Alternative zur Dampfmaschine

Technikhistorisch gilt 1897 als das Geburtsjahr des Dieselmotors. Vier Jahre zuvor konnte Rudolf Diesel ihn erstmals erfolgreich starten, MiNr. 1942.

Technikhistorisch gilt 1897 als das Geburtsjahr des Dieselmotors. Vier Jahre zuvor konnte Rudolf Diesel ihn erstmals erfolgreich starten, MiNr. 1942.

Eine ‚Äěneue, rationelle W√§rmekraftmaschine‚Äú, das war es, was Rudolf Christian Karl Diesel vorschwebte. Er war 35 Jahre alt, als es am 10. August 1893 in Augsburg zur ersten Z√ľndung seines neuartigen ‚Äěrationellen W√§rmemotors‚Äú kam.
Augsburg war die Geburtsstadt seines Vaters. Diesel war dort 23 Jahre zuvor angekommen. Seine Eltern hatten ihn damals zu Augsburger Verwandten geben m√ľssen. Die Familie war auf der Flucht. Der Deutsch-Franz√∂sische Krieg hatte sie gezwungen, Paris, die Stadt, in der Rudolf seine ersten Lebensjahre verbracht hatte, zu verlassen. Um die finanzielle Versorgung und die schulischen Aussichten des Jungen w√ľrde es in Augsburg besser bestellt sein als unter den unsicheren Umst√§nden des famili√§ren Exils, meinten die Eltern. Wohlhabend war die Familie um den Lederwarenh√§ndler Theodor Diesel aber auch vorher nicht gewesen.

In Augsburg nahm die Ausbildung Rudolfs mit dem Besuch der √∂rtlichen Industrieschule dann fr√ľh und entschieden ihren auf Naturwissenschaft und Technik ausgerichteten Lauf. Ihren H√∂hepunkt erreichte sie mit dem hervorragenden Ingenieurs-Examen an der Polytechnischen Hochschule in M√ľnchen im Jahr 1880. Danach war Diesel in leitender Position in Paris und Berlin f√ľr das K√ľhlmaschinenunternehmen Carl von Lindes t√§tig, der w√§hrend des Studiums in den siebziger Jahren sein Lehrer gewesen war.
Und bei seinem M√ľnchner Professor war Diesel auch mit der ‚ÄěKreisprozess-Theorie‚Äú des franz√∂sischen Thermodynamikers Nicolas L√©onard Sadi Carnot in Ber√ľhrung gekommen. Davon angeregt, hatte er begonnen, √ľber eine effizientere und dabei f√ľr den massenhaften Gebrauch praktikable und erschwingliche Alternative zur Dampfmaschine nachzudenken.
Eine solche Alternative sollte die ‚Äěneue, rationelle W√§rmekraftmaschine‚Äú darstellen, die sich Diesel zu Beginn des Jahres 1893 patentieren lie√ü. ‚ÄěTheorie und Konstruktion eines rationellen W√§rmemotors zum Ersatz der Dampfmaschinen und der heute bekannten Verbrennungsmotoren‚Äú war dementsprechend der Titel des Buches, das er im selben Jahr ver√∂ffentlichte.
Mit dem Kruppschen Stahlwerk hatte Diesel bei der Herstellung des Prototyps vom Sommer 1893 einen prominenten und potenten Partner an seiner Seite. Der Mann, der ihm daneben maßgeblich half, Idee und Theorie in die Tat umzusetzen, war ein Augsburger Ingenieur. Wie es schon sein Vater getan hatte, stand auch Heinrich von Buz der Maschinenfabrik Augsburg vor. Mit Diesel hatte er schon zusammengearbeitet, als dieser noch in Diensten des von Lindeschen Unternehmens gestanden hatte.
F√ľr einen kontinuierlichen Betrieb und damit eine serienm√§√üige Fertigung stand Diesels Motor aber erst vier Jahre nach der erstmaligen Z√ľndung bereit. Die Konstruktion unterschied sich in zahlreichen Details von den urspr√ľnglichen Ideen. Doch der Motor erwies sich als erfolgreich. Ma√ügeblich trug dazu ab 1898 die Dieselmotorenfabrik Augsburg bei, die schon zwei Jahre sp√§ter einen englischen Ableger erhielt. Auch wollten ausl√§ndische Firmen den Motor bauen und waren bereit, daf√ľr Lizenzgeb√ľhren zu zahlen.

Diesels dabei akkumulierter Wohlstand und seine weltweite Bekanntheit wurden allerdings von ersten Anzeichen der seelischen und k√∂rperlichen Ersch√∂pfung begleitet. Neben der technischen Weiterentwicklung seines Verbrennungsmotors hatten ihn nach 1893 in hohem Umfang auch dessen Vermarktung und patentrechtliche Fragen besch√§ftigt. Themen- und Handlungsfelder, bez√ľglich derer man Diesel heute keine ausgesprochene Neigung zuschreibt.
Theorien √ľber eine sich verschlechternde Gem√ľtslage Diesels reichen bis hin zu seinem tragischen Tod: Nachdem er Ende September 1913 w√§hrend einer Schiffsreise von Antwerpen nach England verschwunden war, identifizierte man im folgenden Monat einen in der unruhigen See treibenden K√∂rper als die Leiche Rudolf Diesels. Neben Vermutungen √ľber einen Suizid, der auch mit finanziellen Schwierigkeiten Diesels erkl√§rt wird, halten andere Stimmen es f√ľr m√∂glich, dass der prominente Ingenieur Opfer eines Verbrechens wurde. In diesem Zusammenhang ist neben Branchen-Konkurrenten von den h√∂chsten Reihen der deutschen Politik die Rede, denen der in internationalen Dimensionen denkende und im Besonderen auch mit Unternehmen in Frankreich und England verhandelnde Diesel zu wenig kriegsbegeistert und patriotisch gewesen sei.
Tats√§chlich hatte Diesel seine Arbeit eher mit Nationalismus und Militarismus √ľberwindenden Gedanken √ľber einen gesamtmenschheitlichen Fortschritt und soziale Gerechtigkeit verbunden als mit gro√ükapitalistischem Kalk√ľl oder gar milit√§rischer Nutzbarmachung. Seine weitreichenden und konkreten sozialen und politischen Ambitionen hatte er sogar dezidiert in der 1903 ver√∂ffentlichten Schrift ‚ÄěSolidarismus. Nat√ľrliche wirtschaftliche Erl√∂sung des Menschen‚Äú zum Ausdruck gebracht.
Der Motor, den Diesel entwickelt hatte, kam zeit seines Lebens aufgrund seiner anf√§nglichen Gr√∂√üe und seines Gewichts vor allem in der Schiffahrt und station√§r zum Einsatz. Eine erste Diesellokomotive, an deren Entwicklung Rudolf Diesel noch beteiligt war, eignete sich nicht f√ľr den planm√§√üigen Zugbetrieb. Die Nutzung weiterentwickelter Dieselmotoren f√ľr Last- und Personenkraftwagen, die dann im Jahrzehnt nach seinem Tod ihren Anfang nahm, durfte der schon mit 55 Jahren verstorbene Namensgeber nicht mehr miterleben.


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Benelux 2022/2023 (E 12)

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Authored by: Torsten Berndt

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