Schlimmste politische Straftat: liberales Denken

Die Sondermarke von 1989 ‚Äď abgebildet ist ein Paar mit Bogenz√§hlnummer ‚Äď ehrte List vor allem als Eisenbahnpionier, MiNr. 1429.

Die Sondermarke von 1989 ‚Äď abgebildet ist ein Paar mit Bogenz√§hlnummer ‚Äď ehrte List vor allem als Eisenbahnpionier, MiNr. 1429.

√Ėkonom oder Politiker? Vordenker der deutschen Einheit oder nur der deutschen Eisenbahn? Vision√§r oder Pragmatiker? Friedrich List l√§sst sich kaum einordnen, schon gar nicht in die altbekannten Schemata. Er blickte weit √ľber den Horizont seiner Zeit heraus. Dies bereitete ihm nat√ľrlich gro√üe Probleme, beispielsweise als er ein deutsches Eisenbahnnetz skizzierte und dabei souver√§n die Grenzen der Nationalstaaten ignorierte. Dennoch sollte man sich h√ľten, ihn im Elfenbeinturm zu verorten, denn seine Arbeiten hatten Hand und Fu√ü und verm√∂gen in fast allen Bereichen auch heute noch zu √ľberzeugen.
Seine ersten Schritte ging er in der √∂ffentlichen Verwaltung. Schnell stieg er in seiner Heimatstadt Reutlingen auf ‚Äď dort wurde er vor 225 Jahren am 6. August 1789 getauft; sein genaues Geburtsdatum ist unbekannt. 1811 wechselte er in das Oberamt T√ľbingen. An der T√ľbinger Universit√§t besuchte er unter anderem Vorlesungen in Recht und Finanzwirtschaft und √ľbernahm 1816 eine Position im Stuttgarter Finanzministerium. Dort organisierte er eine Umfrage unter Auswanderern. Mit der Befragung wollte die w√ľrttembergische Regierung ermitteln, mit welchen Gegenma√ünahmen sie die wachsende Emigration einschr√§nken k√∂nne. Parallel entwickelte er ein Konzept zur Reform der Beamtenausbildung, das stark auf seinen Erfahrungen aus der Verwaltungspraxis beruhte. Im Mittelpunkt seiner √úberlegungen stand die Etablierung einer staatswissenschaftlichen Fakult√§t.
Die Regierung folgte ihm und berief ihn zum Professor f√ľr Staatsverwaltungswissenschaften. Das rief den Widerstand der Professorenschaft wach, denn List konnte keinerlei Studienabschluss vorweisen, schon gar keinen h√∂heren. Dass List zudem publizistisch in Erscheinung trat, weckte den Argwohn der Regierung. Sie verd√§chtigte ihn der seinerzeit wohl schlimmsten politischen Straftat, des liberalen Denkens. Nicht ganz zu Unrecht, wie man festhalten muss.
1819 hatte er in Frankfurt am Main ma√ügeblich zur Gr√ľndung des Allgemeinen Deutschen Handels- und Gewerbevereines beigetragen. Dieses Engagements wegen legte er seinen Lehrstuhl nieder, ehe ihn die Regierung abberufen konnte. Seine erste Wahl in den w√ľrttembergischen Landtag, 1819, war ung√ľltig, da List noch nicht das 30. Lebensjahr vollendet hatte. Im Folgejahr zog er dann in die Versammlung ein und positionierte sich eindeutig auf Seiten der Liberalen. Sein Eintreten f√ľr Freihandel, Demokratie und kommunale Selbstverwaltung f√ľhrte 1821 zum Mandatsentzug nach einem Votum der Landtagsabgeordneten. 1822 wurde er dann f√ľr seine Ansichten zu zehn Monaten Festungshaft verurteilt.



