König der Händler: Jean-Baptiste Moens

König der Händler: Jean-Baptiste Moens

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Jean-Baptiste Moens (1833 – 1908), Belgiens Vater der Phil­atelie und König der Händler.

Es ist an der Zeit, an ein weitgehend vergessenes Jubiläum zu erinnern, das die Anfänge des Briefmarkenhandels spiegelt: Bereits vor 160 Jahren, im Frühjahr 1862, veröffentlichte der Belgier Jean-Baptiste Moens (1833 – 1908) zusammen mit Louis Hanciau einen der ersten Briefmarkenkataloge überhaupt. Ihr französisches „Manuel des collectionneurs de timbres-poste“ (eine allgemeine Nomenklatur aller Briefmarken der verschiedenen Länder der Welt) war das erste Werk dieser Art in Belgien und das zweite in französischer Sprache, nach der auf den Dezember 1861 datierten Premiere des Briefmarkenkatalogs vom Pariser Alfred Potiquet. 1862 gilt zudem als das Jahr, in dem die Philatelie „erwachsen“ wurde, in dem erste Preislisten erschienen und zeigten, dass es sich um mehr als ein Hobby für die Jugend handelte.

Jean Baptiste Moens, geboren am 27. Mai 1833 in Doornik, kaum 100 Kilometer von Brüssel entfernt, begann seine Karriere mit dem Handel von neuen und antiquarischen Büchern sowie einigen Münzen in einer Buchhandlung in den Bortier-Arkaden in Brüssel. Schon in den frühen 1850er-Jahren soll er zusammen mit seinem Partner und späteren Schwager Louis Hanciau mit dem Briefmarkensammeln begonnen haben. Als er 19 Jahre alt war, begann Moens, in seinem Buchladen Briefmarken zu verkaufen.
Seine wachsenden Erfahrungen mit Druck und Papier, der Bedeutung von Ausgaben und Auflagen, Datierungen und historischen Hintergründen trugen zu seiner enormen Expertise und Weitsicht auf dem Gebiet der Phil­atelie bei, sowie zur hervorragenden Qualität seiner eigenen Veröffentlichungen.

Briefmarkenhandel seit 160 Jahren

Auf der Basis einer niederländischen Artikelserie über die Geschichte des Briefmarkensammelns in den späten 1970ern erinnerte der Großhändler Rob Smit (PostBeeld) daran, dass das Boomjahr 1862 als das wichtigste Jahr in der Geschichte der Phil­atelie bezeichnet werden kann: „Die wachsende Zahl erwachsener Sammler führte zu Handels- und Verdienstmöglichkeiten für einige Leute. Auf der einen Seite gab es einen großen Bedarf an Informationen, auf der anderen Seite gab es immer mehr Sammler, die ihr Wissen weitergeben wollten.“ So begann die Philatelie 1862, im 21. Jahr seit der Einführung von Briefmarken, erwachsen zu werden. In jenem Jahr erscheinen zahlreiche Kataloge, das erste Album und viele Zeitschriftenartikel. Im Rahmen seines ebenfalls in diesem Jahr veröffentlichten Briefmarkenkatalogs erstellte John Edward Gray eine Liste von 18 weiteren, ebenfalls erhältlichen Publikationen zum Thema.

Offenbar handelte es sich um das erste Jahr, in dem die Nachfrage nach Briefmarken so groß war, dass eine ganze Reihe von Personen allein von deren Handel leben konnte. Einige Händler waren zwar auch schon zuvor aktiv, allerdings meist im Nebenerwerb. 1862 wurden auch die ersten Preislisten herausgegeben. Sie machten deutlich, dass nicht jede Marke den gleichen Wert hatte und eine Sammlung tatsächlich einen Geldbetrag repräsentieren konnte. Smit meint: „Diese Erkenntnis war sicherlich einer der Hauptgründe für den großen Aufschwung des Interesses am Briefmarkensammeln. Es war nicht mehr nur etwas für die Jugend, sondern ein angesehenes Hobby für Erwachsene.“

Moens gilt zweifellos als einer der bekanntesten Namen der Philateliegeschichte, der einen enormen Einfluss auf die Entwicklung des Markenhandels in Europa, aber auch weit darüber hinaus hatte. Dies war der Grund, ihn auf einer belgischen Marke vom 13. Oktober 1973 zu verewigen: als Zusammendruck eines 10-Francs-Wertes mit seinem Porträt und einem Zierfeld anlässlich des 50-jährigen Bestehens des belgischen Verbands der Briefmarkenhändler.

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Gesuchte Philatelistenpost von 1862 von Moens nach London (Zuschlag 7000 Franken, Corinphila).

Gegen Fälscher

Aus Sorge um die Echtheit von Stücken des im Entstehen begriffenen Sammelgebiets veröffentlichte Moens 1862 auch „De la falsification des timbres-poste“, um die „Timbromanen“ vor gefälschten Briefmarken zu warnen. Außerdem gründete er 1863 die erste französischsprachige phil­atelistische Monatszeitschrift „Timbre-poste“, die von 1874 bis 1896 von „Timbre fiscal“ begleitet wurde und die er bis 1900 leitete. Darüber hinaus war er mit Hanciau Autor von Dutzenden von bahnbrechenden Handbüchern über Briefmarken von Ländern aus aller Welt. Viele der von ihm gesammelten Informationen bilden noch heute die Grundlage für Kataloge.

Es muss aber auch betont werden, dass J.-B. Moens ein sehr erfolgreicher Briefmarkenhändler in den ersten Jahrzehnten des sich zeitweise geradezu explosiv entwickelnden Philateliemarkts war. Er nutzte sein Wissen und seine weltweiten Kontakte auf alle möglichen Arten. Er kaufte neue und Restbestände von alten Ausgaben, er bestellte Sonderausgaben und Nachdrucke. Er bewahrte auch Originaldruckplatten auf und zögerte nicht, sie für Neudrucke zu verwenden – sie waren aber unverwechselbar genug, um seine Kunden nicht zu täuschen.

