Leberwurstttaktik

Helmut-Schoen-Briefmarke-2015Der geb√ľrtige Dresdner Helmut Sch√∂n, geboren heute vor 100 Jahren, gilt als der erfolgreichste Bundestrainer aller Zeiten. 1972 Europameister, 1974 Weltmeister. In 139 L√§nderspielen erzielte die Nationalelf unter seiner Regie 87 Siege, 31 Unentschieden und 21 Niederlagen. Die √Ąra Sch√∂n von 1964 bis 1978 gilt in gro√üen Teilen als ‚Äědie spielerisch hochwertigste, ereignisreichste und erfolgreichste Phase in der Geschichte der deutschen Nationalelf.‚Äú

Was aber war das Geheimnis seines Erfolges? War es vielleicht die Schieberm√ľtze, die er immer trug?

1974 war Helmut Sch√∂n bereits zehn Jahre im Amt des Bundestrainers, die Weltmeisterschaft stand im eigenen Land vor der T√ľr und die Nationalmannschaft hatte sich in dieser langen Zeit pr√§chtig entwickelt, weil sie sich immer wieder aufs Neue hatte bew√§hren m√ľssen. ¬†Erst die WM 1966 in England mit dem umstrittensten aller Tore der Fu√üballgeschichte, dem Wembley-Tor: Im englisch-deutschen Finale wurde dem Gastgeber beim Spielstand von 2:2 in der 101. Minute ein Treffer anerkannt, der eigentlich gar keiner war. England wurde Weltmeister, Deutschland reiste nur als moralischer Sieger nach Hause. Dann kam das fr√ľhe und unerwartete Scheitern in der Qualifikation zur EM 1968. Helmut Sch√∂ns Trainerqualit√§ten wurden nach diesem Fu√üball-Super-GAU √∂ffentlich infrage gestellt.

Ersttagssempel-Helmut-SchoenDie WM 1970 in Mexiko verlief dagegen vielversprechend, denn bereits die Gruppenspiele der Nationalelf ‚Äěwaren Demonstrationen hoher Spielkunst‚Äú. Das an Dramatik und permanentem Offensivspiel kaum zu √ľberbietende deutsch-italienische Halbfinale endete zwar mit einer 3:4 Niederlage, ging aber als Jahrhundertspiel in die Annalen ein.
Zur EM 1972 in Belgien waren dann endlich die ersehnten Fr√ľchte der jahrelangen Arbeit reif. Im Viertelfinale revanchierte sich Deutschland f√ľr das Wembley-Fiasko bei den Engl√§ndern mit 3:1. Im anschlie√üenden Halbfinale traf die Nationalmannschaft dann auf den Gastgeber, der zwar Heimvorteil hatte, aber gegen√ľber Deutschland die Rolle des Au√üenseiters f√ľr sich beanspruchte. Das Finale gegen die Sowjetunion war schlie√ülich nur noch Formsache, der Gegner blieb mit 0:3 chancenlos. Deutschland war Europameister!

Zwei Jahre vor der WM im eigenen Land konnte es gar nicht besser kommen. Doch die Gruppenphase verlief 1974 alles andere als reibungslos. Im Spiel gegen die DDR unterlag Deutschland mit 0:1. ‚ÄěAls Dresdner empfand Sch√∂n das Spiel als pers√∂nliche Beleidigung‚Äú erkl√§rt Bernd H√∂lzenbein. ‚ÄěEr nahm es der Mannschaft √ľbel, dass sie verloren hatte¬†‚Äď und sprach am n√§chsten Tag kein Wort mit uns. Dass er uns seine tiefe Entt√§uschung auf diese Weise sp√ľren lie√ü, anstatt uns eine Standpauke zu halten […], war f√ľr alle h√∂chst bedr√ľckend. Das war ihm eigen. Helmut Sch√∂n motivierte nicht durch laute Ansprachen, er motivierte, indem er beleidigt war.‚Äú Aber die Taktik ging auf, Deutschland gewann das Finale gegen die Niederlande mit 2:1 und war nach 1954 zum zweiten Mal Weltmeister!


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Authored by: Anatol Kraus

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