Literat aus Langeweile

1982 w√ľrdigte Kolumbien Garc√≠a M√°rquez mit drei motivgleichen Sondermarken, MiNr. 1604-1606 (Abb. Schwaneberger Verlag).

1982 w√ľrdigte Kolumbien Garc√≠a M√°rquez mit drei motivgleichen Sondermarken, MiNr. 1604-1606. Zu sehen ist der Wert zu sieben Dollar (Abb. Schwaneberger Verlag).

Magische Elemente verbunden mit politischem Realismus ‚Äď vielleicht kann man die Trag√∂die Lateinamerikas am besten auf diese Weise verstehen. In den Augen vieler Millionen Menschen in Lateinamerika waren Gestalten wie Fidel Castro oder Hugo Ch√°vez auf der einen Seite, Augusto Pinochet und Jorge Videla auf der anderen, so erschreckend das aus europ√§ischer, erst recht aus deutscher Perspektive auch klingt, tats√§chlich Hoffnungstr√§ger. Dar√ľber mag urteilen, wer will, vielleicht auch Vergleiche zwischen den Interventionen der Vereinigten Staaten in Lateinamerika und der Politik eines gewissen Wladimir Putin ziehen. An der Trag√∂die selbst √§ndert dies nichts.
Gabriel Garc√≠a M√°rquez, der gestern in Mexiko Stadt verstarb, verstand sich als politischer Schriftsteller und pflegte unter anderem seine Freundschaft mit Castro. Unter aufgekl√§rten Zeitgenossen stie√ü er damit auf Unverst√§ndnis und verlor wegen seiner Weigerung, das totalit√§re kubanische Regime zu kritisieren, auch Freunde. Vielleicht spielt dabei auch eine Rolle, dass er gleich mit seiner zweiten Ver√∂ffentlichung in seiner kolumbianischen Heimat in Ungnade gefallen war. Im ‚ÄěBericht eines Schiffbr√ľchigen‚Äú findet sich zwar kein direkter Hinweis darauf, dass das geschilderte Ungl√ľck auf die √úberladung des Marineschiffes mit Schmugglerware zur√ľckzuf√ľhren war. Die Milit√§rjunta unter Gustavo Pinilla entdeckte aber gen√ľgend Andeutungen; Garc√≠a M√°rquez zog es vor, ins Ausland zu gehen.
Der Literatur hatte er sich aus Langeweile zugewandt. Geboren mutma√ülich am 6. M√§rz 1927, begann er nach dem Schulabschluss das von den Eltern gew√ľnschte Jurastudium. Die Paragraphen begeisterten ihn nur m√§√üig, die Werke Ernest Hemingways, James Joyces und Virginia Woolfs umso mehr. Zun√§chst ver√∂ffentlichte er in einer Tageszeitung, ehe er 1955 mit ‚ÄěLaubsturm‚Äú seinen ersten Roman vorlegte. Bereits in dieser Geschichte verkn√ľpfte er den Alltag mit magischen Elementen. Sie spielte in Macondo, jener fiktiven Kleinstadt, aus der Garc√≠a M√°rquez in ‚ÄěHundert Jahre Einsamkeit‚Äú die Geschichte Lateinamerikas am Beispiel der Generationen einer Familie erz√§hlt. Der Roman gilt als sein bedeutendstes Werk, obgleich der Autor immer wieder erkl√§rte, besseres geschrieben zu haben. Zweifellos ist ‚ÄěHundert Jahre Einsamkeit‚Äú seine erfolgreichste Ver√∂ffentlichung mit √úbersetzungen in rund 35 Sprachen und einer Gesamtauflage von etwa 30 Millionen Exemplaren.
Spiegelte ‚ÄěHundert Jahre Einsamkeit‚Äú die lateinamerikanische Geschichte noch allgemein, bezog Garc√≠a M√°rquez in ‚ÄěDas Abenteuer des Miguel Litt√≠n‚Äú eindeutig Position gegen die Diktatur Augusto Pinochets in Chile. Ebenso klar brachte er in ‚ÄěNachricht von einer Entf√ľhrung‚Äú die Herrschaft der Drogenkartelle in Kolumbien aufs Tapet. Ein St√ľck Familiengeschichte erz√§hlte er in ‚ÄěDer Oberst hat niemand, der ihm schreibt‚Äú: Sein Gro√üvater war Oberst und wartete wie der Held der Geschichte zeitlebens auf die Auszahlung der ihm zugesicherten Pension. In dem Roman verzichtete Garc√≠a M√°rquez auf alle magischen Elemente.
Diese durchziehen sein Werk, weshalb man neben seiner politischen √Ąu√üerungen durchaus auch seine Einstellung zu Religion und Glauben thematisieren sollte. Er selbst hat es nie deutlich getan, was angesichts der vielf√§ltigen Anspielungen auf die Bibel in seinem Werk erstaunen mag. Doch darf man diese ebenso wenig aus europ√§ischer Sicht betrachten wie sein politisches Engagement. Festhalten l√§sst sich zweifelsfrei, dass manches magische Element Entsprechungen im Katholizismus findet. H√ľten sollte man sich davor, ‚ÄěVon der Liebe und anderen D√§monen‚Äú als Kritik an der Kirche, auch der Amtskirche zu deuten. Realit√§t und Magie flie√üen ineinander, nicht nur in Garc√≠a M√°rquez Werk.
1982 sprach ihm die Stockholmer Akademie den Nobelpreis f√ľr Literatur zu. Das Nobelkomitee w√ľrdigte in seiner Erkl√§rung die Vereinigung des Phantastischen und Realistischen, die ‚ÄěLeben und Konflikt eines Kontinents‚Äú literarisch aufzeige. Die lateinamerikanische Trag√∂die hat viele Ursachen. Vielleicht lassen sie sich nur k√ľnstlerisch erkl√§ren und aufarbeiten.

Authored by: Torsten Berndt

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