Schon zu den ersten belgischen Briefmarkenausgaben, den „Epauletten“ und „Medaillons“, wird berichtet, dass Restbestände nach dem Ende der Gültigkeit mit waagerechten roten Tintenstrichen entwertet und an „Jean-Baptiste Moens, den angesehenen Brüsseler Berufsphilatelisten und Briefmarkenhändler“, geliefert wurden. Michel sagt in einer Fußnote, dass die derart gekennzeichneten MiNr. 1, 2 und 5 auf etwa 20 Prozent Rabatt geschätzt werden. Handgestempelt ,J.B.‘ (Moens) auf der Rückseite in Blau war ein Belgien-Los mit den Katalognummern 1, 2 und 5A, das die 1849/50er Epauletten 10 C. braun, 20 C. blau und ein karminrotes Medaillon 40 C. als Satz von drei Werten mit roten horizontalen Linien umfasste (Ausruf 250, verkauft für 300 Franken, Corinphila).

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Rare Württemberg-Frankatur 1868 an Moens von Postamtsassistent Klingler (ex Trost-Sammlung, 6500 Euro).

Seltene Belege

Für Historiker, die nach frühen Belegen des Briefmarkenhandels Ausschau halten, bieten die verbliebenen Stücke aus der Moens-Korrespondenz reizvolle Beispiele. Man mag etwas erstaunt sein, dass über jahrelange Recherchen hinweg nur vereinzelte Exemplare aufgetaucht sind, wenn man bedenkt, dass er vier Jahrzehnte lang philatelistisch tätig war. Haben die meisten Empfänger eine frühe philatelistische Frankatur abgelöst?

Ein sehr geschätztes Beispiel war ein bezaubernder blauer Werbeumschlag von J.-B. Moens, illustriert mit einer Lokomotive und einem Segelschiff im oberen Teil, abgeschickt von Brüssel an C. W. Viner in Maida Vale, London. Er wurde mit einer belgischen
40 C. rot von 1858/61 frankiert, entwertet durch zwei Abschläge des Nummernstempels ,24‘ und Brüsseler Stempel vom ,12. September 1862, links. PD‘ in Schwarz und Ankunftsstempel LONDON PAID in Rot vom Folgetag, rückseitig ein Transitstempel ,Angleterre Par Ouest 2‘. Das Exemplar war bereits Titelstück des Buches „J-B MOENS – PÈRE DE LA PHILATELIE“ (Vater der Philatelie, herausgegeben 1981 von Waroquiers & Leclercq, im Angebot ab 45 Euro). Mit Provenienz aus der Sammlung von Georges Waroquiers wurde das Original von Corinphila in Zürich mit 2500 Franken angesetzt; es erreichte einen Zuschlag von 7000.

In einer Auktion mit der Trost-Sammlung Königreich Württemberg bei Dr. Derichs wurde eine Ganzsache für 6500 Euro versteigert. Die Kombination von MiNr. 17ya auf U 3IIbB wurde für einen Brief nach Belgien verwendet und an den Briefmarkenhändler J.-B. Moens gerichtet: Umschlag 9 Kreuzer schwarz-braun in guter b-Farbe, Klappenversion 2, Großformat, mit Zusatzfrankatur 3 Kreuzer gelb-orange der Ausgabe 1861 als 12-Kreuzer-Frankatur mit Stempel aus „Stuttgart 11 Apr. 1868“ nach Brüssel, daneben leuchtend rot „P.D“. Die Beschreibung wies auf die späte Verwendung sowohl der Ganzsache als auch der Zusatzfrankatur hin, wohl darauf zurückzuführen, dass es sich um eine frühe „Phil­atelistenpost“ handelt, auf der Rückseite mit dem Absendervermerk „Klingler Postamtsassistent“. Württembergische Briefe nach Belgien sind generell sehr selten, in dieser Form sei das Stück einzigartig und die phil­atelistische Bedeutung könne kaum hoch genug eingeschätzt werden, kommentierte Auktionator Roland Meiners.

Raritäten und Nachdrucke

Zu den Aktivitäten von Moens gehörte auch der Handel mit Briefmarken aller Preiskategorien. Einige zeigen noch ihre Provenienz, wenn sie, wie erwähnt, auf der Rückseite mit seinen Initialen ,J.B.‘ gestempelt sind. Moens entdeckte eine beträchtliche Anzahl philatelistischer Raritäten, darunter die legendären „Mauritius POST OFFICE“, von der er selbst acht Exemplare besaß. 1878 veröffentlichte er „Les Timbres de Maurice“, in dem er die Postgeschichte und den Hintergrund der berühmten Blauen und Orangeroten Mauritius beschrieb.

Im Bereich der Nachdrucke handelte Moens klug und weitsichtig genug, um die produzierten Auflagen so klein zu halten, dass sie auch heute noch geschätzt werden. Eine deutsche Auktion bot unter Altitalien fünf Werte des Kirchenstaates zu 3, 10, 20, 40 und 80 Centesimi, hergestellt als seltene Moens-Nachdrucke in Schwarz/Weiß auf ungummiertem Papier, geschätzt auf 600 Euro (MiNr. 13, 15–18 P II, Fotoattest). Bolaffi hatte 2021 ein Angebot von 250 Euro für ein ähnliches Los, begleitet von vier Mustern der Goebel-Rotationsdruckmaschine und einer Souvenirkarte von 1972.

Text: Michael Burzan


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Authored by: BMS-Redaktion

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