Veritable Theaterskandale

Veritable Theaterskandale

‚ÄěDie Mehrheit hat nie das Recht auf ihrer Seite. Nie, sag‘ ich! Das ist auch so eine von den gesellschaftlichen L√ľgen, gegen die ein freier, denkender Mensch sich emp√∂ren muss.‚Äú

Schon im 19. Jahrhundert kannte man ‚ÄěSchwarmintelligenz‚Äú und √§hnliche Abstrusit√§ten. Nur die Benennung unterschied sich. Der dahinterstehende Gedanke, eine Mehrheit k√∂nne nicht irren und werde stets ‚Äď auf welchen Wegen auch immer ‚Äď ein positiv definiertes Ziel erreichen, dieser zutiefst t√∂richte Gedanke ist selbst in durch und durch aufgekl√§rten Gesellschaften nicht totzukriegen. Die Techniken entwickeln sich weiter, die menschliche Dummheit besteht unver√§ndert fort.

Norwegen 1978 Henrik Ibsen MiNr. 765

Erik Werenskiold porträtierte Henrik Ibsen, wiedergegeben auf einer Sondermarke von 1978, MiNr. 765 (Abb. Schwaneberger Verlag).

Das Zitat stammt aus einem seltener gespielten Drama Henrik Ibsens, ‚ÄěDie St√ľtzen der Gesellschaft‚Äú. 1877 legte der Dichter das Werk vor, mit dem er den Schritt in den Naturalismus wagte.
Ging er schon zuvor hart mit seinen Zeitgenossen ins Gericht, trat er fortan mit oftmals so scharfer Kritik an die √Ėffentlichkeit, dass manche Urauff√ľhrung in einen veritablen Theaterskandal m√ľndete. Dabei stellte Ibsen stets heraus, dass der Einzelne f√ľr sein Schicksal verantwortlich ist. Von √ľbernat√ľrlichen Einfl√ľssen oder Banalit√§ten wie beispielsweise einem Klassenbewusstsein zu schreiben, h√§tte seinen feinf√ľhligen Intellekt beleidigt. Stattdessen arbeitete er insbesondere die psychische Entwicklung seiner Figuren immer pr√§ziser heraus, was nat√ľrlich dazu f√ľhrte, dass sich der eine oder Theatergast und Leser angegriffen f√ľhlte. Dass er auch um Themen wie Sexualerkrankungen und Ehebruch keinen Bogen machte, nutzten einschl√§gige Kreise, um die Auff√ľhrung der Ibsen-Dramen zu untersagen.

Henrik Ibsen kam am 20. M√§rz 1828, heute vor 185 Jahren, in Skien in der Telemark zur Welt. Mit acht Jahren erlebte er den Bankrott des Vaters, der fortan Trost im Alkohol suchte. Da die Familie Skien verlassen musste, verlor Ibsen mit einem Schlag den Gro√üteil seiner pers√∂nlichen Bindungen. Mit 16 gelangte er nach Grimstad und begann dort eine Lehre zum Apotheker. Sein Ziel war jedoch das Studium der Medizin. In seiner Freizeit machte er sich mit den Klassikern vertraut. Noch in Grimstad schrieb er sein erstes Drama, ‚ÄěCatilina‚Äú. Den Weg des r√∂mischen Politikers Lucius Sergius Catilina hatte er bereits zum Schulabschluss kennen gelernt. Das Werk erschien 1850 unter dem Pseudonym Brynjolf Bjarne.
Im selben Jahr siedelte Ibsen nach Christiania ‚Äď heute Oslo ‚Äď √ľber und schloss sich zum einen einer Intellektuellengruppe, zum anderen einer Vereinigung utopischer Sozialisten an. Bereits mit Bj√łrnstjerne Bj√łrnson befreundet, fand er schnell Zugang zu K√ľnstlern und Wissenschaftlern. Intensiv studierte er die altnordische Geschichte und Volkskunde.
Seine Aktivit√§ten bewogen Ole Bull, den jungen Dramatiker am Norske Theater in Bergen zu engagieren. Ab November 1851 wirkte Ibsen dort als k√ľnstlerischer Leiter und Hausdichter. Jedes Jahr musste er fortan ein neues Werk vorlegen. Die nationalromantische Phase Ibsens ist durch Dramen wie ‚ÄěDie Johannisnacht‚Äú und ‚ÄěDas Fest auf Solhaug‚Äú gekennzeichnet, die au√üerhalb Norwegens eher selten aufgef√ľhrt werden. Nach sechs Jahren wechselte er als Leiter an das Kristiania Norske Theater in der Landeshauptstadt. 1862 musste die B√ľhne Zahlungsunf√§higkeit anmelden.

Norwegen 1978 Henrik Ibsen MiNr. 764

Per Larson Krohg zeichnete ‚ÄěPeer Gynt mit dem Rentierhirsch‚Äú, MiNr. 764 (Abb. Schwaneberger Verlag).

Ibsen z√§hlte da schon zu den etablierten Autoren. Dennoch f√ľhlte er sich in Norwegen verkannt und suchte sein Gl√ľck auf dem Kontinent. Die Jahre von 1864 bis 1891 verbrachte er in Rom, Dresden und M√ľnchen. Aus der Zeit stammen beispielsweise die Dramen ‚ÄěPeer Gynt‚Äú, ‚ÄěDer Bund der Jugend‚Äú und ‚ÄěKaiser und Galil√§er‚Äú. Zu ‚ÄěPeer Gynt‚Äú steuerte Edvard Grieg in Ibsens Auftrag die Musik bei. Vor der 1874 uraufgef√ľhrten B√ľhnenfassung hatte Ibsen bereits 1867 ein gleichnamiges Gedicht ver√∂ffentlicht.

Trotz der Skandale, die einige seiner Werke hervorriefen, erfuhr Ibsen hohe Ehrungen. Gesamtausgaben erschienen bereits zu Lebzeiten in Norwegen und Deutschland. Seine letzten Jahre verbrachte Henrik Ibsen nach zwei Schlaganf√§llen zur√ľckgezogen. Bevor er am 23 Mai 1906 starb, durfte er noch erleben, dass sein Sohn Sigurd 1903 zum norwegischen Staatsminister in Stockholm berufen wurde. Dieses Amt hatte er bis zu Aufl√∂sung der norwegisch-schwedischen Union 1905 inne.

Authored by: Torsten Berndt

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