Vom Vogel- zum Menschenflug

Vom Vogel- zum Menschenflug

Luftschiff oder Flugzeug? Diese Frage stand in der Luftfahrt bis in die drei√üiger Jahre hinein im Raum. Ferdinand von Zeppelins Luftschiffe erregten weltweit Aufmerksamkeit. Ihre Technik schien verbl√ľffend einfach: Ein mit Leichtgas gef√ľllter Auftriebsk√∂rper hielt das Luftschiff in der Schwebe, Luftschrauben trieben es vorw√§rts und √ľbernahmen die Steuerung. Gew√∂hnlich verf√ľgten die Luftschiffe √ľber Ottomotoren, doch gab es auch welche mit Dieselmotoren und Elektromotoren. Insbesondere die Fahrten der Zeppeline z√§hlten zu den Ereignissen, von denen die Zeitungen berichteten. Wo immer ein Luftschiff landete, str√∂mten die Menschen herbei. Doch schon zu Beginn ihrer √Ąra stand die Abl√∂sung bereit.

1932 wurde das Lilienthal-Denkmal im von Fritz Freym√ľller gestalteten Park in Berlin-Lichterfelde enth√ľllt, MiNr. 634, hier ein Eckrandst√ľck mit Formnummer.

1932 wurde das Lilienthal-Denkmal im von Fritz Freym√ľller gestalteten Park in Berlin-Lichterfelde enth√ľllt, MiNr. 634, hier ein Eckrandst√ľck mit Formnummer.

Luftschiffe waren n√§mlich wegen ihrer Gr√∂√üe √§u√üerst tr√§ge. Das gewaltige Volumen der Auftriebsk√∂rper erh√∂hte den Luftwiderstand, sodass die Geschwindigkeit der auch als ‚Äěfliegende Zigarren‚Äú apostrophierten Maschinen √ľber 150 Kilometer pro Stunde kaum hinausgehen kann. Start und Landung erforderten zudem einen hohen Personalbedarf, da die Luftschiffe am Boden verzurrt werden mussten, was wohl nicht ganz ungef√§hrlich war. Keineswegs bereitete allein das Ungl√ľck von Lakehurst den Zeppelinen den Garaus. Sie w√§ren auch so von Maschinen abgel√∂st worden, die nach dem Prinzip des Vogelflugs arbeiteten.
Ihm verhalf Otto Lilienthal zum Durchbruch. Die These, er sei als erster Mensch geflogen, l√§sst sich zwar nicht hundertprozentig best√§tigen; neben Ballonfahrern ‚Äď sie folgten nicht dem Prinzip des Vogelflugs ‚Äď gab es vor Lilienthal bereits Pioniere, die Versuche absolvierten, beispielsweise Albrecht Ludwig Berblinger, George Cayley und Aleksandr Moschaiski. Lilienthal, heute vor 165 Jahren in Anklam geboren, gelangen aber die ersten erfolgreichen kontrollierten Gleitfl√ľge nach dem Prinzip des Vogelfluges. Aus dem Gleitflug leitete sich schlie√ülich der Motorflug ab, f√ľr den M√§nner wie Karl Jatho, unbestritten der erste Motorflieger weltweit, sowie Wilbur und Orville Wright stehen, die als erste gesteuerte Motorfl√ľge √ľber l√§ngere Distanzen absolvierten.
Mehr als 1000 Fl√ľge unternahm Lilienthal, bis er am 9. August 1896 bei St√∂lln ‚Äď gelegen zwischen Rathenow und Neustadt an der Dosse ‚Äď aus 15 Metern H√∂he abst√ľrzte und tags drauf seinen Verletzungen erlag. Doch weniger in der gro√üen Zahl der Fl√ľge lag Lilienthals gro√ües Verdienst denn in der wissenschaftlichen Aufarbeitung der im Studium des Vogelfluges und sp√§ter in den praktischen Versuchen gewonnenen Erkenntnisse.
Als erster stellte er klar, dass Auftrieb und Vortrieb unabh√§ngig voneinander umzusetzen sind. Dass die Fl√ľgel der V√∂gel dank ihrer W√∂lbung einen besseren Auftrieb erm√∂glichten als ebene Tragfl√§chen, hatten auch andere Flugpioniere erkannt und beschrieben. Lilienthal aber hinterlie√ü eine Vielzahl Tabellen mit genauestens Messergebnissen, die er zur Entwicklung seiner Flugapparate nutzte und denen sp√§tere Flugpioniere wertvolle Daten f√ľr ihre Konstruktionen entnahmen. Zudem fertigte er h√∂chst pr√§zise Zeichnungen. An den theoretischen Vorarbeiten, die in das 1899 ver√∂ffentlichte Buch ‚ÄěDer Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst‚Äú m√ľndeten, hatte Lilienthals anderthalb Jahre j√ľngerer Bruder Gustav mitgewirkt, der an den praktischen Flugversuchen dann aber nicht teilnahm.

