Tauwetter oder Konfrontation?

 

1964 gab die DDR zum 70. Geburtstag Nikita Chruschtschow zwei Briefmarken zu Ehren des sowjetischen Staatsmannes heraus, hier MiNr. 1021.

1964 gab die DDR zum 70. Geburtstag Nikita Chruschtschow zwei Briefmarken zu Ehren des sowjetischen Staatsmannes heraus, hier MiNr. 1021.

 

Als Nikita Sergejewitsch Chruschtschow im M√§rz 1958 auch Ministerpr√§sident der Sowjetunion wurde, hatte er eine bereits √ľber zwei Jahrzehnte andauernde politische Karriere hinter sich. Sie hatte ihn in den 30er-Jahren zum Mitglied des Zentralkomitees (ZK) der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) und 1953 zu deren Vorsitzendem gemacht. Hervorstechende Ereignisse, die in seiner folgenden Amtszeit stattfanden, waren der Bau der Berliner Mauer 1961 und die Kuba-Krise im Jahr darauf. Auch war es speziell Chruschtschow, der innerhalb des politischen Systems der UDSSR in Richtung einer kritischen Betrachtung der Geschehnisse und Verh√§ltnisse wirkte, zu denen es seit den 20er-Jahren im Rahmen des totalit√§ren Regimes Josef Stalins gekommen war. Gleichzeitig hatte der an inhaltliche Linientreue gebundene politische Aufstieg des am 15. April 1894 geborenen Staatsmannes genau in dieser Zeit stattgefunden. Nicht nur in diesem Punkt zeigen sich in Nikita Chruschtschows Zeit als Regierungschef einer der beiden Weltm√§chte in der zweiten H√§lfte des 20. Jahrhunderts widerspr√ľchliche Elemente.
Der zum Maschinenschlosser ausgebildete Chruschtschow initiierte unterschiedlich erfolgreiche Reformen, die im Besonderen eine √∂konomische Bew√§hrung des kommunistischen Systems der Sowjetunion und ein Gleichziehen mit den USA nicht nur im Bereich der R√ľstung erm√∂glichen sollten. Er bezweckte dar√ľberhinaus auch eine √úberwindung der stalinistischen machtpolitischen Radikalit√§t und Willk√ľr, die im Zuge der brutalen Unterbindung von politischer Opposition und auf r√ľcksichtlose Weise umgesetzter √∂konomischer und sozialer Neuorganisationen Millionen Menschen in der Sowjetunion das Leben gekostet und zur Inhaftierung vieler anderer in Arbeitslagern gef√ľhrt hatte.
Dabei galt es jedoch auch im politischen Kurs Chruschtschows, einerseits an der alleinigen Macht und dem programmatischen Gestaltungsmonopol der KPdSU innerhalb der Sowjetunion keinen Zweifel aufkommen zu lassen und sich andererseits gegen√ľber den USA und anderen westlichen Staaten sowie dem Kapitalismus zu behaupten. Daher standen etwaigen liberaleren politischen Absichten und Ma√ünahmen Chruschtschows stets auch innerparteiliche Zweifel und Gegner gegen√ľber, die 1964 schlie√ülich neben anderen Faktoren zum vorzeitigen Ende seiner Regierungszeit f√ľhrten und Leonid Breschnjew zu seinem Nachfolger werden lie√üen. Bez√ľglich tats√§chlicher Abwendungen von staatspolitischer Kontrolle und Zensur in der √Ąra Chruschtschow spricht man manchmal von einer Phase des ‚ÄěTauwetters‚Äú.

1964 gab die DDR zum 70. Geburtstag Nikita Chruschtschow zwei Briefmarken zu Ehren des sowjetischen Staatsmannes heraus, hier MiNr. 1020.

1964 gab die DDR zum 70. Geburtstag Nikita Chruschtschow zwei Briefmarken zu Ehren des sowjetischen Staatsmannes heraus, hier MiNr. 1020.

Als das sowjetische Milit√§r im Herbst 1956 den ungarischen Volksaufstand gewaltsam beendete, zeigten sich allerdings zum einen Grenzen einer weniger autorit√§ren sowjetischen Innenpolitik. Zum anderen wurde ganz besonders im Oktober 1962 die Fragilit√§t einer ‚Äěfriedlichen Koexistenz‚Äú von Ost und West sichtbar, von der Chruschtschow seit Mitte der 50er-Jahre programmatisch sprach. Die Kuba-Krise gilt als der Moment in der Geschichte des Kalten Krieges, in dem sich die Konfrontation der beiden Superm√§chte maximal zuspitzte und sich die Welt n√§her am Rand einer nuklearen milit√§rischen Katastrophe befand als jemals sonst. Nachdem Chruschtschow die Stationierung von Mittelstreckenraketen auf Kuba eingeleitet und die USA eine Seeblockade der seit wenigen Jahren unter der Regierung Fidel Castros stehenden Insel eingerichtet hatte, drohte knapp zwei Wochen lang eine Eskalation, bez√ľglich derer die Welt einen atomaren Weltkrieg bef√ľrchtete.
Eingebunden in das Kr√§ftemessen mit den USA hatte Chruschtschow seit 1958 von den Westm√§chten gefordert, Berlin zu verlassen und die Stadt vollst√§ndig der DDR zu √ľberlassen. Einer Grenzschlie√üung und einem Mauerbau, durch die dieser Anspruch nicht umgesetzt, aber Abwanderungen von DDR-B√ľrgern unterbunden werden konnten, stimmte er im Sommer 1961 zu.
In Amerika war Chruschtschow 1959 selbst einmal gewesen, als er zwei Jahre nach dem Start des Satelliten ‚ÄěSputnik 1‚Äú und wiederum zwei Jahre vor dem ersten Flug in das Weltall durch den Raumfahrer Juri Gagarin den √ľber die Entwicklung der sowjetischen Raumfahrt besorgten amerikanischen Pr√§sidenten getroffen hatte. Dieser hie√ü damals noch nicht John F. Kennedy, sondern Dwight. D. Eisenhower.
Wenngleich bis heute nicht letztlich gekl√§rt wurde, ob er seinem √Ąrger w√§hrend einer Vollversammlung der Vereinten Nationen im Jahr 1960 tats√§chlich dadurch Luft machte, dass er mit seinem Schuh mehrfach auf den vor ihm stehenden Tisch schlug, galt Nikita Chruschtschow als unverbl√ľmter Redner und mitunter lautstarker diplomatischer Gespr√§chspartner. Auch w√§hrend seines Amerikaaufenthaltes zeigte er sich nicht sch√ľchtern und beklagte sich √ľber einen nicht stattfindenden Besuch in Disneyland, der aus Sicherheitsgr√ľnden abgesagt worden war.

Authored by: Marius Prill

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