Kommunistische Sprechblasen weglassen

Die Sondermarke von 1965 zeigt die wahren VerhĂ€ltnisse: Walter Ulbricht und Erich Weinert agitierten an der Front. DarĂŒber erscheint das Manifest des Nationalkomitees Freies Deutschland, MiNr. 1107.

Die Sondermarke von 1965 zeigt die wahren VerhĂ€ltnisse: Walter Ulbricht und Erich Weinert agitierten an der Front. DarĂŒber erscheint das Manifest des Nationalkomitees Freies Deutschland. Die Farben der vorderen Fahne waren historisch nicht ganz stimmig, MiNr. 1107 (beide Abb. Schwaneberger Verlag).

Walter Ulbricht ĂŒbte sich in ZurĂŒckhaltung. Wie spĂ€ter, als er nur stellvertretender Vorsitzender der SED und stellvertretender MinisterprĂ€sident der DDR wurde, begnĂŒgte er sich mit einem Sitz im GeschĂ€ftsfĂŒhrenden Ausschuss. An der Spitze, im PrĂ€sidium, standen der Schriftsteller Erich Weinert als PrĂ€sident und die GenerĂ€le Karl Hetz und Heinrich Graf von Einsiedel als seine Stellvertreter. Gemeinsam mit weiteren Kriegsgefangenen und der KPD angehörenden Exilanten versammelten sie sich unter den Farben Schwarz-Weiß-Rot.
Ulbricht und seine Genossen hatten messerscharf erkannt, dass sie mit einem solchen Symbol – das republikanische Schwarz-Rot-Gold war im MilitĂ€r geradezu verhasst – das Offizierskorps ködern konnten. Zugleich wussten sie genau, wie ĂŒberlegen sich die MilitĂ€rfĂŒhrung gegenĂŒber Adolf Hitler fĂŒhlten, „dem Gefreiten“, wie er zumindest unter vier Augen genannt wurde, mitunter auch mit BeifĂŒgung des Wörtchens „böhmischen“, um Hitlers Migrationshintergrund diskret zu erwĂ€hnen. Diese Arroganz machte sich die KPD-FĂŒhrung zunutze. Die Initiative ging indessen von der Sowjetunion aus, deren Geheimdienst – damals die GRU – alles ebenso fest in der Hand hatte wie spĂ€ter Ulbricht in der Sowjetischen Besatzungszone.
Bereits am 3. April 1942 hatte das PolitbĂŒro der KPD auf sowjetischen Wunsch ein Grundsatzpapier zur Schaffung einer Volksfront gegen Hitler verabschiedet. Knapp zwei Monate spĂ€ter fand am 31. Mai die erste Konferenz mit kriegsgefangenen Offizieren statt. Inwiefern deren antifaschistische Bekehrung echt oder erzwungen war, ist historisch umstritten. Wahrscheinlich erklĂ€rten verschiedene Faktoren das Handeln der MilitĂ€rs, wobei die Herablassung gegenĂŒber Hitler in der historischen Debatte möglicherweise zu niedrig bewertet wird. Ein von 23 Offizieren gezeichneter Aufruf ging an alle in der Sowjetunion gefangen gehaltenen Offiziere. Wenig spĂ€ter konstituierte sich ein Ausschuss, dem unter Vorsitz Weinerts Ulbricht, Wilhelm Pieck und Johannes Robert Becher fĂŒr die KPD sowie Bernt von KĂŒgelgen fĂŒr die Wehrmacht angehörten.

Der Schriftsteller Erich Weinert war PrÀsident des NKFD, MiNr. 3301.

Der Schriftsteller Erich Weinert war PrÀsident des NKFD, MiNr. 3301.

