Dichter und Naturforscher

Adelbert von Chamisso auf Briefmarke der Bundespost Berlin 1981Als die Familie de Chamissot im Jahr 1796 in Berlin eintraf, hatte sie ereignisreiche, ersch√ľtternde Jahre hinter sich. Da man im revolution√§ren Frankreich nicht mehr erw√ľnscht gewesen war, hatte die Adelsfamilie vier Jahre zuvor das Familienanwesen Schloss Boncourt in der Champagne verlassen m√ľssen. Die anschlie√üende Flucht hatte √ľber die Niederlande, Luxemburg und die Stationen D√ľsseldorf, W√ľrzburg und Bayreuth gef√ľhrt.¬†In Berlin konnte das zweitj√ľngste Familienmitglied, der 15-j√§hrige Louis Charles Ad√©laide, nun das Franz√∂sische Gymnasium besuchen. Seinem fr√ľhen Interesse an der Literatur ging der junge Mann auch noch nach, nachdem er 1798 in die preu√üische Armee eingetreten war. Kurz vor dem Ende seiner Milit√§rzeit sollte er als Leutnant noch seinem Geburtsland gegen√ľberstehen, das der neuen, preu√üischen Heimat unter Napoleon Bonaparte empfindliche Niederlagen beibrachte.

Als er 1807 in das Zivilisten-Dasein eintrat, hatte Adelbert von Chamisso ¬†‚Äď diesen ‚Äěeingedeutschten‚Äú Namen hatte er sich mittlerweile gegeben ¬†‚Ästnicht nur Gedichte verfasst, Kontakte mit literarischen Kreisen Berlins unterhalten und sich als Herausgeber des ‚ÄěBerliner Musenalmanachs‚Äú bet√§tigt. Da er sich auch in das Studium der griechischen Sprache vertieft hatte, konnte er zwar nicht, wie zwischenzeitlich erhofft, als Professor an einem Lyzeum in der Bretagne, doch aber als Privatlehrer arbeiten. Nach wie vor verkehrte von Chamisso mit Schriftstellern und Wissenschaftlern. Im Lauf der Jahre kannte er u.a. August Wilhelm Schlegel, Ludwig Uhland, Achim von Arnim, Clemens Brentano, Alexander von Humboldt und E.T.A. Hoffmann. 1814 erschien von Chamissos bereits zu seinen Lebzeiten bekanntestes Werk, die m√§rchenartige Erz√§hlung ‚ÄěPeter Schlemihls wundersame Geschichte‚Äú.

Neben die k√ľnstlerische Arbeit und sein literarisches Engagement trat allerdings zunehmend ein weiteres Interesse: die Naturforschung. 1812 hatte von Chamisso in Berlin bereits ein Studium der Medizin aufgenommen, das ihm Gelegenheit bot, sich mit Botanik, Zoologie und Mineralogie zu besch√§ftigen. Zwischen 1815 und 1818 beteiligte er sich dann an einer naturwissenschaftlichen Expedition, die ihn an Bord eines russischen Schiffs, der ‚ÄěRurik‚Äú, buchst√§blich um die ganze Welt f√ľhrte.

Nach der R√ľckkehr 1819 machte man von Chamisso in Berlin zum Ehrendoktor. Er heiratete die 20 Jahre j√ľngere Antonie Piaste, mit der er sieben Kinder haben sollte. Nach 1819 sollte von Chamisso zudem fortw√§hrend als Kurator im Sch√∂neberger Botanischen Garten und am K√∂niglichen Herbarium t√§tig sein.

Adelbert von Camisso auf Briefmarke der DDR 1981Seine beruflichen Aktivit√§ten verliefen fortan zweigleisig: neben Arbeiten wie der aus dem Jahr 1827 stammenden Ballade ‚ÄěDie Sonne bringt es an den Tag‚Äú, sozialkritischen Gedichten wie ‚ÄěDer Bettler und sein Hund‚Äú oder der Herausgabe des ‚ÄěDeutschen Musenalmanachs‚Äú ab 1832 standen naturwissenschaftliche Exkursionen und dazugeh√∂rige Publikationen mit Titeln wie ‚ÄěUntersuchung eines Torfmoores bei Greifswald und ein Blick auf die Insel R√ľgen‚Äú oder ‚Äě√úbersicht der nutzbarsten und der sch√§dlichsten Gew√§chse, welche wild oder angebaut in Norddeutschland vorkommen‚Äú. Von Chamisso war sowohl Mitglied literarischer als auch wissenschaftlicher Zirkel. So geh√∂rte er der ‚ÄěNeuen Mittwochsgesellschaft‚Äú an, die sein Freund Julius Eduard Hitzig gegr√ľndet hatte, und 1835 nahm man ihn in die Berliner Akademie der Wissenschaften auf. Mehr in eins flossen die schriftstellerischen und naturwissenschaftlichen Interessen und Talente von Chamissos ¬†‚Ästwenngleich die dabei gewonnenen botanischen Erkenntnisse separat an anderer Stelle ver√∂ffentlicht wurden ¬†‚Ästbei dem fr√ľh-ethnologischen Reisebericht ‚ÄěReise um die Welt‚Äú, den er √ľber die Expedition der Jahre 1815 bis 1818 schrieb. Wie seine sprachwissenschaftliche Arbeit ‚Äě√úber die hawaiische Sprache‚Äú wurde der Bericht 1836 ver√∂ffentlicht.

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Adelbert von Chamisso starb vor 175 Jahren, am 21. August 1838, in Berlin. Die Stadt war ihm am ehesten Heimat, ein intellektuelles und soziales Zentrum seiner mehrspurigen Laufbahn als Dichter und Naturforscher gewesen. Das Leben hatte von Chamisso allerdings schon fr√ľh aus allzu eindeutigen Zugeh√∂rigkeiten heraus und in die Bewegtheit einer k√ľnstlerischen und wissenschaftlichen Suche gef√ľhrt. Als franz√∂sischer Fl√ľchtling mit adeliger Herkunft war er in Jahren deutsch-franz√∂sischer Konflikte in das preu√üische Berlin gekommen. Als Dichter hatte er sich die deutsche Sprache zu eigen gemacht und sich als Naturwissenschaftler in einer b√ľrgerlichen Gesellschaft etabliert, die er, geschult durch die eigene, nicht nur eine Weltumsegelung umfassende Erfahrung des Fremden, auch immer wieder zur Offenheit und sozialen wie kulturellen Weitsicht ermahnte. Wie seine ber√ľhmte Figur Peter Schlemihl hatte von Chamisso die H√§rten eines uneindeutigen, heimat- und identit√§tsarmen Au√üenseiter-Daseins erlitten und sein Heil schlie√ülich in einer Zukunft gesucht, die es erst zu entdecken gegolten hatte.


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Authored by: Marius Prill

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