Nach Verb√ľ√üung von f√ľnf Monaten erkl√§rte er sich zur Auswanderung in die Vereinigten Staaten bereit. Dort bet√§tigte er sich zun√§chst als Farmer, sp√§ter dann als Mitinhaber eines Bergwerks und kam zu Wohlstand. Zweifelsfrei hatte er unter Beweis gestellt, pragmatisch und erfolgreich handeln zu k√∂nnen.
Die im Alltag gesammelten Erfahrungen verwertete er auch theoretisch. Vom Konzept des totalen Freihandels wandte er sich ab und trat nunmehr f√ľr die Erhebung von Schutzz√∂llen f√ľr ausgew√§hlte Waren aus Gro√übritannien ein. 1830 wurde List amerikanischer Staatsb√ľrger.
In Deutschland trat er derweil publizistisch in Erscheinung und ver√∂ffentlichte die ‚ÄěMittheilungen aus America‚Äú. Darin berichtete er auch erstmals √ľber die Eisenbahn. Als er 1834 amerikanischer Konsul in Sachsen wurde, hatte er seine bedeutendste Schrift zu dem Thema bereits vorgelegt: ‚Äě√úber ein s√§chsisches Eisenbahn-System als Grundlage eines allgemeinen deutschen Eisenbahn-Systems und insbesondere √ľber die Anlegung einer Eisenbahn von Leipzig nach Dresden‚Äú, erschienen 1833. Darin skizzierte er ein Eisenbahnnetz mit Liniensternen in Leipzig, Berlin und Hannover. Gr√∂√üere Verzweigungen sah er in Hamburg, Magdeburg, Hersfeld, Karlsruhe und Augsburg vor.
S√§mtliche von List skizzierten Strecken wurden in den fr√ľhen Jahren der Eisenbahn erbaut, teils von den Staaten, teils von Privatunternehmen. Besser l√§sst sich Lists Realit√§tssinn kaum dokumentieren. List selbst fand aber nur ideelle Anerkennung f√ľr sein Engagement. Mit seinem √ľber die Grenzen Sachsens und anderer deutscher Staaten hinausreichenden Denken verschreckte er die Honoratioren, die seine Ausarbeitungen zwar gern entgegennahmen und ihm auch die eine oder andere Auszeichnung verliehen, ansonsten aber keinen Platz f√ľr ihn fanden. Einen Platz brauchte er aber, denn seine amerikanischen Unternehmensbeteiligungen warfen immer weniger Ertrag ab. Im Zuge der Finanzkrise von 1837 sollte er sein Verm√∂gen sogar weitgehend verlieren.
Da W√ľrttemberg seine Begnadigung ablehnte, er in Sachsen oder anderswo in Deutschland aber auch nicht Fu√ü fassen konnte, ging er nach Paris. Dort trat er die Stelle des Korrespondenten der ‚ÄěAllgemeinen Zeitung‚Äú an und verfasste allgemeine Schriften zur Volkswirtschaft. 1840 kehrte er nach Deutschland zur√ľck und fand in Augsburg eine neue Heimat.


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Sein Hauptwerk, ‚ÄěDas nationale System der politischen √Ėkonomie‚Äú erschien 1841. Darin f√ľhrte er seine in den Vereinigten Staaten entwickelten Gedanken zu moderaten Schutzz√∂llen fort, die den Aufbau der Industrie begleiten sollten, bis ein Freihandel m√∂glich war. Die klassische Volkswirtschaftslehre des Adam Smith erweiterte er, indem er nicht nur Produktion und Handel analysierte, sondern auch politische und soziale Faktoren ber√ľcksichtigte. F√ľr die weitere positive wirtschaftliche Entwicklung schien ihm die Bildung des deutschen Nationalstaates unabdingbar. Als Vorl√§ufer betrachtete er den deutschen Zollverein. Allerdings fanden auch im Zollverein mehr und mehr die Bef√ľrworter des Freihandels Geh√∂r.
Rastlos t√§tig, ver√∂ffentlichte List eine Reihe wirtschaftlicher Schriften. Der ‚ÄěZollvereinszeitung‚Äú diente er als Herausgeber. Zudem warb er auf Reisen in Deutschland und √ĖsterreichUngarn f√ľr sein Anliegen, versuchte sogar die belgische Regierung von den Vorteilen eines Vertragsschlusses mit dem Zollverein zu √ľberzeugen. Zustimmung fand er aber immer weniger, und auch wirtschaftlich ging es nach der Einstellung der ‚ÄěZollvereinszeitung‚Äú wieder bergab ‚Äď der Versuch, sie in Eigenregie fortzuf√ľhren, scheiterte schnell.

Die DDR ehrte List 1989 anlässlich des Jubiläums der Leipzig-Dresdner Eisenbahn, MiNr. 3238.

Die DDR ehrte List 1989 anlässlich des Jubiläums der Leipzig-Dresdner Eisenbahn, MiNr. 3238.

Zutiefst verbittert sah Friedrich List keinen anderen Ausweg mehr als den Suizid. Am 30. November 1846 erschoss er sich in Kufstein. Erst die Nachgeborenen erkannten seinen Rang in der Geschichte. Interessanterweise w√ľrdigten ihn nach 1945 beide deutschen Staaten gleicherma√üen. In der DDR betonte man zwar vor allem sein Engagement im Verkehrswesen. Seine liberalen und marktwirtschaftlichen Thesen fielen aber keineswegs unter den Tisch. Seltener wurde sein Einsatz f√ľr die deutsche Einheit erw√§hnt. In der Bundesrepublik ehrten ihn vor allem Reutlingen, T√ľbingen und Baden-W√ľrttemberg. Auch dort stand sein verkehrspolitisches Wirken im Vordergrund, gefolgt von den nationalstaatlichen Gedanken. Sein wirtschaftliches Werk betrachteten eine Zeitlang nur Fachleute und Historiker. Seine Vorstellungen insbesondere in der Schutzzollfrage spiegelten das Denken, das heute in den weniger entwickelten L√§ndern vorherrscht. Entwickelt hatte er sie, als auch Deutschland noch zu den weniger entwickelten L√§ndern geh√∂rte.


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Authored by: Torsten Berndt

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