Genialer Autodidakt

Historische Ansichtskarte mit einem Foto des Deutsche Museums.

Historische Ansichtskarte mit einem Foto des Deutsche Museums.

Oskar Franz Xaver von Miller ist heutzutage allgemein als Gr√ľnder des Deutschen Museums bekannt. An seine weiteren Leistungen erinnert sich vor allem die Fachwelt. Doch l√§sst sich an seinem Beispiel gut aufzeigen, wie schnell epochale Entscheidungen selbst unter Experten dem Vergessen anheimfallen k√∂nnen.
√úber die zu Beginn des 20. Jahrhunderts s√ľdlich von Berlin vorgenommenen Schnellfahrversuche ‚Äď damals fuhren Elektrotriebwagen erstmals mehr als 200 Kilometer in der Stunde ‚Äď wei√ü jeder Eisenbahn-Historiker und fast jeder Eisenbahn-Techniker Bescheid, von Eisenbahnfreunden ganz zu schweigen. Dagegen muss man immer wieder in Erinnerung rufen, wo die erste elektrische Vollbahn Deutschlands verkehrte: ab 1895 zwischen Meckenbeuren und Tettnang. Im deutschen Eisenbahnnetz war die Lokalbahn nat√ľrlich ebenso wenig bedeutend wie die erste deutsche Dampfbahnstrecke N√ľrnberg ‚Äď F√ľrth. Dennoch sollte nicht aus dem Ged√§chtnis verschwinden, dass die erste elektrische Bahn in Oberschwaben fuhr. Vielleicht l√§sst es sich auf Millers Abneigung gegen Theorien zur√ľckf√ľhren, dass viele seiner Leistungen in Vergessenheit geraten sind. Friedrich Harkort, der im Ruhrgebiet Pferdebahnen gebaut hat, ist als Eisenbahnpionier auch weniger bekannt als Friedrich List, der nur √ľber das Thema geschrieben hat.

Zum 100. Jahrestag der Er√∂ffnung des provisorischen Museumsgeb√§udes w√ľrdigte Deutschland auch Oskar von Miller philatelistisch, MiNr. 2332, entworfen von Ernst J√ľnger.

Zum 100. Jahrestag der Er√∂ffnung des provisorischen Museumsgeb√§udes w√ľrdigte Deutschland auch Oskar von Miller philatelistisch, MiNr. 2332, entworfen von Ernst J√ľnger.

Am 7. Mai 1855 geboren, absolvierte Miller nach der Schule das Studium des Bauingenieurwesens an der Technischen Hochschule M√ľnchen. Mit seiner Begeisterung f√ľr die Technik folgte er gewisserma√üen seinem Vater, Ferdinand Miller (18. Oktober 1813 bis 11. Februar 1887, nobilitiert 1851), der Erster Inspektor der K√∂niglichen Erzgie√üerei in M√ľnchen war und diese 1873 vom bayerischen Fiskus √ľbernahm. Ab 1878 arbeitete Oskar von Miller im Staatsdienst und setzte 1881 durch, als bayerischer Kommission√§r die Pariser Elektrizit√§tsausstellung besuchen zu d√ľrfen, obwohl er in dem Sektor keinerlei Qualifikationen vorweisen konnte. In der Elektrizit√§tswirtschaft sah er seine Zukunft, musste allerdings erkennen, dass der bayerische Staat der neuen Technik eher abwartend gegen√ľberstand. Nach der R√ľckkehr aus Paris lie√ü er sich formal beurlauben, um die erste elektrotechnische Ausstellung in Deutschland zu organisieren, die 1882 in M√ľnchen stattfand. Dabei machte er erstmals als begnadeter Techniker auf sich aufmerksam, indem er die theoretisch von Marcel Deprez (12. Dezember 1843 bis 13. Oktober 1918) konzipierte Gleichstrom-Fern√ľbertragung gemeinsam mit diesem in die Praxis umsetzte. Im Bergwerk von Miesbach, 57 Kilometer s√ľdlich M√ľnchens gelegen, arbeitete eine Dampfmaschine, die f√ľr das Experiment eine Dynamomaschine antrieb. √úber eine zweipolige Telegrafenleitung wurde der Strom √ľbertragen, der in M√ľnchen eine Pumpe f√ľr einen k√ľnstlichen Wasserfall versorgte. W√§hrend der Ausstellung traten zwar zahlreiche technische St√∂rungen auf, sodass insgesamt f√ľr nur kurze Zeit tats√§chlich Strom von Miesbach nach M√ľnchen floss. Auch waren die Verluste gewaltig ‚Äď von den 1,47 Kilowatt Leistung der Miesbacher Dynamomaschine gingen drei Viertel verloren. Der Beweis, dass sich Gleichstrom √ľber l√§ngere Distanzen transportieren l√§sst, war aber erbracht.

Etwas eigenwillig gestaltete Victor Huster die 10-Euro-Silberm√ľnze zum Museums-Jubil√§um, MiNr. 128.