Ein Flugapparat Lilienthals erschien 1990 auf einer Sondermarke der DDR, MiNr. 3314. Auf dem Unterrand ist der Druckvermerk zu sehen.

Ein Flugapparat Lilienthals erschien 1990 auf einer Sondermarke der DDR, MiNr. 3314. Auf dem Unterrand ist der Druckvermerk zu sehen.

Beide waren im Gymnasium erstmals mit dem Vogelflug in Ber√ľhrung gekommen. Zu ihren Lehrern geh√∂rte der Astronom Gustav Sp√∂rer, der wertvolle Beitr√§ge zur Erforschung der Sonnenflecken und ihrer Zyklen geleistet hatte. W√§hrend Otto Lilienthal eine gewerbetechnische Ausbildung absolvierte und danach an der Gewerbeakademie studierte, lernte Gustav Lilienthal zuerst das Maurerhandwerk, um dann die Bauakademie zu besuchen. Ihre Schlie√üung w√§hrend des Krieges gegen Frankreich 1870/71 f√ľhrte dazu, dass er ohne Abschluss blieb. Beide scheiterten zun√§chst mit Versuchen, sich selbstst√§ndig zu machen; Gustav Lilienthal ging deswegen sogar f√ľr f√ľnf Jahre nach Australien. Dem Anker-Steinbaukasten, den beide gemeinsam entwickelt hatten, verhalf Friedrich A. Richter zum Durchbruch, nachdem ihm die Lilienthals ihre Erfindung aus Geldmangel verkauft hatten.
Mit einem Schlangenrohrkessel, f√ľr den er 1881 das Patent erhielt, begann Otto Lilienthals wirtschaftlicher Aufstieg. Er entwickelte eine Wand-Dampfmaschine und einen Kleinmotor und konnte in seiner Fabrik bald bis zu 60 Arbeiter und Angestellte besch√§ftigen. Die Dampfkessel- und Maschinenfabrik Otto Lilienthal avancierte dann auch 1894 zum ersten Serienhersteller von Flugapparaten weltweit. Zugleich schrieb sich Lilienthal in die Annalen der Sozialgeschichte ein, da er seine Besch√§ftigten bereits 1890 mit 25 Prozent am Unternehmensgewinn beteiligte.
Im Garten seines Hauses begann er kurz nach Ver√∂ffentlichung des epochalen Buches mit den praktischen Versuchen. Den Auftakt machten Steh√ľbungen gegen den Wind, ehe er von einem Sprungbrett aus erste Hopser unternahm. 1891 wagte er sich dann an l√§ngere Gleitfl√ľge und fand in Derwitz bei Potsdam, heute ein Teil Werders, einen Absprungplatz. Sp√§ter stieg er von den Rauhen Bergen in Steglitz bei Berlin und in den Rhinower Bergen bei St√∂lln auf. In Lichterfelde bei Berlin lie√ü er einen 15 Meter hohen H√ľgel aufsch√ľtten, den Fliegeberg.

Das 1914 am Teltowkanal in Steglitz enth√ľllte Denkmal verbindet Lilienthals Leistungen mit dem Ikarus-Mythos, MiNr. 147.

Das 1914 am Teltowkanal in Steglitz enth√ľllte Denkmal verbindet Lilienthals Leistungen mit dem Ikarus-Mythos, MiNr. 147.

√úber seine erfolgreichen Flugversuche ver√∂ffentlichte Lilienthal zahlreiche Artikel in Fachzeitschriften, ging aber auch den Weg an die allgemeine √Ėffentlichkeit. Zudem trat er in Kontakt zu verschiedenen Pionieren der Fotografie, die f√ľr damalige Verh√§ltnisse sensationelle Aufnahmen fertigten und ver√∂ffentlichten. Zweifellos war Lilienthal auch ein guter Selbstvermarkter. Insgesamt entwickelte er mindestens 21 Flugger√§te. Ein von ihm als ‚ÄěNormalsegelapparat‚Äú bezeichneter Gleitflieger ging 1894 in die Serienproduktion. Im Folgejahr erprobte Lilienthal erstmals Doppeldecker.
Trotz Lilienthals Pionierleistungen setzten sich aber zunächst einmal die Luftschiffe durch. Ihr Prinzip war vom Ballonflug her bestens bekannt. Gut zehn Jahre nach Lilienthals ersten Experimenten begann dann das Zeitalter des Motorfluges, der die Luftschiffe schließlich verdrängte.


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Authored by: Torsten Berndt

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