Wahrung der deutschen Ehre

Wahrung der deutschen Ehre

Im Grunde genommen war er der klassische Parteisoldat. Nach dem Besuch der Parteischule √ľbernahm er zun√§chst Funktionen in der Gewerkschaft, ehe er hauptamtlich f√ľr die Partei t√§tig wurde. Nach dem Gewinn eines Reichstagsmandates stieg er dann in den Parteivorstand auf. Schlie√ülich √ľbernahm er den Vorsitz und blieb gut 20 Jahre Parteichef.
Otto Wels kam am 15. September 1873 als Sohn eines Berliner Gastwirts zur Welt. Das Elternhaus konnte ihm zu einer guten Schulbildung und einer Lehre im Handwerk verhelfen. Bis er ab 1906 in Diensten der Gewerkschaft stand, arbeitete er in Berlin, Regensburg und M√ľnchen als Tapezierer. Der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands geh√∂rte er seit 1891 an und absolvierte die Lehrg√§nge der Parteischule. Von 1907 an wirkte er als Parteisekret√§r in Brandenburg und engagierte sich in der Pressekommission der Parteizeitung ‚ÄěVorw√§rts‚Äú.
Bei den Reichstagswahlen 1912, den letzten vor dem Krieg, errang die SPD mit Abstand die meisten Stimmen. 34,8 Prozent brachten ihr 110 Mandate. Wegen des Wahlrechts entsprach dies zwar nur 27,7 Prozent der insgesamt 397 Sitze; in jedem Wahlkreis musste ein Kandidat im ersten oder zweiten Wahlgang die absolute Mehrheit erringen. Trotz des Mehrheitswahlrechts bildete die SPD aber die st√§rkste Fraktion vor dem Zentrum, das mit 16,4 Prozent der W√§hlerstimmen 91 Sitze erhielt. F√ľr den Wahlkreis Calau-Luckau zog Otto Wels in den Reichstag ein.