Etwas eigenwillig gestaltete Victor Huster die 10-EuroSilberm√ľnze zum Museums-Jubil√§um, MiNr. 128.

Seinerzeit erzeugte man Strom in unmittelbarer N√§he des Verbrauchers. Dies zog nat√ľrlich insbesondere beim Einsatz von Dampfmaschinen in den Innenst√§dten Probleme nach sich, die man mit einer Zentralisierung der Stromversorgung umgehen konnte. Unmittelbar nach der Ausstellung konzipierte Miller im Auftrag eines Konsortiums unter Leitung von Wilhelm Peter Finck (6. Februar 1848 bis 8. April 1924, nobilitiert 1905) ein Wasserkraftwerk an der Isar zwischen Maximilians- und Prinzregentenbr√ľcke. Seine Hoffnung auf eine dauerhafte Besch√§ftigung als Elektrotechniker im bayerischen Staatsdienst zerschlug sich derweil.
Daher unterschrieb Miller am 2. Dezember 1883 einen Arbeitsvertrag als Direktor der von Emil Rathenau (11. Dezember 1838 bis 20. Juni 1915) gegr√ľndeten Deutschen Edison-Gesellschaft, aus der die Allgemeine Electricit√§ts-Gesellschaft, die AEG hervorgehen sollte. Vornehmlich besch√§ftigte sich Miller in seinen Berliner Jahren mit der Beleuchtung von Theatern und anderen √∂ffentlichen Versammlungsr√§umen sowie mit dem Bau von ‚ÄěZentralstationen‚Äú, wie man kleine Kraftwerke nannte, die mehrere Abnehmer versorgten. Um nach und nach eine fl√§chendeckende Stromversorgung zu erm√∂glichen, hatte vermutlich Rathenau das Konzept entwickelt, Kraftwerke von privaten Unternehmen bauen zu lassen. Bei rentablem Betrieb wollten die Investoren die Anlagen an die Stadt verkaufen, um das Geld in neue Kraftwerke zu stecken. Das Grundkonzept entsprach dem sp√§ter auch von Miller erfolgreich gegangenen Weg, die Nutzung von Strom f√ľr breite Schichten erschwinglich zu machen. Doch dauerte es geraume Zeit, bis die Maschinen einwandfrei arbeiteten, Zeit, in der die Kapitalgeber nicht selten nerv√∂s wurden. Dass Miller ab und an √ľber das Ziel hinausschoss, beispielsweise bereits 1886, als es in Deutschland so gut wie keine Privathaushalte mit Stromanschluss gab, in einer Musterausstellung elektrische Haushaltsger√§te vorf√ľhren lie√ü, st√§rkte die Position des genialen Autodidakten nicht unbedingt. Weitsicht bewies er mit dem Konzept, Motoren und andere Maschinen elektrisch zu betreiben. Doch auch dieser nicht nur von Miller verfochtene Gedanke musste sich erst durchsetzen ‚Äď seinerzeit diente der Strom vor allem Beleuchtungszwecken. Zum 31. Dezember 1889 schied Miller bei der AEG aus. In M√ľnchen gr√ľndete er daraufhin sein eigenes Ingenieurb√ľro.
Damit ging er ein gro√ües Risiko ein, gab es doch damals nur wenige Hersteller elektrotechnischer Anlagen, die gew√∂hnlich die Planung selbst ausf√ľhrten. √Ėffentliche Auftraggeber vergaben Gutachten √ľblicherweise nicht an Privatb√ľros, sondern an Hochschullehrer. Miller musste sich also, kapitalseitig von seinem Bruder Fritz unterst√ľtzt, am Markt mit einer neuartigen Idee durchsetzen. Dank seines herausragenden Rufs und guter Kontakte gelang es ihm schnell, die ersten Auftr√§ge einzuwerben. Dennoch war der Anfang schwer, und viele hoffnungsvoll begonnene Projekte scheiterten bereits in der Verhandlungsphase. Zum Durchbruch trug sicher die Berufung zum Organisationsleiter der Internationalen Elektrotechnischen Ausstellung bei, die 1891 in Frankfurt am Main stattfand. Erneut machte er mit einer technischen Pionierleistung auf sich aufmerksam. Erstmals weltweit gelang die √úbertragung von Dreiphasen-Wechselstrom, auch ‚ÄěDrehstrom‚Äú genannt, √ľber eine lange Distanz. Das Wasserkraftwerk, das den Strom erzeugte, befand sich in Lauffen am Neckar, etwa 176 Kilometer weit entfernt. Die √úbertragung erfolgte anfangs mit einer Spannung von 15, sp√§ter mit 25 Kilovolt. Dank ausreichender Dimensionierung der drei Leitungen, die jeweils vier Millimeter Durchmesser aufwiesen, erfolgte die Strom√ľbertragung fehlerfrei. Der Verlust lag bei gerade einmal 25 Prozent bei Betrieb mit 15 und vier Prozent bei Betrieb mit 25 Kilovolt Spannung. Die Stromleitung folgte weitgehend Bahnstrecken, zun√§chst der Frankenbahn bis Jagstfeld, dann der Neckertalbahn bis Eberbach, der Odenwaldbahn bis Hanau und schlie√ülich der Frankfurt-Hanauer Eisenbahn.

