Eigenes Denken und Handeln hinterfragen

Heute vor 150 Jahren erfolgte die Gr√ľndung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, einer Keimzelle der Sozialdemokratie in Deutschland, MiNr. 2997.

Heute vor 150 Jahren erfolgte die Gr√ľndung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, einer Keimzelle der Sozialdemokratie in Deutschland, MiNr. 2997.

Gibt es im Deutschen Bundestag tats√§chlich lauter sozialdemokratische Parteien? Sind Christ-, Frei- und Sozialdemokraten wirklich nicht voneinander zu unterscheiden? Spielt es √ľberhaupt keine Rolle mehr, wen man w√§hlt, da die Politik doch dieselbe bleibt?
Wer die ver√∂ffentlichte Meinung studiert, wer sich auf der Stra√üe umh√∂rt, der d√ľrfte schnell ins Gr√ľbeln geraten und sich Sorgen um die politische Vielfalt in unserem Lande machen. Scheinbar ist alles gleich, gleich auf welcher Seite des Plenums die Politiker sitzen. Ein Blick in die Geschichte belegt aber zweifelsfrei, dass es mindestens einen wesentlichen Unterschied zwischen den so genannten Lagern gibt. Er liegt in der Reflektion.
Von Anbeginn hinterfragten Sozialdemokraten ihr eigenes Denken und Handeln. Legend√§r wurde die Debatte zwischen den Revolution√§ren und Revisionisten. Erstere, f√ľr die vor allem Karl Kautsky stand, stellten das Parteiprogramm √ľber den Alltag, der schon zu einer Zeit reformorientiert war, als die Sozialdemokraten noch nicht an Regierungen beteiligt waren. Die Revisionisten um Eduard Bernstein interessierte die Rhetorik weniger als die Praxis. ‚ÄěDas, was man gemeinhin Endziel des Sozialismus nennt, ist mir nichts, die Bewegung ist alles‚Äú, erkl√§rte Bernstein in seinem Buch ‚ÄěDie Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie‚Äú. Was wunder, dass Bernstein kritisch die seinerzeit noch marxistisch gepr√§gten Denkmuster hinterfragte.
Seine Enkel entr√ľmpelten die Programmatik, ohne aber deswegen die kritische Reflektion mit dem eigenen Denken und Handeln aufzugeben. Besonders deutlich kann man dies am Beispiel der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzeigen. Als einzige Partei wurde die SPD in der Sowjetischen Zone nicht gleichgeschaltet. Stattdessen verbot die Sowjetische Milit√§radministration nach der Zwangsfusion mit der KPD zur SED s√§mtliche sozialdemokratischen Aktivit√§ten. Nur in Berlin musste sie einen Kompromiss schlie√üen, da die Westalliierten ihrerseits mit dem Verbot der SED drohten. Die vier M√§chte einigten sich darauf, SPD und SED in allen vier Sektoren zuzulassen. Bis zum 13. August 1961 gab es die SPD ganz offiziell auch im Sowjetischen Sektor, nahm aber als einzige Partei nie an den Scheinwahlen teil. Dennoch pr√ľften Sozialdemokraten kritisch ihr Handeln und bemerkten unter anderem, dass die 18 Prozent Ja-Stimmen in den Berliner Westsektoren ‚Äď allein dort durften die Mitglieder am 31. M√§rz 1946 √ľber den Zusammenschluss abstimmen; 82 Prozent sagten ‚ÄěNein‚Äú ‚Äď 18 Prozent zu viel waren. In den Parteien, deren √∂stlichen Landesverb√§nde gleichgeschaltet wurden, hielt sich die Reflektion auch im freien Westen in engen Grenzen.

Louise Schroeder regierte von 1947 bis 1948 als erste Frau ein deutsches Land, MiNr. 779.

Louise Schroeder regierte von 1947 bis 1948 als erste Frau ein deutsches Land, MiNr. 779.

Dabei blieb es nach der deutschen Vereinigung, als sich die gleichgeschalteten Ostparteien schnell Parteien aus dem Westen anschlossen. Manch einer machte erst im alten, dann im neuen System Karriere. Derweil hinterfragten die Sozialdemokraten ihr Denken und Handeln, zum Beispiel im Zeitalter der Entspannungspolitik. Deutschlandpolitisch brachte ein Christdemokrat den ‚ÄěWandel durch Ann√§herung‚Äú, wie der Sozialdemokrat Egon Bahr treffend formulierte, auf den H√∂hepunkt: Helmut Kohl empfing 1987 Erich Honecker zum Staatsbesuch in Bonn. Aus damaliger Perspektive ein zweifellos richtiger Schritt, aus damaliger Perspektive ein Verdienst Kohls. Reflektionen blieben Mangelware ‚Äď sowohl anl√§sslich der j√ľngsten Ehrungen Kohls als auch w√§hrend der Feiern zu Jahrestagen der deutschen Vereinigung. Sozialdemokraten w√ľrden dieses Kapitel der Geschichte bis heute recht ausgiebig diskutieren, w√§re 1987 der Kanzler Sozialdemokrat gewesen. Insbesondere vor dem Hintergrund der Ereignisse zwei Jahre sp√§ter.


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Authored by: Torsten Berndt

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