Durch Hochverrat in den Freiheitskampf: 200 Jahre Konvention von Tauroggen

Als am 30. Dezember 1812 der preu√üische Generalfeldmarschall Johann David Ludwig Graf Yorck von Wartenburg mit seinem russischen Gegen√ľber Hans Karl Friedrich Anton Graf von Diebitsch-Sabalkanski die friedliche √úbereinkunft zwischen den preu√üischen und den russischen Truppen unterzeichnete, legte er wissentlich seinen Kopf in die Schlinge. Was er tat, war Hochverrat! Doch hatte die Gunst der Stunde den Milit√§r bewogen, etwas ganz und gar ‚ÄěUnpreu√üisches‚Äú zu tun, n√§mlich √ľber den Kopf des K√∂nigs hinweg Politik zu machen. Er hatte gute Gr√ľnde daf√ľr.

Napoleon in Osteuropa auf tschechischer BriefmarkeSeit Napoleon Bonaparte Westeuropa √ľberrannt hatte, hatte sich die Schlinge um Preu√üen enger und enger gezogen. Bereits 1806 hatten sich die Staaten des ‚ÄěRheinbundes‚Äú unter Druck der Franzosen formell vom Reich losgesagt und einer Milit√§rallianz mit dem franz√∂sischen Kaiserreich zugestimmt. Sie nahmen damit die unausweichliche Unterwerfung voraus und hofften, glimpflich davonzukommen. Fortan fochten ihre Soldaten auf Seiten der Franzosen, doch verloren sie auch politisch zunehmend ihre Souver√§nit√§t.

Napoleon bei Wagram√Ėsterreich hatte bereits nach der Niederlage von Austerlitz 1805 seine unabh√§ngige Stellung verloren, Gebietsverluste und die Dem√ľtigung der faktischen Aufl√∂sung des Reiches hatten zur Niederlegung der Kaiserkrone durch Kaiser Franz gef√ľhrt. Das Heilige R√∂mische Reich war am Ende. Der letzte √∂sterreichische Angriff 1809 sollte ebenfalls scheitern. Bis dahin standen einzig die Preu√üen noch gegen Napoleon, bis das preu√üische Heer im Herbst 1806 die vernichtenden Niederlagen von Jena und Auerstedt erlitt. 1807 kam dann f√ľr Preu√üen das Aus. Nach der Niederlage von Friedland musste Preu√üen im Frieden von Tilsit gro√üe Teile des K√∂nigreiches an Frankreich abtreten.

Konvention von Tauroggen als ZudruckVor diesem Hintergrund kann man sich vorstellen, mit welcher Motivation die preu√üischen Truppen 1812 als Hilfkontingent der Grande Arm√©e am Russlandfeldzug teilnahmen. Generalleutnant Yorck hatte seine M√§nner bis weit ins Baltikum gef√ľhrt und nach dem katastrophalen Ergebnis des Feldzuges auf dem R√ľckmarsch der Armee den Schutz der Nachhut √ľbernommen. Clausewitz beschrieb sp√§ter anschaulich die Schrecken des R√ľckzuges, die K√§lte, den Hunger und die unausgesetzten Angriffe der russischen Kosaken. Yorcks Preu√üen verloren bald den Anschluss an die franz√∂sische Hauptarmee. Und so kam es zur schicksalhaften Begegnung an der preu√üisch-russischen Grenze, in deren Zuge Yorck den unfreiwilligen Kriegszustand mit den ehemaligen russischen Verb√ľndeten eigenm√§chtig beendete. Er ‚Äěneutralisierte‚Äú die preu√üischen Truppen, das hei√üt er entzog sie dem Einfluss Napoleons. Die Nachricht dieses spektakul√§ren Aktes verbreitete sich schnell und sollte in der Folge zu zahlreichen Aufst√§nden im Osten gegen die Franzosenherrschaft f√ľhren. Somit kann die ‚ÄěKonvention von Tauroggen‚Äú, wenn nicht als Ursache, zumindest als Ausl√∂ser der nun entfesselten Befreiungskriege der deutschen Gebiete gegen Frankreich gelten.

Yorck schrieb an seinen K√∂nig, Friedrich Wilhelm III., dass er sich bereitwillig einem Erschie√üungskommando stellen w√ľrde. Doch blieb ihm dieses Schicksal erspart. Man sprach ihn offiziell vom Vorwurf der ‚ÄěEigenm√§chtigkeit‚Äú frei und Yorck sollte in den folgenden Jahren noch manche Schlacht gegen Napoleon entscheiden.

 

Yorck in Wartenburg 1813

Yorck in Wartenburg 1813 (Abbildung: Delcampe)

 


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Authored by: Jan Sperhake

There is 1 comment for this article
  1. Gendreau François at 18:59

    Diese Konvention war kein Verrat. In seiner Geschichte des vaterl√§ndischen Krieges hat der grosse Historiker Modest Iwanowitsch Bogdanowitsch bedenklich gemacht, dass weder √Ėsterreich noch Preussen Russland den Krieg erkl√§rt hat. (Sieh Bd I S. 77). Daher befand sich Preussen offiziell nicht im Kriegszustand und infolgedessen geschah kein Verrat.

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