1973 gedachte Deutschland Otto Wels' philatelistisch, MiNr. 780

1973 gedachte Deutschland Otto Wels‘ philatelistisch, MiNr. 780

Dort fiel er rasch August Bebel auf. Bereits im Folgejahr sorgte Bebel daf√ľr, dass Wels in den Parteivorstand gew√§hlt wurde. W√§hrend des Krieges vertrat er die Positionen der realpolitischen Parteimehrheit, ohne den Kontakt zur linken Minderheit abbrechen zu lassen. Zu Auseinandersetzungen mit einem kleinen Teil jener Minderheit kam es indessen erst nach der Novemberrevolution, als Otto Wels das Amt des Berliner Stadtkommandanten √ľbernahm. Den Forderungen des Spartakusbundes ‚Äď aus ihm sollte wenig sp√§ter die moskautreue Kommunistische Partei Deutschlands erwachsen ‚Äď stand er ablehnend gegen√ľber. Nachdem es wiederholt zu gewaltt√§tigen Auseinandersetzungen gekommen war, ordnete er am 6. Dezember 1918 an, das Feuer auf demonstrierende Bolschewisten zu er√∂ffnen. Im Anschluss an gescheiterte Verhandlungen um die R√§umung des Berliner Stadtschlosses setzten ihn meuternde Matrosen am 23. und 24. Dezember fest und misshandelten ihn schwer. Zugleich versuchten regul√§re Truppen, das Schloss einzunehmen. Schlie√ülich gelang doch eine Verhandlungsl√∂sung. Die Matrosen verlie√üen das Schoss und gaben Wels die Freiheit zur√ľck. Sein Amt als Stadtkommandant musste er niederlegen.
1919 √ľbernahm er den SPD-Vorsitz. In die Weimarer Nationalversammlung gew√§hlt, wirkte er im Ausschuss mit, der √ľber den Entwurf der Weimarer Verfassung beriet. Nach deren Verabschiedung wurde er in den Deutschen Reichstag gew√§hlt.
Gemeinsam mit Carl Legien, Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, leitete Wels 1920 den Generalstreik gegen den Kapp-Putsch. Ma√ügeblich trug er dazu bei, dass danach Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) sein Amt verlor. In den zwanziger Jahren engagierte sich Wels f√ľr den Aufbau des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold und sp√§ter dessen Beteiligung an der gemeinsam mit den Gewerkschaften etablierten Eisernen Front. Die Selbstschutzorganisationen sollten in der Folgezeit nicht nur Geb√§ude und Veranstaltungen vor Angriffen der SA bewahren, sondern auch vor Angriffen der Kommunisten. Die Sozialistische Arbeiterinternationale, ein Zusammenschluss sozialdemokratischer Parteien, w√§hlte Wels in den Vorstand.
Nachdem die letzte Mehrheitsregierung unter Hermann M√ľller (SPD) 1930 gescheitert war, pl√§dierte Wels bis 1932 f√ľr eine Tolerierung der Pr√§sidialkabinette. Erst nach dem 20. Juli 1932, als die Reichsregierung widerrechtlich die preu√üische Regierung unter Otto Braun (SPD) abgesetzt hatte, ging er auf Distanz. Verhandlungen mit der Regierung unter Kurt von Schleicher lehnte er schlie√ülich ebenso ab wie Gespr√§che mit dem Pr√§sidialkabinett unter Adolf Hitler.
Die letzte halbwegs freie Reichstagswahl ‚Äď die SPD musste sich neben dem Terror der SA auch bereits staatlicher Verfolgung erwehren ‚Äď brachte der SPD nur leichte Verluste. Als zweitst√§rkste Partei nach der NSDAP zog sie mit 120 Abgeordneten in den Reichstag ein. In den folgenden Wochen wurden zahlreiche Abgeordnete von den neuen Machthabern verhaftet oder mussten Deutschland verlassen. Am 23. M√§rz 1933 schlie√ülich betraten noch 94 SPD-Abgeordnete die Kroll-Oper, in welcher der Reichstag tagte.
Zur Debatte stand das sogenannte Erm√§chtigungsgesetz. Mit diesem wollte Hitler seiner Diktatur den Anschein der Legalit√§t verleihen. Die NSDAP hatte bei den Wahlen aber keine Mehrheit errungen, schon gar nicht die f√ľr ein Erm√§chtigungsgesetz n√∂tige Zweidrittelmehrheit. Zur Mehrheitspartei wurde sie, nachdem die Regierung am 8. M√§rz die Mandate der 81 gew√§hlten KPD-Abgeordneten annulliert hatte. F√ľr die Zweidrittelmehrheit brauchte die NSDAP aber die Stimmen anderer Parteien. Sie erhielt sie aus dem b√ľrgerlichen Lager.
S√§mtliche Abgeordnete der konservativen und liberalen Parteien votierten am 23. M√§rz 1933 mit ‚ÄěJa‚Äú. Einige taten dies mit Bedenken, beispielsweise der sp√§tere Bundespr√§sident Theodor Heuss. Fraktions- oder parteiintern konnten sie sich aber nicht durchsetzen.
Einzig und allein die Sozialdemokraten verteidigten die Demokratie, die Freiheit und den Rechtsstaat. Alle 94 Abgeordneten lehnten das Erm√§chtigungsgesetz ab. Otto Wels hielt an diesem Tag die letzte freie Rede in der Geschichte des Deutschen Reichstags. ‚ÄěFreiheit und Leben kann man uns nehmen‚Äú, schleuderte er Hitler entgegen, ‚Äědie Ehre nicht.‚Äú Die 94 Sozialdemokraten mit Otto Wels an der Spitze wahrten indessen nicht blo√ü die eigene Ehre. Sie bezeugten, dass es noch ein anderes Deutschland gab, sie wahrten die Ehre Deutschlands.
Trotz seiner Rede konnte Otto Wels die Kroll-Oper als freier Mann verlassen. Nach der Vernichtung der freien Gewerkschaften am 2. Mai 1933 beschloss der Parteivorstand, Wels nach Saarbr√ľcken zu schicken. Das Saargebiet unterstand seinerzeit noch dem V√∂lkerbund, sodass die Arbeit demokratischer Parteien dort m√∂glich war. Als der Exilvorstand der SPD seinen Sitz nach Prag verlegte, ging Wels in die Tschechoslowakei. Im August 1933 stand sein Name auf der ersten Ausb√ľrgerungsliste, die das Hitler-Regime ver√∂ffentlichte.
Bis 1938 konnte die SPD von Prag aus arbeiten. Nach dem M√ľnchener Abkommen fand der Vorstand in Paris ein neues Exil. Die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges musste Otto Wels noch miterleben, den deutschen Einmarsch in Frankreich nicht mehr. Am 16. September 1939 verstarb er in Paris. Bis zuletzt hatte er die Partei gef√ľhrt. Nur zwei Parteivorsitzende amtierten l√§nger als Otto Wels: Willy Brandt, der von 1964 bis 1987 die SPD f√ľhrte, und August Bebel, der das Amt zwischen 1892 und 1913 aus√ľbte.


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Authored by: Torsten Berndt

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