Von Jodeldiplomen und Quietscheentchen

Loriot Briefmarke von 2011

„Ja, wo laufen sie denn, wo laufen sie denn hin?“ © Loriot / Hans-GĂŒnther Schmitz

Mit seinen Beobachtungen und karikierenden Darstellungen des Alltags wurde Loriot, Zeichner, Autor, Regisseur von Sketchen und Filmen, in denen er auch als Darsteller zu sehen und als Sprecher zu hören war, in Deutschland seit den 1960er-Jahren zu einem der beliebtesten Humoristen. Sein Geburtstag jĂ€hrt sich am 12. November zum 90. Mal. Bernhard-Victor Christoph Carl von BĂŒlow, „Vicco“ gerufen, kam in Brandenburg an der Havel zur Welt. Als 18-jĂ€hriger war er 1941 Soldat im Zweiten Weltkrieg. Er kam aus Russland zurĂŒck und studierte Malerei und Grafik in Hamburg. In den 1950er-Jahren zeichnete von BĂŒlow Karikaturen, u.a. fĂŒr den „Stern“. Der KĂŒnstlername, den er sich dabei gab, war die französische Übersetzung fĂŒr „Pirol“, das Wappentier der adeligen Familie von BĂŒlow.

Loriot wechselte das Medium: Zwischen 1967 und 1972 wurde die Serie „Cartoon“ im Fernsehen ausgestrahlt. Die ĂŒberaus bekannten Sketche Loriots, z.B. „Weihnachten bei Hoppenstedts“ oder „Der Lottogewinner“, stammten dann aus der nach ihrem Urheber benannten Reihe von 1976. Figuren wie Erwin Lotteman wurden berĂŒhmt, Begriffe wie „Jodeldiplom“ zu geflĂŒgelten Worten. Szenerien und Plots von Sketchen wie „Die Nudel“, ja ganze Dialoge – z.B. das sich unter anderem um eine unentbehrliche Quietscheente drehende BadewannengesprĂ€ch der knollennasigen Herren MĂŒller-LĂŒdenscheidt und Dr. Klöbner – avancierten zu zitierbarem und referenztauglichem Material bundesrepublikanischer Konversation.

Loriots "Herren im Bad" auf deutscher Briefmarke von 2011

„Die Ente bleibt draußen!“ © Loriot / Hans-GĂŒnther Schmitz

Den ersten Kinofilm Loriots gab es 1988. Auf „Ödipussi“ folgte 1991 „Pappa ante Portas“. Auch beide kommerziell erfolgreichen Filme behandeln, was Loriot als sein Lieblingsthema bezeichnete: Nicht „funktionierende“ Kommunikation, Leute, die aneinander vorbei reden. Und Leute, die sich in Handlungs- und Denkmustern aufhalten und bewegen, deren routinierte Rollenhaftigkeit erkennbar wird, wenn etwas dazwischen kommt. Oder sie auf etwas allzu Unbekanntes stoßen und ein zutiefst erstauntes „Ach..“ Ă€ußern. Wenn sie empört aus der Rolle fallen und an den Rollen scheitern, die sie so angestrengt zu spielen und zu wahren versuchen. Die eindimensionalen und beschrĂ€nkten Strategien, Masken und Manierismen des Alltags werden natĂŒrlich auch sichtbar, wenn man – so wie die Kunst Loriots – genauer hinschaut.

Man muss schon sehr genau hinhören. © Loriot / Hans-GĂŒnther Schmitz

„Ödipussi“ erzĂ€hlt die unbeholfene AnnĂ€herung eines ödipal schwer beeintrĂ€chtigten MöbelverkĂ€ufers – von seiner ĂŒbermĂ€chtigen Mutter auch im fortgeschrittenen Alter „Pussi“ gerufen – und einer ebenfalls alleinstehenden Psychologin, die fortwĂ€hrend der kleinbĂŒrgerlichen wie kleingeistigen Wahrnehmung ihrer Mutter begegnen muss, dass sie ihre Zeit mit „Bekloppten“ verbringe.

Im zweitem Film Loriots fĂ€llt ein in hoher Position ergrauter Kaufmann in den – seinerseits zumindest – unerwarteten Ruhestand. Und dabei in einen ihm unbekannten außerberuflichen Alltag. Den ersten privaten Einkauf seit langer Zeit beginnt er mit: „Mein Name ist Lohse, ich kaufe hier ein
“. Der durch das neue Ausmaß seiner tĂ€glichen hĂ€uslichen PrĂ€senz ebenso irritierten Ehefrau fĂ€llt er schlichtweg vor die FĂŒĂŸe. Jahrelang meinte sie, zu wenig gemeinsame Zeit mit Heinrich zu verbringen. Jetzt ist der immer noch knabenhafte Heinrich da und möchte – in einem ungelenk abgewickelten ScheingesprĂ€ch – gerne seinen fast volljĂ€hrigen Sohn aufklĂ€ren. Neben Loriot selbst spielte Evelyn Hamann in beiden Filmen die Hauptrollen. Die Schauspielerin hatte bereits in den Sketchen der 70er-Jahre mitgearbeitet.

Loriot auf deutscher Briefmarke von 2011

Unerreicht: Das FrĂŒhstĂŒcksei. © Loriot / Hans-GĂŒnther Schmitz

Diese Sketche kĂŒndigte Loriot gut gekleidet, mit immersilbernem Haar, gewĂ€hlten Worten und gepflegter Aussprache an. In AutoritĂ€t suggerierender bildungsbĂŒrgerlicher oder gar aristokratischer Erscheinung. Der Erfinder der ungleich rundlicheren Zeichentrickfigur „Wum“ befand sich dabei auf dem berĂŒhmten grĂŒnen Sofa, sonst aber, meinte Loriot, mĂŒssten „Fernsehmacher zwischen allen StĂŒhlen“ sitzen. Der sich dabei bewusst kaum politisch positionierende Komiker sagte, er wolle seinen satirischen Blick weniger auf Politiker oder andere FunktionĂ€re der Macht richten, als auf jene, die in einer Demokratie ĂŒber diese verfĂŒgen sollten: Die BĂŒrger, die Leute selbst. Diese fanden Loriots auf Selbstironie angelegte Arbeiten unterhaltsam. Oft wird gesagt, Loriots mit mild-schwachem LĂ€cheln begleitete, wenig boshafte Art der Karikatur habe seinem Publikum dabei geholfen, einen Blick auf das eigene prĂ€tentiöse Gebaren, die Unsicherheit jenseits der absegnenden Konventionen und die verzweifelte Suche nach eben diesen zu werfen. Vielleicht hat er ihm dies – wenn es anders eben nicht ging – „erlaubt“. Und hat dabei von mehr gehandelt als von Jodeldiplomen und Quietscheentchen.
Seit den 60er-Jahren lebte von BĂŒlow, der mit seiner Ehefrau „Romi“ zwei Töchter hatte, am Starnberger See. Dort starb er am 22. August 2011 im Alter von 88 Jahren.


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Authored by: Marius Prill

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