Gegen das Schlechte anrennen

Kurt Tucholsky auf Briefmarke der DDR von 1970, MiNr. 1536.

Bereits 1970 ehrte die DDR den großen Gesellschaftskritiker mit deiner Sondermarke, MiNr. 1536.

„Was darf die Satire? Alles.“ Diesen Satz veröffentlichte Kurt Tucholsky vor 96 Jahren, im Januar 1919 im Berliner Tageblatt und man möchte ihn den feigen AttentĂ€tern von Paris förmlich ins Gehirn rammen. Allein, sie haben nichts begriffen… „Der Satiriker ist ein gekrĂ€nkter Idealist: er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an“, schrieb der heute vor 125 Jahren geborene große Journalist und Schriftsteller, und, bei der gleichen Gelegenheit: „Die Satire muß ĂŒbertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie blĂ€st die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten.“

In Berlin ist Tucholsky geboren, verbringt seine frĂŒhe Kindheit jedoch in Stettin, bevor es den Vater, einen jĂŒdischen Bankkaufmann, im Jahr 1899 wieder nach Berlin zieht. Im Jahr 1905 stirbt sein Vater, zu dem er ein inniges VerhĂ€ltnis hatte, hinterlĂ€sst ihm aber genug Geld, um ihm eine sorgenfreie Ausbildung zu ermöglichen. 1909 macht Tucholsky sein Abitur und beginnt sofort im Anschluss ein Jura-Studium in Berlin. Erste Schritte als Publizist hatte er schon mit 17 Jahren gemacht und ein literarisches Werk in der Zeitschrift „Ulk“ veröffentlicht. WĂ€hrend des Studium beginnt Tucholsky nun, sich mehr und mehr der Schriftstellerei zuzuwenden. In Prag besucht er Max Brod und Franz Kafka und 1912 veröffentlicht er die ErzĂ€hlung „Rheinsberg“, zugleich eröffnet er fĂŒr einige Wochen auf dem Kudamm eine BĂŒcherbar: Beim Kauf eines Buches bekam man dort einen Schnaps.

Kurt Tucholsky auf Briefmarke der DDR von 1990

1990 folgte eine WĂŒrdigung zum 110. Geburtstag, MiNr. 3321.

Ab 1913 begann er in Siegfried Jacobsohns Zeitschrift „Die SchaubĂŒhne“ zu veröffentlichen und bricht sein Jurastudium ab. 1914 muss er in den Ersten Weltkrieg einrĂŒcken, aus dem er als ĂŒberzeugter Pazifist und Antimilitarist zurĂŒckkehrt: „Krieg dem Kriege“, sein berĂŒhmtes Antikriegsgedicht wird 1919 veröffentlicht. Sein bevorzugtes Sprachrohr ist immer noch die (mittlerweile umbenannte) „WeltbĂŒhne“, fĂŒr die er unter seinem Namen und vier Pseudonymen schreibt, außerdem verfasst er Texte fĂŒrs Kabarett und wird allmĂ€hlich zum einflussreichsten Publizisten der Weimarer Republik. In den 1920er-Jahren reist er viel im Ausland umher und beobachtet mit Sorge den Aufstieg der Nationalsozialisten, die zu einer bevorzugten Zielscheibe seiner bissigen BeitrĂ€ge werden: „Er wollte mit der Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten“, schrieb Erich KĂ€stner spĂ€ter. Doch zugleich leidet Tucholsky darunter, im Grunde nichts ausrichten zu können.

Kurt Tucholsky auf Briefmarke der Deutschen Bundespost Berlin von 1985

Die Deutsche Bundespost Berlin ehrte den Satiriker zum 50. Todestag, MiNr. 748.

1931 schreibt Tucholsky ĂŒber den Krieg: „Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, wĂ€hrend er eine halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war. Sagte ich: Mord? NatĂŒrlich Mord. Soldaten sind Mörder.“, was dem Herausgeber der „WeltbĂŒhne“, Carl von Ossietzky, einen Prozess einbringt. Tucholsky befindet sich zu der Zeit in Schweden, Freunde raten ihm aufgrund der Bedrohung durch die Nazis von einer RĂŒckkehr nach Deutschland ab. Nach Hitlers Machtergreifung werden Tucholskys BĂŒcher verbrannt, er selbst wird ausgebĂŒrgert. Angesichts des Aufstiegs der Barbarei in Deutschland resigniert der Satiriker: „Ich habe mit diesem Land, dessen Sprache ich so wenig wie möglich spreche, nichts mehr zu schaffen. Möge es verrecken – möge es Rußland erobern – ich bin damit fertig.“ Am 21. Dezember 1935 stirbt Kurt Tucholsky im schwedischen Exil an einer Überdosis Schlaftabletten. Seine Worte bleiben und sind heute aktueller denn je.

„Der Mensch ist ein politisches Geschöpf, das am liebsten zu Klumpen geballt sein Leben verbringt. Jeder Klumpen haßt die andern Klumpen, weil sie die andern sind, und haßt die eignen, weil sie die eignen sind. Den letzteren Haß nennt man Patriotismus.“ (Der Mensch, 1931)


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Authored by: Udo Angerstein

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