Ein Sonderstempel erinnerte 2002 an die elektrische Lokalbahn Meckenbeuren ‚Äď Tettnang.

Ein Sonderstempel erinnerte 2002 an die elektrische Lokalbahn Meckenbeuren ‚Äď Tettnang.

Parallel zu den Arbeiten f√ľr die Tettnanger Lokalbahn trieb Miller weitere Vorhaben voran. Unter anderem ersteigerte er 1895 das Hammerwerk in Ettmannsdorf, heute ein Stadtteil Schwandorfs. Miller baute es in ein Elektrizit√§tswerk um. Vor allem aber widmete er sich dem Projekt eines technischen und naturwissenschaftlichen Museums, in dem man die Objekte nicht nur bestaunen, sondern selbst Versuche durchf√ľhren konnte. Dieses Prinzip hat sich heute in Museen dieser Art weitgehend durchgesetzt. Ebenso richtungsweisend war Millers Konzept, dass Museum m√∂glichst mit privaten Mitteln aufzubauen. Zwar gewann er den Prinzregenten Luitpold als Schirmherrn, sodass er auf staatliche Unterst√ľtzung setzen konnte. Den Gro√üteil der Baukosten steuerten aber private M√§zene bei. Die Ausstellungsobjekte stammten ebenso zu einem √ľberwiegenden Teil aus Privathand. Ein Musterbeispiel f√ľr b√ľrgerliches Engagement. 1903 er√∂ffnete das Deutsche Museum in provisorischen R√§umen seine Pforten. Drei Jahre sp√§ter legte Kaiser Wilhelm II. den Grundstein f√ľr den heutigen Bau auf der Isarinsel. Dessen Er√∂ffnung, 1925, konnte Miller noch miterleben. Dem Museum geh√∂rte zwar seine gro√üe Liebe, doch lie√ü er seinetwegen keineswegs von anderen Projekten ab.
Im Mittelpunkt seiner Gedanken stand die fl√§chendeckende Versorgung mit Strom. Gerade in Bayern sah er gro√üe M√∂glichkeiten f√ľr Wasserkraftwerke. Einen ersten Vorschlag hatte er dem Staatsministerium des Innern bereits 1883 vorgelegt und vergeblich die Gr√ľndung einer Abteilung f√ľr Wasserkraftausn√ľtzung und Elektrizit√§tsversorgung angeregt. Doch auch um die Jahrhundertwende blieb vieles St√ľckwerk, zumal nicht selten lokale Interessen hineinspielten. Miller konzipierte unter anderem das 1892 in Betrieb genommene Wasserkraftwerk bei Sch√∂ngeising, das F√ľrstenfeldbruck bei M√ľnchen mit Strom versorgte, und leitete den Ausbau des Wasserkraftwerks H√∂llriegelskreuth bei M√ľnchen. Seine Arbeiten m√ľndeten schlie√ülich in den Bau des Walchenseeekraftwerkes, des seinerzeit gr√∂√üten Pumpspeicherkraftwerkes der Welt. Die Entscheidung daf√ľr fiel noch zu Zeiten der Monarchie. Der Revolutionsregierung unter Kurt Eisner geh√∂rte dann in Erhard Auer (22. Dezember 1874 bis 20. M√§rz 1945) ein Experte f√ľr Energiefragen als Innenminister an. Dem Innenministerium unterstand Miller als am 20. Dezember 1918 berufener Staatskommissar f√ľr das Walchenseewerk und das Bayernwerk. Zwei Jahre vor der Er√∂ffnung des Walchenseekraftwerkes, 1924, trat Miller allerdings von seinem Amt zur√ľck, nachdem die Regierung den Ausbau der Mittleren Isar an ein Privatunternehmen vergeben hatte, das nicht mit dem Bayernwerk zusammenarbeiten musste. Das verstie√ü eindeutig gegen sein Konzept, einen Verbund aller Wasserkraftwerke zu schaffen. Nichtsdestoweniger wurde das von Miller konzipierte bayerische Netz zum Muster f√ľr sp√§ter verwirklichte Projekte. Es √ľberdauerte die Zeiten ebenso wie das von Miller initiierte, 1926 gegr√ľndete Forschungs-Institut f√ľr Wasserbau und Wasserkraft, heute ein Teil der Technischen Universit√§t M√ľnchen. Wenige Wochen vor Vollendung des 79. Lebensjahres erlag Oskar von Miller am 9. April 1934 den Folgen eines Herzinfarktes.

Der Artikel entspricht weitgehend einem Exkurs in der Festschrift zum 50. Gr√ľndungstag der Sammlergemeinschaft der Briefmarkenfreunde Meckenbeuren, ‚ÄěAufw√§rts nach Tettnang‚Äú. Das Buch ist im DBZ-Kunden-Service-Center erh√§ltlich, Tel. 05 51 / 90 15 20.


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Authored by: Torsten Berndt

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