Das Kafkaeske an Kafka vergessen

Briefmarke der Tschechoslowakei von 1969 mit Franz Kafka.Kafkaesk ‚Äď es ist dieses Adjektiv, das deutlich macht, wie sehr die Literatur Franz Kafkas (1883‚Äď1924) die Menschen besch√§ftigt hat, wie viel sie ihnen zu denken aufgibt und an Fragen offenl√§sst. Anfangs benutzte man das Wort, um literarische Textmerkmale Kafkas zu bezeichnen oder aber Werke, die den seinigen im Stil √§hneln. Mit der Zeit aber wurde daraus ein Begriff, der vor allem au√üerhalb der Literatur zum Einsatz kommt, immer dann, wenn ein Sachverhalt r√§tselhaft, unheimlich, bedrohlich scheint, wenn eine B√ľrokratie im Spiel ist, die sich nicht in die Karten schauen l√§sst, wenn wir von einer Macht abh√§ngig sind, die im Verborgenen bleibt. All diese Motive greift Kafka in seinen Werken auf und zwar in einer Weise, die den Leser fesselt, bedr√ľckt oder manchmal ‚Äď erheitert.

Briefmarke der Deutschen Post von 2008 mit Franz Kafka.Eine Kafka-Erz√§hlung, die besonders an die Substanz geht, ist ‚ÄěIn der Strafkolonie‚Äú. Dort schildert Kafka das befremdliche Rechtssystem einer auf einer Insel gelegenen Strafkolonie. Es sieht vor, dass alle Verurteilten von einem Apparat stundenlang bis zum Tod gefoltert werden. Das monstr√∂se Ger√§t ritzt den Angeklagten das Gebot, das sie √ľbertreten haben sollen, immer tiefer in den K√∂rper. Kafka beschreibt diese absto√üende Szenerie detailreich und n√ľchtern. Dass er damit bei vielen Lesern Verst√∂rung hervorruft, d√ľrfte nicht erstaunen. Eine der bekanntesten Kafka-Legenden besagt, dass mehrere Menschen in Ohnmacht fielen und viele den Saal verlie√üen, als Kafka im November 1916 in M√ľnchen aus der Erz√§hlung las. ‚ÄěNiemals habe ich eine √§hnliche Wirkung von gesprochenen Worten erlebt‚Äú, schrieb Max Pulver in seinen Erinnerungen an Franz Kafka. In anderen Besprechungen des Abends ist zwar von einer ablehnenden Reaktion des Publikums zu lesen, nicht aber in dieser drastischen Form, sodass an der Darstellung Pulvers immerhin Zweifel bestehen.

Briefmarke aus Israel von 1998 mit Franz Kafka.Kafka war ein begeisterter Schreiber, doch ern√§hrte ihn seine Passion nicht. Er verdiente sein Brot von 1908 bis 1922 (bis zwei Jahre vor seinem Tod) als Beamter f√ľr die ‚ÄěArbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt f√ľr das K√∂nigreich B√∂hmen‚Äú in Prag, wo er bis zum Obersekret√§r bef√∂rdert wurde. Er war folglich mit B√ľrokratie und Machtstrukturen, den so zentralen Motiven seiner Werke, bestens vertraut. Gerne ausge√ľbt hat er diese T√§tigkeit keineswegs. Vielmehr sprach er von einem ‚ÄěMan√∂ver-Leben‚Äú, das er zu f√ľhren hatte. Er arbeitete vormittags, schlief nachmittags und schrieb des Nachts. Hielt er erst einmal die Feder in der Hand, geriet er oft n einen regelrechten Schreibrausch.

Seine Literatur z√§hlt heute uneingeschr√§nkt zu den Klassikern. Und selbstverst√§ndlich l√§sst sie verschiedenste Lesarten zu. Man nehme nur die Erz√§hlung ‚ÄěDie Verwandlung‚Äú mit dem ber√ľhmten ersten Satz ‚ÄěAls Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Tr√§umen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.‚Äú Gedeutet wurde diese Erz√§hlung unter anderem religi√∂s (durch Max Brod), psychologisch und biographisch (Vater-Sohn-Konflikt) und soziologisch (die Familie Samsa als Abbild der gesellschaftlichen Verh√§ltnisse).

Briefmarke der Deutschen Bundespost von 1983 mit Franz Kafka.Dass wir heute, an Kafkas 130. Geburtstag, auch die (teils unvollendeten) Werke lesen k√∂nnen, die zu seinen Lebzeiten nicht publiziert wurden (der Gro√üteil!), ist Max Brod zu verdanken. Dieser setzte sich √ľber Kafkas letzten Willen hinweg, indem er seine Romane und Erz√§hlungen nicht wie aufgetragen vernichtete, sondern ver√∂ffentlichte. Wer k√∂nnte ihm das √ľbel nehmen? Vielleicht geschah es letztlich sogar in Kafkas Sinne, der alles Geschriebene ja auch zu Lebzeiten selbst h√§tte vernichten k√∂nnen, es aber nicht getan hatte.

Zum Schluss sei noch auf den humorvollen Kafka hingewiesen. Kaum zu glauben, aber wahr, versucht man einmal nicht an das Kafkaeske in Kafkas Werken zu denken, enthalten viele seiner Texte auch Komik. Kafka selbst soll beim Vorlesen des ersten Romankapitels von ‚ÄěDer Prozess‚Äú schallend gelacht haben. Versuchen Sie doch mal, es ihm gleichzutun.

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Authored by: Tanja Uhde

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