Mehr Verkehr auf die Schiene

Mit Absenderfreistempeln lässt sich die Bahnreform dokumentieren. Der Abdruck mit dem ICE stammt aus dem bis 1993 von der Deutschen Reichsbahn bedienten Verkehrsgebiet.

Mit Absenderfreistempeln lässt sich die Bahnreform dokumentieren. Der Abdruck mit dem ICE stammt aus dem bis 1993 von der Deutschen Reichsbahn bedienten Verkehrsgebiet.

In der Musik spricht man von der ‚ÄěUnvollendeten‚Äú, wenn ein Tonsetzer ein Werk nicht abschlie√üt. Keineswegs l√§sst sich das stets darauf zur√ľckf√ľhren, dass der Meister vor der Vollendung verstorben ist. Franz Schubert schrieb beispielsweise nach seiner unvollendeten Sinfonie in h-Moll noch die Sinfonie in C-Dur, heute als siebente und achte Sinfonie eingeordnet. Weshalb er die h-Moll-Sinfonie nicht abschloss, z√§hlt zu den Fragen, mit denen sich Musikwissenschaftler wohl bis an das Ende aller Tage besch√§ftigen k√∂nnen.
Weshalb die deutsche Bahnreform von 1994 unvollendet ist, l√§sst sich dagegen leicht sagen. Zum einen wagte es die Politik nicht, die heute vor 20 Jahren gegr√ľndete Deutsche Bahn in eigenst√§ndige Unternehmen aufzuteilen, die f√ľr den Schienenverkehr und f√ľr das Schienennetz zust√§ndig sind. Zum anderen dominierten am Markt von Anbeginn staatliche Unternehmen, sodass von der vielbeschworenen Privatisierung des Schienenverkehrs keine Rede sein kann.
Auf deutschen Gleisen sieht man zwar inzwischen Z√ľge zahlreicher Anbieter, die amtlich ‚ÄěEisenbahnverkehrsunternehmen‚Äú genannt werden. Ihre Eigent√ľmer sind aber oftmals Verkehrsbetriebe der L√§nder oder Gemeinden sowie ausl√§ndische Staatsbahnen. Der die DBZ-St√§dte Alfeld und G√∂ttingen bedienende Metronom geh√∂rt beispielsweise den Italienischen Staatsbahnen, der Hamburger Hochbahn und den Bremer Stra√üenbahnen ‚Äď allesamt keine Privatbetriebe. Nach G√∂ttingen f√§hrt zudem der Cantus, ein Gemeinschaftsunternehmen der Hamburger Hochbahn und des Hessischen Landesbahnen. Im Reisezugverkehr gibt es nur einen privaten Anbieter mit nennenswertem Marktanteil, die Unternehmen der franz√∂sischen Veolia-Gruppe, hierzulande unter den Markennamen Connex bekannt.
Immerhin treten im G√ľterverkehr einige private Bahnen an, die √ľberwiegend zu international t√§tigen Speditionen z√§hlen oder aus einstigen Werkbahnen hervorgegangen sind. Teilweise beauftragen sie andere Unternehmen mit dem Zugbetrieb selbst, vermarkten beispielsweise eigene Rechnung einen Container-Ganzzug, den dann eine Lokomotive der Deutschen Bahn ans Ziel bringt. Da G√ľterverkehr seit jeher grenz√ľberschreitend stattfindet, verwundert es kaum, dass zahlreiche Anbieter aus anderen europ√§ischen Staaten auf deutschen Gleisen unterwegs sind, zum Beispiel die polnische CTL. Wiederum machten staatliche Anbieter den privaten Konkurrenz, beispielsweise die Hamburger Hafen und Logistik, die mit Polzug und Metrans am Markt auftritt.
Das wichtigste Ziel der Bahnreform wurde indessen erreicht: mehr Verkehr auf die Schiene zu bringen. Otto Normalverbraucher sieht dies am deutlichsten im Nahverkehr. Heute herrscht auf den meisten Strecken Stundentakt, in seltenen F√§llen ein Zweistundentakt. Die Zeiten, in denen morgens, mittags und abends jeweils ein, zwei Z√ľge fuhren, sind gl√ľcklicherweise pass√©. Ja, im Umkreis gro√üer St√§dte erlebt man oftmals einen Nahverkehr mit aus dem S-Bahnverkehr bekannter dichter Zugfolge. Die Reisenden nahmen das Angebot an. Ihre Zahl stieg deutlich.
Allerdings gilt es auch festzuhalten, dass der Erfolg keineswegs den Kr√§ften des freien Marktes geschuldet ist. Vielmehr bestellen die L√§nder oder von ihnen gegr√ľndete Beh√∂rden wie die Bayerische Eisenbahngesellschaft den Nahverkehr auf der Schiene. Daf√ľr stellt der Bund ihnen reichlich Geld zur Verf√ľgung, derzeit rund sieben Milliarden Euro im Jahr. Wie der kommunale Nahverkehr mit Stra√üenbahnen und Bussen ist auch der Nahverkehr der Eisenbahn auf staatliche Unterst√ľtzung angewiesen.
√Ąhnlich erfolgreich entwickelte sich der Personen-Fernverkehr, der ohne Hilfe des Staates auskommen muss. Heute nutzen weitaus mehr Reisende die Angebote als vor der Bahnreform. Den Fernverkehr bew√§ltigt die Deutsche Bahn weitgehend allein. Nur zwischen Rostock, Berlin und Leipzig sowie zwischen Hamburg und K√∂ln verkehren Z√ľge privater Wettbewerber, au√üerdem w√§hrend der Sommermonate ein Nachtzug Berlin ‚Äď Malm√∂.

Der Absenderfreistempel der Deutschen Reichsbahn weist noch die vierstellige Postleitzahl aus. Die Anschrift ist dieselbe wie beim oben gezeigten Absenderfreistempel.

Der Absenderfreistempel der Deutschen Reichsbahn weist noch die vierstellige Postleitzahl aus. Die Anschrift ist dieselbe wie beim oben gezeigten Absenderfreistempel.

Die gr√∂√üten Erfolge verzeichnete die Bahnreform im G√ľterverkehr. Dort etablierten sich nicht nur die meisten wirklich privaten Konkurrenten der weiterhin staatlichen Deutschen Bahn, dort stieg auch die Verkehrsleistung trotz ung√ľnstigen Umfeldes gewaltig. Vom System her ist die Eisenbahn eigentlich ein Massenverkehrsmittel, doch werden immer weniger Masseng√ľter transportiert. Daf√ľr steigt der Anteil in kleinen Mengen und kleinen Volumina bef√∂rderter G√ľter. Dass es den Anbietern gelang, die Verkehrsleistung von rund 80 Milliarden auf mehr als 100 Milliarden Tonnenkilometern zu steigern, spricht f√ľr die These, dass Wettbewerb einen Markt positiv beeinflusst. Solange der gr√∂√üte Anbieter, die Deutsche Bahn, aber dem Staat geh√∂rt, bleibt die Bahnreform unvollendet.


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Authored by: Torsten Berndt

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