Klassische Philatelie: Der Danziger Postkrieg

Klassische Philatelie: Der Danziger Postkrieg

Das Konstrukt der Freien Stadt Danzig schien von Anfang an zum Scheitern verurteilt. In dem BemĂŒhen, Interessenskonflikte zwischen Deutschen und Polen durch Kompromisse zu regeln, erschufen die Alliierten ein Flickwerk an ZustĂ€ndigkeiten, das zu entwirren selbst engen Freunden schwergefallen wĂ€re. Doch von Freundschaft konnte keine Rede sein. Auf beiden Seiten kochten nationalistische GefĂŒhle hoch, und keine Seite ließ sich die Chance entgehen, den Gegner in die Schranken zu weisen oder zu demĂŒtigen. Ein Konfliktpunkt war der Postdienst in der Stadt und im Hafen.

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Zwei Freimarken der ersten Aufdruck-Ausgabe „Port GdaƄsk“ vom 5. Januar 1925 auf Basis der polnischen Freimarken Nr. 201 und 205 (MiNr. 1, 5, Abb.: Michel).

KonflikttrÀchtige Kompromisse

GrundsĂ€tzlich lag die Postverwaltung Danzigs im eigenen ZustĂ€ndigkeitsbereich. Wegen der wichtigen Rolle Danzigs fĂŒr den polnischen Außenhandel war Polen jedoch nicht nur die uneingeschrĂ€nkte Nutzung des Hafens und Mitbestimmung in der Hafenverwaltung garantiert worden. GemĂ€ĂŸ Artikel 29 der Pariser Konvention von 1920 durfte Polen darĂŒber hinaus im Hafen einen eigenen Postdienst betreiben. Damit sollte der unabhĂ€ngige Nachrichtenverkehr mit dem polnischen Umland gewĂ€hrleistet werden. Was auf dem Papier gut und vernĂŒnftig schien, schĂŒrte jedoch in der Praxis einen anhaltenden Konflikt, denn der Hohe Kommissar hatte die exakten Grenzen der ZustĂ€ndigkeiten nicht klar umrissen.

Eine Frage der Auslegung

Auf eine Anfrage bezĂŒglich der korrekten Auslegung der Pariser Konvention antwortete der Völkerbund schwammig: Danzig habe Polen mit allen Mitteln zu versehen, um einen Post-, Telegraphen und Fernsprechdienst in der NĂ€he des Danziger Hafens einzurichten. Polen habe das Recht, von der Danziger Regierung zu angemessenen Bedingungen und ĂŒberall im Gebiet der Freien Stadt die notwendigen GelĂ€nde oder GebĂ€ude zur Einrichtung dieses Dienstes und zu seiner zweckmĂ€ĂŸigen und bequemen Weiterleitung durch das Danziger Gebiet hindurch zu kaufen oder zu verkaufen. Der Postverkehr mĂŒsse zwischen Danzig und Polen vor sich gehen.

FĂŒr Polen war die Sache klar: Die polnische Post durfte im gesamten Danziger Stadtgebiet PostĂ€mter eröffnen. Die Danziger fĂŒhlten sich dĂŒpiert, waren sie doch davon ausgegangen, dass es nur ein einziges polnisches Postamt im Hafen geben wĂŒrde.

Der Briefkastenstreit

In der Nacht zum 5. Januar 1925 schufen die Polen vollendete Tatsachen. An zehn polnischen Banken und BĂŒrogebĂ€uden im Stadtgebiet prangten am Morgen BriefkĂ€sten in den polnischen Nationalfarben. Nur mit MĂŒhe konnte der SenatsprĂ€sident die Danziger BĂŒrger davon abhalten, die KĂ€sten abzureißen. Er suchte die Schlichtung durch den Hohen Kommissar. Doch wĂ€hrend er noch auf einen Termin wartete, schlugen die deutschen Nationalisten zurĂŒck. Mit schwarzer Farbe verwandelten sie die polnischen BriefkĂ€sten in kaiserliche. Warschau tobte und drohte mit dem Einmarsch. Der Kommissar ordnete dennoch die Entfernung der BriefkĂ€sten an, worauf Polen die Angelegenheit im MĂ€rz 1925 vor den Völker­bund­rat brachte. Dieser leitete die Sache an den Internationalen Gerichtshof in Den Haag weiter, der wiederum polnische BriefkĂ€sten „in HafennĂ€he“ gestattete und diese rĂ€umliche Zuschreibung auf fast die komplette Danziger Innenstadt ausweitete.

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Diese drei Freimarken vom 12. April 1926 mit halbfettem Aufdruck wurden wenig spĂ€ter noch einmal mit fettem Aufdruck aufgelegt (MiNr. 12–14, Abb.: Auktionshaus Gert MĂŒller).

Eigene Postwertzeichen

FĂŒr Philatelisten noch viel wichtiger aber ist die Tatsache, dass ab dem 5. Januar 1925 die polnische Post in Danzig eigene Postwertzeichen verwendete. In der Regel waren das regulĂ€re Freimarken mit dem Aufdruck „Port GdaƄsk“. Obwohl sie strenggenommen nur fĂŒr den Versand nach Polen gĂŒltig waren, sind jedoch Briefe erhalten, die direkt bis nach Deutschland oder andere europĂ€ische Ziele transportiert worden sind. Der polnische Postdienst endete am 1. September 1939 mit dem Einmarsch der Deutschen.

Authored by: Jan Sperhake

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