Sie wusste stets, wovon sie sang

Sie wusste stets, wovon sie sang

Im Jazz komme es nicht auf das ‚ÄěWas‚Äú, sondern auf das ‚ÄěWie‚Äú an, lautet ein bekanntes Diktum und kaum jemand hat dies so verk√∂rpert wie die gro√üe S√§ngerin Billie Holiday: Was f√ľr eine Phrasierung, was f√ľr ein Timing, was f√ľr ein Ausdruck! Geboren am 7. April 1915 in Philadelphia, als Tochter eines Jazz-Gitarristen und einer ungelernten Arbeiterin, musste sie fr√ľh durch eine harte Schule. Im Alter von elf Jahren musste sie bereits viele Stunden im Imbiss ihrer Mutter arbeiten, wurde von einem Nachbarn vergewaltigt, kam ‚Äězu ihrem Schutz‚Äú in ein Erziehungsheim und arbeitete schlie√ülich in einem Bordell, erst als Putzfrau, dann, zusammen mit ihrer Mutter, auch als Prostituierte, bis sie mit 13 Jahren verhaftet wurde. Die Rettung kam durch die Musik, besonders durch den Jazz von Louis Armstrong, den sie fr√ľh zu sch√§tzen lernte.

Mit 14 Jahren begann sie, zusammen mit lokalen Musikern, erstmals als S√§ngerin in New Yorker Clubs aufzutreten, zugleich begann sie aber auch, regelm√§√üig Alkohol und Marihuana zu sich zu nehmen. Im Jahr 1933 wurde der Jazz-Produzent John Hammond auf sie aufmerksam, der eine Plattenaufnahme mit Benny Goodman arrangierte, was ihren ersten Hit zur Folge hatte. Es folgte der erste Plattenvertrag ‚Äď die neuen Musikboxen brauchten schlie√ülich stetigen Nachwuchs ‚Äď in dessen Folge sie den Saxofonisten Lester Young kennenlernte, mit dem sie eine lebenslange Freundschaft und eine √ľberaus fruchtbare musikalische Partnerschaft verbinden sollte und der ihr den ber√ľhmten Spitznamen ‚ÄěLady Day‚Äú verpasste. Die ersten Schallplatten unter ihrem eigenem Namen erschienen, sie nahm einen Song und machte ihn zu ihrem eigenen, bald folgten Tourneen mit bekannten Bandleadern wie Count Basie oder Artie Shaw.

Doch es war oft auch eine Zeit der Erniedrigungen: W√§hrend die wei√üen Musiker von Shaws Bigband das Hauptportal des jeweiligen Clubs benutzen, musste sie durch den Hintereingang gehen, wurde in sch√§bigen Hotels untergebracht und konnte nicht mit den anderen Musikern zusammen essen. Zuvor, mit Count Basie, hatte sie sich einmal schwarz schminken m√ľssen, ihr Teint war zu hell, und man bef√ľrchtete, die Leute w√ľrden denken, ein wei√ües M√§dchen w√ľrde zusammen mit schwarzen Musikern auftreten. Irgendwann in dieser Zeit muss sie angefangen haben, Heroin zu nehmen.


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Den Rassismus zu thematisieren, wurde eines ihrer Hauptanliegen und mit ‚ÄěStrange Fruit‚Äú, dem eindringlichen Song √ľber die seltsame Frucht, die da an einem Baum h√§ngt, n√§mlich der K√∂rper eines gelynchten Schwarzen, gelang ihr ein Riesenerfolg.

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Sie wurde ein Star, trat mit den gr√∂√üten Musikern ihrer Zeit auf, f√ľllte Konzerthallen und verlor doch langsam den Kampf gegen das Heroin. Trotzdem ihre Stimme und ihre Technik langsam verloren gingen, besa√ü sie immer noch mehr Ausdruck als Legionen anderer S√§ngerinnen vor und nach ihr. Ob Liebe, Hunger, oder Leid: Sie wusste stets, wovon sie sang. Ende der 1950er-Jahre f√ľllte sie noch zweimal die Carnegie Hall und begeisterte beim Monterery Jazz-Festival, doch am 10. Juli 1959 starb die gro√üe S√§ngerin des understatements an den Folgen ihres jahrelangen Alkohol- und Drogenkonsums. Eine der gro√üen Stimmen des Jazz war verstummt.

Authored by: Udo Angerstein

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