ľ√üe aus Christkindl, Himmelpforten, Engelskirchen oder St. Nikolaus sind wohl jedem Sammler bekannt. Von einem privaten irischen Weihnachts-Postdienstleister hingegen d√ľrften nur Spezialisten Kenntnis haben. Initiator war der Sinn-F√©in-Aktivist Barney McFadden, der das Projekt 1975 zusammen mit Tony Hassan und weiteren Gleichgesinnten aus der Taufe hob. Die Einrichtung verfolgte eine politische und eine soziale Absicht. Politisch war sie insofern, als die erheblich unter dem amtlichen Porto liegenden Geb√ľhrens√§tze der Privatpost durchaus empfindliche Nadelstiche gegen das britische Postmonopol waren, und sozial, weil die Sinn F√©in mit den erzielten Einnahmen einsitzende ‚ÄěRepublikanische Gefangene‚Äú und deren Familien unterst√ľtzte. Der Postdienst war offiziell zwar nie genehmigt, wurde jedoch vom britischen Parlament stillschweigend toleriert, um politischen Ausei¬≠n¬≠anderset¬≠zungen aus dem Wege zu gehen. Parteimitglieder der Sinn F√©in und deren Sympathisanten arbeiteten w√§hrend 15‚Äď20 Tagen vor Weihnachten unentgeltlich als Zusteller der Briefe, Karten und gelegentlich P√§ckchen in einem ihnen zugewiesenen Bezirk von Derry.

‚ÄěSmash H. Block‚Äú

Nach dem dortigen Erfolg wurde der Dienst nach und nach auf Au√üenbezirke, umliegende Ortschaften und sogar Belfast und Dublin ausgeweitet. Von 50 000 Sendungen beim Start und durchschnittlich 20 000 in den Anfangsjahren steigerte sich das Volumen auf 60 000 Bef√∂rderungen im Jahr 1984, nahm dann aber ‚Äď die Konkurrenz von SMS und E-Mails machte sich zunehmend bemerkbar ‚Äď best√§ndig ab, und so wurde der Service nach knapp 50-j√§hriger Laufzeit 2018/2019 mit einem Label eingestellt, das den Gr√ľnder Barney McFadden zeigte.
Zur Freimachung stellte man eigene Vignetten, sogenannte Labels, her, die in den Parteib√ľros vertrieben wurden. Sie transportieren durchweg patriotische Botschaften. Den Auftakt machte 1975 die stilisierte Abbildung der brennenden Hauptpost von Dublin, umrandet von der Parole ‚ÄěSinn F√©in ‚Äď For a New Ireland‚Äú. Dort hatte Patrick Pearse 1916 w√§hrend des Osteraufstands die Unabh√§ngigkeit Irlands ausgerufen. Verwendet wurden weiterhin politische Slogans wie ‚ÄěSmash H. Block‚Äú (= Zerst√∂rt Block H.; eines ber√ľchtigten Gef√§ngnisses) oder ‚ÄěStop Strip Searches‚Äú ‚Äď eine zur Dem√ľtigung eingesetzte Methode, bei der sich im Armagh-Gef√§ngnis Frauen ohne ersichtlichen Anlass zur Durchsuchung nackt ausziehen mussten. Oder sie zeigten Portr√§ts von IRA-Helden, 1981 und 2000 beispielsweise Fotos der Hunger Strikers. Weihnachtlich sind die Motive jedenfalls nie. Entwertet wurden die Vignetten mittels eines Cachets, eines Gummistempels mit Angabe des Parteib√ľros und mitunter auch des Aufgabedatums. Das zus√§tzliche Sinn-F√©in-Angebot umfasste Weihnachtskarten, Faltbl√§tter, illustrierte Umschl√§ge und Werbeposter.

Schwierige Recherche

Was die Recherche zu dem Gebiet inzwischen erschwert, ist die Tatsache, dass Unterlagen kaum archiviert, Stempel verschlissen und zerst√∂rt, Dokumente vernichtet wurden. Der erste Versuch einer systematischen Erfassung erfolgte nach rund drei√üig Jahren. So bleibt heute der intensive Austausch unter Sammlern und der R√ľckgriff auf die wenigen zeitgen√∂ssischen Zeitungsberichte. Einige Details beruhen auf privatem Briefwechsel und vertraulichen Gespr√§chen vor Ort in politisch brisanter Zeit. Nach einer Einf√ľhrung listet Kumpf in Teil 1 seiner Darstellung die im Laufe der Jahre erschienenen Vignetten und bildet in Teil 2 die bislang belegten Cachets in nat√ľrlicher Gr√∂√üe ab. Zu jeder Position liefert er die verf√ľgbaren Angaben zu Inschrift, Ma√üen, Bogengr√∂√üe, Druckerei, Stempelfarbe, Verwendungszeit sowie m√∂gliche erg√§nzende Hintergrundinformationen und eine Reihe Bedarfsbelege. Damit ist die Publikation Handbuch und Katalog in einem. F√ľr deutschsprachige Leser wird eine kurze Einf√ľhrung auf Deutsch beigef√ľgt. Warum ist diese nicht in den Text integriert? Es h√§tte den Umfang der Schrift sicher nicht gesprengt. Die aufschlussreiche Studie, die ein weithin unbekanntes Sammelgebiet erschlie√üt, werden nicht nur Philatelisten begr√ľ√üen, die sich f√ľr irische Postgeschichte interessieren, sondern neben Weihnachts-Thematikern auch Sammler, die sich den privaten Postdienstleistern zugewandt haben, und schlie√ülich alle, die sich mit politischer Propaganda in der Philatelie befassen.
Sinn F√©in Christmas Post Service in Derry and Other Parts of Northern Ireland 1975/-76‚Äď2018/-19 [Sinn F√©in als Weihnachtspost-Dienstleister in Derry und anderen Teilen Nordirlands 1975/76‚Äď2018/19]. Von Heinz-J√ľrgen Kumpf. Format DIN A4, 71 Seiten, 260 meist farbige Abbildungen, Softcover, Klebebindung, 2021. Preis: 22 ‚ā¨ inkl. Versand (Ausland: 24,10 ‚ā¨). Erh√§ltlich bei: Wolfgang Fiedler, Am Mesterwinkel 12, 30952 Ronnenberg, Tel. 0178 / 8678997, w.fiedler@web.de

Rainer von Scharpen

Authored by: redaktiondbz

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