Vier Linien, drei Perioden

Schweden Briefmarke Ballett Romeo und Julia

Czes?aw S?ania bezeichnete die Ballettstudie aus „Romeo und Julia“ als seine Lieblingsmarke.

Ein BĂŒrgerschreck in CD-Reihen wie „Klassik fĂŒr Kinder“ – das geht natĂŒrlich nur, wenn besagter BĂŒrgerschreck im Laufe der Zeit manchen Wandel durchlebte. Vielleicht hilft dabei auch, dass der ganz große Skandal ebenso ausgeblieben war wie die direkte Bedrohung duch die staatlichen Machthaber. Ein Tumult, wie ihn Igor Fjodorowitsch Strawinsky bei der UrauffĂŒhrung des Balletts „La sacre du printemps“ erlebte, steht ebenso wenig in den Annalen wie unverhohlene Deportations- und damit Morddrohungen Stalins, die Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch erleiden musste. In den ersten Jahren seines musikalischen Schaffens stand der Schöpfer des Balletts „Romeo und Julia“ allerdings des Öfteren im Fokus der Kritik.
In seiner so genannten „russischen Periode“ legte Sergej Sergejewitsch Prokofjew, geboren am 11. (julianischer Kalender)/ 23. April 1891 (gregorianischer Kalender) verschiedene Werke vor, die in den Ohren des damaligen Publikums ĂŒberaus dissonant klangen, zudem eine vielfach nicht sofort durchschaubare Rhythmik aufwiesen. Prokofjew selbst sprach von seiner „modernen“ und „motorischen Linie“, in denen er die Grenzen der TonalitĂ€t auszureizen versuchte. Die „Skythische Suite“ aus dem Ballett „Ala und Lolli“, aufgefĂŒhrt 1915, erregte denn auch Missfallen, doch stieß Prokofjew nie auf die Ablehnung, die Zeitgenossen widerfuhr.
Diese komponierten allerdings oftmals erheblich atonaler. Zudem pflegte Prokofjew zwei weitere Linien, die er „klassisch“ und „lyrisch“ nannte. Sie sind gekennzeichnet durch die Betonung traditioneller Formen und mit großer Bedacht auskomponierter Melodien. In zahlreichen Werken finden sich auch diese Linien, was wohl bis heute Teilen des Publikums wieder zur Entspannung verhilft. Da Prokofjew – ausgebildet vor allem von Nikolai Andrejewitsch Rimski-Korsakow und Anatoli Konstantinowitsch Ljadow – ein exzellenter Pianist und Dirigent war, wusste er die Reaktionen der Besucher einzuschĂ€tzen. Anders als Strawinsky spielte er nicht mit seinem Publikum.
Bemerkenswerterweise erlebte Prokofjews Musik nach der Emigration einen ModernitĂ€tsschub. 1918 war der Tonsetzer in die Vereinigten Staaten ausgewandert, da er nach Lenins Putsch keine Zukunft in der Heimat sah. In den USA konnte er sich aber nicht durchsetzen, sodass er bereits 1920 nach Europa zurĂŒckkehrte und die Folgejahre ĂŒberwiegend in Paris verbrachte. Die in der Zeit entstandenen Werke spiegelten vielfach die innere Zerrissenheit Prokofjews, der nie einen Hehl daraus machte, in die Heimat zurĂŒckkehren zu wollen. Musikwissenschaftler sprechen daher von Prokofjews „Auslandsperiode“, geprĂ€gt durch heftige AusbrĂŒche, atonale Akkorde und ungewöhnliche Klangkombinationen.
1927 durfte er wieder Konzertreisen als Pianist und Dirigent in die Sowjetunion unternehmen. Zeitweise lebte er wechselweise in Paris und Moskau, ehe er 1936 endgĂŒltig in die russische Hauptstadt ĂŒbersiedelte. Einher ging dies mit der stĂ€rkeren Hinwendung zur „klassischen“ und „lyrischen Linie.“ In die Zeit fiel die Komposition des Werkes, das auch ansonsten der klassischen Musik Fernstehenden bekannt ist: das sinfonische MĂ€rchen „Peter und der Wolf“, uraufgefĂŒhrt 1936, inzwischen hundertfach in unzĂ€hligen Sprachen eingespielt.
Bis in den Zweiten Weltkrieg hinein dokumentierte die Tonsprache die Zufriedenheit Prokofjews mit dem Leben. FĂŒr viele Werke nahm er Anleihen bei der russischen Volkskunst. Durchschaubare Strukturen, Harmonik und eine vorsichtige Hinwendung zur Polyphonie kennzeichneten die ĂŒberaus fruchtbare „sowjetische Periode“. Mit der Musik zu Sergej Michailowitsch Eisensteins Film „Aleksandr Newskij“ legte er ein Referenzwerk dieses Genres vor, das bis heute vielfach kopiert, zitiert und analysiert wurde. Verfolgungen durch die Machthaber brauchte er nicht zu fĂŒrchten, bis er sich im Zweiten Weltkrieg und danach wieder seiner „modernen“ und „motorischen Linie“ besann.
1948 beschĂ€ftigte sich gar das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion mit Prokofjews Werk. Eine am 10. Februar verabschiedete Resolution bezichtigte ihn formalistischer Tendenzen, was in der Praxis bedeutete, dass es zumindest immensen Mutes bedurfte, Werke des Verfemten aufzufĂŒhren. Prokofjew folgte der Aufforderung zu mehr VolkstĂŒmlichkeit insofern, dass er die „klassische“ und „lyrische Linie“ wieder stĂ€rker betonte. In seinem SpĂ€twerk herrschen ausdrucksstarke, lyrische Melodien vor, die allerdings vielfach Resignation durchscheinen lassen.

Briefmarke-Sowjetunion-Sergej-Prokofjew

1991 ehrte die Sowjetunion Sergej Prokofjew zu seinem 100. Geburtstag.

Gewiss spielten dabei Prokofjews Gesundheitsprobleme hinein. 1945 war er schwer gestĂŒrzt und erholte sich nie von den Folgen des Unfalls. Prokofjews frĂŒher Tod am 5. MĂ€rz 1953 – heute vor 60 Jahren – fand in der Sowjetunion kaum Beachtung. Am selben Tag war nĂ€mlich jener Mann verstorben, vor dem nicht nur Musiker, KĂŒnstler und andere GeistesgrĂ¶ĂŸen zitterten: Stalin.

Authored by: Torsten Berndt

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