Versteckte Ideen und Gedanken

1997 ehrte √Ėsterreich Johannes Brahms im Stichtiefdruck, MiNr. 2218.

1997 ehrte √Ėsterreich Johannes Brahms im Stichtiefdruck, MiNr. 2218.

Das Briefmarkenalbum auf dem Tisch, den Katalog daneben, ein Klavierkonzert oder eine Sinfonie von Johannes Brahms aufgelegt ‚Äď es gibt wohl kaum etwas Sch√∂neres. Sicher, Felix Mendelssohn-Bartholdy und Franz Liszt, Franz Berwald und Fryderyk Chopin hinterlie√üen ebenso eindrucksvolle Werke wie Brahms. Man muss Brahms auch nicht unbedingt als legitimen Nachfolger Ludwig van Beethovens betrachten, um seine Sch√∂pfungen zu sch√§tzen.
Im Olymp sitzt er mit den Gro√üen an einem Tisch, von Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich H√§ndel √ľber Wolfgang Amadeus Mozart und Joseph Haydn bis Gustav Mahler und Dmitri Schostakowitsch. Ohnehin legt das Bildungsb√ľrgertum zu viel Wert auf Debatten √ľber den einzig richtigen Weg in Musik, Literatur und Bildender Kunst. Die Vielfalt macht‚Äôs, und daher k√∂nnen heute Kompositionen Brahms‚Äô und Anton Bruckners in ein und demselben Konzert erklingen, ohne die Auff√ľhrenden blo√üzustellen. Im 19. Jahrhundert w√§re dies schwer vorstellbar gewesen.
Damals tobte ein heftiger Richtungsstreit, in dessen Mittelpunkt neben Brahms Richard Wagner stand. Beide kamen sich zwar kaum in die Quere, da Wagner vornehmlich Opern schrieb, derweil Brahms nicht eine einzige B√ľhnenmusik vorlegte. Dies hielt ihre Anh√§nger aber nicht davon ab, sehr eindeutig Partei zu ergreifen. Mitunter war dies menschlich verst√§ndlich. So avancierte Hans von B√ľlow vom Anh√§nger zum Gegner Wagners, nachdem Wagner mit Cosima von B√ľlow, der Tochter Liszts, durchgebrannt war. Eduard Hanslick, einer der einflussreichsten Musikkritiker Wiens, geh√∂rte wohl in erster Linie zu jenen, die ihren eigenen Geschmack f√ľr allgemeinverbindlich erkl√§ren wollen ‚Äď ein Ph√§nomen, das wir heute beispielsweise im Internet gut beobachten k√∂nnen. Brahms positionierte sich im Streit des 19. Jahrhunderts auf Seiten der Traditionalisten, beteiligte sich an den Diskussionen aber nur selten. Zu Wagners Werk sind kaum √Ąu√üerungen von ihm √ľberliefert, w√§hrend umgekehrt Wagner wiederholt abf√§llig √ľber Brahms‚Äô Kompositionen geschrieben hat. Allerdings war Wagner ohnehin dem Manifestieren mehr zugeneigt als Brahms.
Brahms lie√ü lieber seine Musik sprechen, machte es den H√∂rern seiner Zeit aber keineswegs einfach. Sein Konservativismus galt bei Licht besehen den traditionellen Formen und Techniken. Ja, er integrierte in sein Werk sogar mittelalterliche Kirchentonarten, die schon zu Zeiten Bachs bestenfalls als Verneigung vor dem Schaffen fr√ľherer Tonsetzer eingesetzt wurden.
Brahms‚Äô Klangbilder entsprachen indessen nur bei oberfl√§chlichem H√∂ren den Traditionen. Geschickt vermochte er es, neue Ideen und Gedanken versteckt in seine Werke einzuarbeiten, mitunter so geschickt, dass es selbst seine erkl√§rten Anh√§nger nicht so recht zu erkennen vermochten. Diese sprachen dann Brahms eine besondere intellektuelle Tiefe zu. Vielleicht trug auch diese Art der Rezeption dazu bei, dass Brahms zu Lebzeiten zwar √§u√üerst erfolgreich war, viele seiner Musik aber zugleich reserviert gegen√ľberstanden. Manches Werk, insbesondere seine Klavierkonzerte, galt ferner auch professionellen Musikern als schwer oder gar nicht spielbar. Anfangs be√§ugten die Musikverleger denn auch Brahms‚Äô Kompositionen kritisch. Selbst ein begnadeter Pianist, √ľbersch√§tzte er wom√∂glich die F√§higkeiten seiner Zeitgenossen ein wenig.

Der Block mit einem Porträt und Brahms' Handschrift erschien 1983 in der DDR, MiNr. 2764, Block 69.

Der Block mit einem Portr√§t und Brahms‘ Handschrift erschien 1983 in der DDR, MiNr. 2764, Block 69.

Gro√üen Anklang fanden vor allem seine ab 1869 in unterschiedlichen Fassungen ver√∂ffentlichten ‚ÄěUngarischen T√§nze‚Äú. Kritiker bewerteten sie als oberfl√§chlich und nicht Brahms‚Äô sonstigem Schaffen angemessen. Ihre ersten Auff√ľhrungen gelten manchem als die einzigen Musikskandale in Brahms‚Äô Leben. Mit dem 1868 entstandenen ‚ÄěDeutschen Requiem‚Äú zeigte sich Brahms auf der H√∂he der Zeit, war doch kurz zuvor der Norddeutsche Bund als Vorl√§ufer eines einheitlichen Deutschland entstanden. Das Requiem in deutscher anstatt lateinischer Sprache wurde denn auch frenetisch bejubelt.
√úber die Debatten jener Jahre ist die Zeit ebenso hinweggegangen wie √ľber B√ľlows These, Brahms‚Äô erste Sinfonie sei eigentlich Beethovens zehnte. So un√ľberh√∂rbar die Zitate im vierten Satz auch sind, sprechen gerade sie gegen B√ľlow. Eindeutig wollte Brahms mit den Takten Beethoven die Reverenz erweisen, nicht mehr und nicht weniger. Aussagen, er sei ‚Äěder Erbe Beethovens‚Äú, so der Wiener Violinist Josef Hellmesberger senior, lehnte er rundweg ab, allein schon weil er f√ľrchtete, den damit verbundenen Erwartungen nicht gerecht werden zu k√∂nnen.
Sein eigenes Schaffen sah Brahms h√∂chst kritisch, sehr zum Leidwesen der Verleger, die manches Mal lange warten mussten, bis Brahms ein Werk zur Ver√∂ffentlichung freigab. Trotz seiner gro√üen Erfolge bewegte er sich in der √Ėffentlichkeit vorsichtig; aus vielen Fotos ‚Äď seinerzeit waren sie wegen der vergleichsweise langen Verschlusszeiten gestellt ‚Äď spricht sogar eine gewisse Verschlossenheit gegen√ľber anderen.
Heute vor 180 Jahren kam Johannes Brahms in Hamburg auf die Welt. Er starb am 3. April 1897 in Wien.


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Authored by: Torsten Berndt

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