Knapp ein Jahr spĂ€ter beauftragte die sowjetische FĂŒhrung Anfang Juni 1943 den Schriftsteller Alfred Kurella und den Journalisten Rudolf Herrnstadt mit der Ausarbeitung eines Manifestes. Stalin höchstselbst ordnete an, alle kommunistischen Sprechblasen wegzulassen und die KPD gar nicht erst zu erwĂ€hnen. Um den Offizieren weiter entgegenzukommen, wurde schließlich noch die ursprĂŒnglich vorgesehene schwarz-rot-goldene durch die schwarz-weißrote Fahne ersetzt, die Farben des Kaiserreiches.
Die offizielle GrĂŒndung des Nationalkomitees Freies Deutschland (NKFD) fand am 12. und 13. Juli 1943 in Krasnogorsk bei Moskau statt. Nach außen hin traten vor allem die MilitĂ€rs in Erscheinung, real hatten natĂŒrlich Ulbricht und Genossen das Sagen. Dies zeigte sich beispielsweise im „BĂŒro des Komitees zur Erledigung der laufenden Arbeiten“, spĂ€ter als „Institut Nr. 99“ bekannt, in dem zahlreiche KPD-FunktionĂ€re arbeiteten. Sie sorgten dafĂŒr, dass alle Veröffentlichungen des NKFD der aktuellen politischen Linie des SowjetfĂŒhrung entsprachen. Wie geschickt sie unterschiedliche Kreise in ihre Arbeit einbanden, zeigte sich in der GrĂŒndung eines kirchlichen Arbeitskreises unter Leitung des Divisionspfarrers Friedrich-Wilhelm Krummacher.
Hauptaufgabe des NKFD war die Propaganda ĂŒber Lautsprecherwagen an den Fronten und ĂŒber den Rundfunk im Hinterland. Am 8. Dezember 1944 riefen beispielsweise 50 GenerĂ€le die deutsche Bevölkerung und die Angehörigen der Wehrmacht zum Sturz Hitlers und zur Beendigung des Krieges auf. General Walther von Seydlitz-Kurzbach sprach ebenso zu den deutschen Soldaten wie Generalfeldmarschall Friedrich Paulus. TatsĂ€chlich gelang es ihnen, zahlreiche Soldaten, darunter auch Offiziere, zur Aufgabe zu bewegen. Zudem setzten NKFD-Vertreter falsche FunksprĂŒche ab und lockten damit deutsche Truppen in den Hinterhalt.
Betrachtet man das Kriegsgeschehen in seiner Gesamtheit, hielt sich die Bedeutung des Nationalkomitees Freies Deutschland aber in Grenzen. Das schienen auch die FĂŒhrungen der Sowjetunion und spĂ€ter der DDR erkannt zu haben. Vor allem die KPD-FunktionĂ€re um Ulbricht erlangten in der DDR fĂŒhrende Positionen. Die MilitĂ€rs spielten nur noch untergeordnete Rollen. FĂŒr Friedrich Paulus gab es den schönen Titel des Leiters des Kriegsgeschichtlichen Forschungsrates an der Hochschule der Kasernierten Volkspolizei, der VorgĂ€ngerin der Nationalen Volksarmee. Bernt von KĂŒgelgen wurde Chefredakteur des „Sonntag“, nachdem sein VorgĂ€nger, Heinz Zöger, und dessen Stellvertreter, Gustav Just, im Zuge der Entmachtung Walter Jankas verhaftet worden war. Walther von Seydlitz-Kurzbach wurde gar 1950 in der Sowjetunion zum Tode verurteilt, dann zu 25 Jahren Lagerhaft „begnadigt“. Nach dem Ende der stalinistischen Terrors kam Seydlitz-Kurzbach 1955 frei und ging in die Bundesrepublik. Das tat auch Heinrich Graf von Einsiedel, der fortan als Publizist arbeitete, ehe er zwischen 1994 und 1998 Bundestagsabgeordneter der PDS wurde.
Karl Hetz kehrte zur Deutschen Reichsbahn zurĂŒck und stieg zum PrĂ€sidenten der Reichsbahn-Direktion Halle auf. Friedrich-Wilhelm Krummacher wirkte wieder in der Kirche und engagierte sich als Bischof der Pommerschen-Evangelischen Kirche stark fĂŒr die kirchliche Einheit in Deutschland und fĂŒr UnabhĂ€ngigkeit der Kirche in der DDR. Damit zĂ€hlte er zu den fĂŒhrenden Gegenspielern Ulbrichts, dessen Wirken er in der sowjetischen Kriegsgefangenenschaft gut studiert hatte.


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Authored by: Torsten Berndt

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