Monumentalwerk zum Postvorschussverfahren

Monumentalwerk zum Postvorschussverfahren

Wenn sich drei namhafte Arbeitsgemeinschaften für eine Gemeinschaftsausgabe zusammentun, darf man die Messlatte getrost hoch ansetzen. Wenn der Autor dazu ferner nach mehr als fünfzig Jahren Sammeln und Forschen ein ausgewiesener Kenner der Materie und obendrein renommierter Preisrichter für Postgeschichte ist, steigert das die Erwartungshaltung noch um einiges. Um es vorweg zu nehmen: Hans-Joachim Holz erfüllt die Erwartungen in bestechender Weise. Er legt ein monumentales Werk vor, das Maßstäbe setzt. Erstmals stellt er das Postvorschussverfahren – wegen kaum vorhandener Belege bleibt der Verkehr mit dem Ausland ausgespart – zusammenhängend und umfassend dar und gibt dem interessierten Sammler ein Nachschlagewerk an die Hand, das es ihm ermöglicht, seine Belege besser zu deuten, ggf. zu enträtseln und sachgerecht zu beschreiben.
Holz beginnt mit einer kurzen Begriffsklärung. Postvorschuss will sagen, dass der Absender sich bereits bei Einlieferung einen angegebenen Betrag auszahlen lässt, im Gegensatz zur Nachnahme, bei der der Kunde die Post mit dem Einzug einer bestimmten Summe beim Empfänger beauftragt, die ihm anschließend übermittelt wird. Briefe bis 1850 aus verschiedenen altdeutschen Postgebieten illustrieren die Ausführungen, jeder einzelne – wie sämtliche anderen Belegabbildungen – bis ins Detail erläutert.

Komplexes Abrechnungssystem

Wegbereiter für das Postnachnahmegeschäft war Preußen. Dort wurden ab 1720 zunächst Gerichtsakten per Postvorschussverfahren verschickt. Co-Autor Karlfried Krauß, einem bestens bekannten Preußen-Experten, ist es überlassen, das dortige Postvorschussverfahren in seiner Entwicklung darzustellen. Dazu greift er auf Postverordnungen und Reglements zu Gesetzen über das Postwesen zurück und erläutert das komplexe Abrechnungssystem anhand einer großen Belegfülle. Das Folgekapitel zur Zeit des Deutsch-Österreichischen Postvereins 1850–1867 stammt ebenfalls aus seiner Feder. Zu dieser Zeit wurde das Postvorschussverfahren außer in Preußen, wo 1849 der Auslagen-Stempel eingeführt worden war, auch in weiteren altdeutschen Ländern wie Sachsen, Baden, Mecklenburg-Strelitz, Hannover, Thurn und Taxis oder Bayern praktiziert.

HOLZ PostvorschussOpulentes Belegmaterial

Danach kommt Holz wieder zum Zug. Er beschäftigt sich zunächst im umfangreichsten Kapitel des Buchs mit dem Norddeutschen Postbezirk 1878–1871. Das Postwesen übernahm das Generalpostamt in Berlin. Postvorschuss- und Nachnahmesendungen gehörten zur Fahrpost, wobei zwischen unfrankierten und frankierten Sendungen unterschieden wurde. Die Postvorschussgebühr hieß von nun an Procura. Detailliert erklärt Holz die einzelnen Phasen der Veränderungen in der Behandlung entsprechender Sendungen und erläutert ihre Taxierung anhand opulenten, häufig sehr seltenen Belegmaterials. Selbst ungewöhnliche Beispiele wie die nicht erlaubte, aber getrennte Zahlung von Briefgebühr und Procura sind mehrfach vertreten.
Ein neues Reglement trat mit Schaffung der Deutschen Reichspost ab 1872 in Kraft und brachte eine Reihe von Veränderungen. Baden wurde postalisch in die Verwaltung des Deutschen Reiches übernommen. Auf den Sendungen war das Gewicht anstatt in Loth nunmehr in Pfund und Gramm anzugeben. Die Farbe des Auslagen-Stempels wechselte von Rot zu Schwarz. Die Reform vom Juni 1874 führte eine neue Berechnung ein und ersetzte die Auslagen-Stempel durch Klebezettel. Ausführlich geht der Autor auf Besonderheiten ab Januar 1874 ein: Nach- und Rücksendungen, Portodifferenzen, Postsachen, Aversverfahren, Paketsendungen sowie den Wechselverkehr mit Bayern und Württemberg, die ihre eigenen Postverwaltungen hatten. – Ein gesondertes Kapitel behandelt die Regelungen für die neuen Reichslande Elsaß und Deutsch-Lothringen 1871–1874.

GroĂźartige Aufmachung

Die Deutsche Reichspost 1875–1878 ist Gegenstand des Schlusskapitels. Die mit Einführung der gemeinsamen Goldmarkwährung fällige neue Postordnung vom 1.1.1875 verfügte u.a. die Ablösung der bisherigen posttechnischen Fremdwörter durch deutsche Bezeichnungen: Recommandirt wurde zu eingeschrieben oder Passagierbillet zu Fahrschein. Vorschusssendungen und –gebühren nahmen im Reglement breiten Raum ein. Das Postvorschussverfahren endete am 20. September 1878; fortan gab es nur noch die Nachnahme. – Postvorschuss-Gebührenübersichten für Preußen, den Norddeutschen Postbezirk und die Reichspost sind in den Anhang aufgenommen, ebenso wie das umfangreiche Quellen- und Literaturverzeichnis.
Die komplexe Materie des Postvorschussverfahrens wissen die Autoren dem Leser dank der übersichtlichen Struktur des Buches und des üppigen „Anschauungsmaterials“ von Belegen und Faksimile-Auszügen relevanter Verordnungen begreiflich nahezubringen. Ein wenig Einarbeitung ist allerdings unerlässlich! Die großartige Aufmachung des Werks, für die Karlfried Krauß verantwortlich zeichnet, verdient eine besondere Erwähnung. Das gilt nicht nur für Papier und Einband, sondern vor allem das ansprechende und dezente Layout. Gäbe es ein Prädikat „ästhetisch wertvoll“, hier wäre es am Platz. – Interessenten sollten sich sputen, die Auflage ist weitgehend vergriffen.
Holz, Hans-Joachim, unter Mitarbeit von Karlfried Krauß, Postvorschuss und Nachnahme bei der Norddeutschen Bundespost und der Deutschen Reichspost 1868 – 1878. Mit einer Einführung Preußen und Deutsch-Österreichischer Postverein. Gemeinschaftsausgabe der Arbeitsgemeinschaften Norddeutscher Postbezirk, Brustschilde und Nachverwendete Altdeutschland-Stempel sowie Krone/Adler. 456 S., 18,5 x 25 cm, Kreidepapier, Abb. farbig, Hardcover, Fadenbindung. Potsdam 2023. Preis: 50,00 Euro. Bezug über die ArGen: www.arge-ndp.de; www.arge-brustschilde.de; www.arge-krone-adler.de.

Rainer von Scharpen

Titelabbildung: Vorschussbrief aus Freiburg 9. April 1874 nach Altheim über 45 Kr., diese sogleich „erhalten“. Brief (über 10 Meilen): 14 Kr. Procuragebühr (1 Kr. / Gulden, aber als Minimum): 3 Kr. Gesamt vom Absender bezahlt: 17 Kr. Nur die 45 Kr. Postvorschuss waren beim Empfänger einzuziehen.

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Authored by: redaktiondbz

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