Besuch auf Guernsey

Besuch auf Guernsey

Politisch untersteht Guernsey seit Jahrhunderten der britischen Krone. Geografisch liegt Frankreich n√§her. Historisch gelangte Guernsey, ein Teil des normannischen Herzogtums, zur britischen Krone, als Wilhelm der Eroberer 1066 den √Ąrmelkanal √ľberquerte und zum K√∂nig von England aufstieg. Die festl√§ndischen Gebiete der Normandie musste England zwar sp√§ter an Frankreich abtreten, die Kanalinseln rund um Guernsey und Jersey blieben aber in Besitz Londons. Die britischen Monarchen f√ľhren bis heute den Titel Herzog beziehungsweise Herzogin der Normandie.
Mit ihrem politischen Status k√∂nnten die Kanalinseln einen Weg f√ľr den britischen Austritt aus der Europ√§ischen Union weisen. Sie sind schon jetzt kein Mitglied des Staatenbundes, geh√∂ren aber der Europ√§ischen Zollunion an, was den Handel nat√ľrlich deutlich erleichtert. Die Vorteile des Binnenmarktes genie√üen die Kanalinseln dagegen nicht.

Prominenter Exilant

Kulturell blieben sie Frankreich eng verbunden. Offiziell √§u√üert sich dies in Franz√∂sisch als zweiter regul√§rer Amtssprache neben Englisch. Im Atlas lesen wir Bezeichnungen wie Saint Pierre du Bois, Saint Saviour, Brecqhou und Casquets, die klar gallischen Ursprungs sind. Die engen Beziehungen zum Festland bescherten Guernsey in der Mitte des 19. Jahrhunderts einen prominenten Exilanten.¬†Wegen seines Widerstandes gegen den Staatsstreich Napol√©on Bonapartes, 1851, musste der √§u√üerst erfolgreiche und weiten Kreisen Frankreichs bekannte Schriftsteller Victor Hugo (26. Februar 1802 bis 22. Mai 1885) nach einer kurzen Inhaftierung Frankreich verlassen. Er entschied sich f√ľr die Kanalinseln und ging zun√§chst nach Jersey, um sich dann auf Guernsey niederzulassen. Politisch engagierte sich Hugo weiterhin f√ľr die Republik; 1846 war der einstige Monarchist in das liberale Lager gewechselt. In seinen Schriften verspottete Hugo den Herrscher, der sich 1852 zum Kaiser ausrufen lie√ü, als ‚ÄěNapo¬≠l√©on le Petit‚Äú ‚Äď ‚ÄěNapol√©on der Kleine‚Äú. Daneben legte er zahlreiche Gedichte vor, teilweise zu politischen und gesellschaftskritischen Themen. Auf Guernsey schrieb er zudem sein Meisterwerk ‚ÄěLes Mis√©rables‚Äú ‚Äď ‚ÄěDie Elenden‚Äú.

Ein Franzose schrieb den Guernsey-Roman

Mit der zum Teil drastischen Schilderung des Elends der Pariser Arbeiter ging er in die Annalen der Weltliteratur ein. Seine Kritik an den sozialen Verh√§ltnissen im fr√ľhen Industriezeitalter verkn√ľpfte er geschickt mit einer abenteuerlichen Geschichte um den geflohenen Bagno-H√§ftling Jean Valjean; das Bagno kann man mit dem deutschen Zuchthaus vergleichen. Hugo fesselt die Leser an die Handlung, denn stets droht Valjeans Identit√§t enttarnt zu werden. Den Schwerpunkt des Romans bildet indessen die pr√§zise Darstellung der Lebensverh√§ltnisse der Arbeiter.
F√ľr Guernsey bedeutender ist Hugos zweiter gro√üer Roman, den er im Exil verfasste. ‚ÄěLes travailleurs de la mer‚Äú ‚Äď ‚ÄěDie Arbeiter des Meeres‚Äú ‚Äď schildert das harte Handwerk der K√ľstenfischer und spielt auf der Insel. Dieses Mal w√§hlte er eine Kriminalgeschichte. Der Schiffsf√ľhrer Sieur Clubin versucht, das Verm√∂gen des Reeders Mess Lethierry zu unterschlagen. Der Fischer Gilliatts ‚Äď sein Name, Vor- und Zuname zugleich, bedeutet ‚ÄěSchlaukopf‚Äú ‚Äď rettet aber die wertvolle Dampfmaschine des Schiffes. Wiederum folgen die Leser einer spannenden Geschichte, doch steht im eigentlichen Mittelpunkt die elende Plackerei der Fischer.

Kein Zweifel, ‚ÄěDie Arbeiter des Meeres‚Äú ist der Guernsey-Roman der Weltliteratur. Dass ihn ein Franzose vorlegte, symbolisiert Guernseys Stellung zwischen Gro√übritannien und Frankreich.

Text Titelbild:¬†Ein Portr√§t Hugos, der Titel des Romans ‚ÄěDie Elenden‚Äú und vier Figuren daraus zierten einen Satz, der zum 200. Geburtstag des Schriftstellers erschien, MiNr. 920.

Authored by: Torsten Berndt

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